Tom Maier

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RE: In der Abseits-Falle | 28.04.2014 | 21:51

Bei der gegenwärtigen Situation Brasiliens darf nicht vergessen werden, dass nach Vergabe der WM, also in den vergangenen fünf Jahren, der private Konsum enorm gestiegen ist und auch dadurch Investitionen in wichtige Infrastruktur - etwa im Bildungswesen und der Gesundheitsversorgung - unterblieben ist. Ausgehend von der berechtigten Annahme, dass die Bürger insgesamt vor allem das kurzfristige private Wohlergehen wollten, ließen sich zukunftsorientierte Investitionen nicht von einer Regierung realisieren, ohne eine Wiederwahl zu verunmöglichen.

Ausländische Journalisten treffen in Ländern wie Brasilien zumeist auf gut die gebildeten Menschen der Mittel- und eventuell der Oberschicht. Das Leben der rd. 80 Prozent der Bevölkerung, die weitaus weniger gebildet sind und von dem, was für Deutsche als normale Allgemeinbildung gilt, nichts wissen, bleibt den ausländischen Journalisten - und nicht nur denen - verborgen. Dies auch deshalb, weil die Kontaktpersonen höherer Schichten ein aus ihrer Sicht besseres Bild des Landes zeichnen wollen.

Wie leicht Irrtümer über ferne Länder enstehen, zeigt übrigens auch die Darstellung der Stadt Recife als Megacity, wo sie doch mit allen Vororten zusammen nicht einhmal die Bevölkerungszahl Berlins erreicht.

Die soziale Realität in Brasilien besteht weniger in brutalen Kriminellen oder Fußballfans als bei tieferer Betrachtung vielmehr in einem Erziehungs- und Bildungssystem, das den meisten Schülern ein Wissen vermittelt, das dem von Schülern aus ostasiatischen und europäischen Landern vergleichbar ist, die bis zu vier Jahre jünger sind. Das liegt sowohl an personell wie materiell schlecht ausgestatteten Schulen wie auch vor allem daran, dass eine kindgerechte Erziehung, die Interessen und Entfaltungsmöglichkeiten des Kindes fördert, in der breiten Unterschicht nicht stattfindet.

Hinzu kommt die Dominanz privater Sender, die Bildungsferne sowie Konsumwünsche fördern und zugleich ein Wertegefüge vermitteln, wie man es der fernen us-amerikanischen Mittelschicht zuschreibt.

Die Aussage "Die Menschen wollen mehr als nur konsumieren" trifft auf die meisten Brasilianer derzeit wenig zu, wohl aber auf etliche junge Menschen, die in die soziale Mittelschicht aufgestiegen sind oder gerade aufsteigen wollen. Diese sind auch maßgeblich an den jüngsten Demonstrationen beteiligt.

Die wichtigste Zielsetzung muss aber eine Verbesserung des Bildungswesens sein, die Voraussetzung für ein angemessenes Gesundheitssystem, für ein Wirtschaftswachstum über den Export der Rohstoffe hinaus und eine demokratische Gesellschaft.

Der Zeitrahmen für diesbezügliche Entwicklungen ist nicht in wenigen Jahrzehnten zu bemessen, sondern in mehreren Generationen, denn Lehrer und Hochschullehrer wachsen ebenso wenig an den Bäumen wie Elterngenerationen eine moderne kindgerechte Erziehung schlagartig erlernen.

Wenn nun wieder Proteste gegen hohe und für die Masse der Brasilianer unsinnige Investitionen für Stadien von den Medien aufgegriffen werden, dann werden wohl wieder vor allem Oberflächlichkeiten berichtet werden, die den Kern der brasilianischen Probleme wenig darstellen.