Aus der Hölle, aus dem nichts, aus der Versenkung

SPORTPLATZ So eine Ski-WM hat es lange nicht gegeben. Emotionen, Katastrophen, unerwartete Wendungen, tragische Momente - es ist, als hätte ein talentierter ...

So eine Ski-WM hat es lange nicht gegeben. Emotionen, Katastrophen, unerwartete Wendungen, tragische Momente - es ist, als hätte ein talentierter Drehbuchautor seine Hand im Spiel gehabt. Erst scheint gar kein Skispringen zustande zu kommen, weil der Wind die Springer so tückisch angreift, dass diese den Hang herunterpurzeln. Zudem war die Anlaufspur so holprig präpariert wie eine Abfahrtspiste. Da hatte man von den routinierten Organisatoren im finnischen Lahti mehr erwartet.

Dann finden sich im finnischen Langlauflager gleich zwei positive Dopingproben. Das überrascht deshalb, weil finnische Wintersportler als Urbild des fairen Sportlers gelten: schweigsam, beharrlich, manchmal skurril, aber immer höchst ehrenhaft. Und wenn doch Stimulanzien im Spiel waren, dann konnte es sich höchstens um Alkohol handeln; Matti Nykänen ist da ein Beispiel, empirische Sicherheit gewährleisten die Kaurismäki-Filme. Blutdoping - wie es Jari Isometsä, dem Silbermedaillengewinner im Sprint, und einem Mitglied der siegreichen Staffel vorgeworfen wird - klingt da recht außerirdisch.

Noch verwirrender ist der Rücktritt der beiden finnischen Mannschaftsärzte. Übernehmen sie die Verantwortung dafür, ihre Sportler falsch beraten zu haben? Falsch beraten, indem sie nicht auf Mittel hinwiesen, die verboten sind? Falsch beraten, indem sie die Dosis nicht mehr im Griff hatten? Letzteres käme einem Dammbruch gleich. Es signalisierte, dass die Verantwortlichen im finnischen Leistungssport sich gezwungen glaubten, eine Heim-WM so erfolgsorientiert vorzubereiten, wie man es früher nur den sportpolitischen Klassenkämpfern aus der DDR zutraute.

Zu diesem sportpolitischen Desaster mussten die Finnen auch noch den Einbruch zweier ihrer Superstars verkraften. Mika Myllylä gewann zwar einen WM-Titel, zum Stern der Spiele vermochte er jedoch nicht aufzusteigen. Und Janne Ahonen, dem die Bakken in Lahti gewissermaßen gehören, kam im Einzelwettbewerb nur auf eine magere Bronzemedaille. Nach Tausenden kann man seine Trainingssprünge auf der Normalschanze zählen, jedes Schneekristall soll er beim Namen kennen. Zum Abschluss des Mannschaftswettkampfes von der kleinen Schanze führte sein Team mit zwei Punkten vor Austrias Adlern. Ca. 94 Meter hätte er springen müssen, eine Weite, die er dutzendfach in Lahti zu Tale bringt. 92,5 Meter wurden es - und die Österreicher Weltmeister.

Der Mann, der für Österreich den Sieg aus dem Feuer riss, heißt Martin Höllwarth. Ein Name, ein Programm. Wie im Vorzimmer der Hölle muss er sich die letzten drei Wochen gefühlt haben: Bei dem Autounfall, der zum Tode des Bundestrainers Alois Lipburger und zum Schleudertrauma seines Mannschaftskameraden Andreas Widhölzl führte, saß Höllwarth am Steuer des Wagens. Danach erlebte er seine beste Weltmeisterschaft mit drei Medaillen und einem vierten Platz.

Nicht aus der Hölle, aber aus dem Nichts kam Marco Baacke. Der 21-jährige Thüringer war als Ex-Junioren-Weltmeister zum Lernen zu den Großen gekommen. Er verließ sie als Champion im Sprint der Nordisch Kombinierten. Weder sein höher gehandelter Mannschaftskamerad Ronny Ackermann noch der erstklassige Finne Sampa Lajunen konnten den Newcomer aus der Spur rufen. Woher der Allgäuer Langläufer Johann Mühlegg kommt, vermag man nach den vielen Kapriolen in seiner Karriere nicht mehr zu sagen. Sicher ist nur, der Mann, der vor den deutschen Funktionären nach Spanien flüchtete, gewann in überragender Manier den Ski-Marathon über 50 km.

Schon beim Zuschauen konnte einem da das Herz vor Hochachtung stehen bleiben. Das einzige, was nicht zu diesem Gebräu aus Hochspannung, Tragik und Triumph passen wollte, war die Provinzialität des übertragenden ZDF. Bei jedem Erfolg faselte Moderator Norbert König von Haaren, die sich die Sieger jetzt färben müssten. Als Krönung durfte jeder der Beteiligten mit Narrenkappen vor die Kameras der Mainzer treten. Am allerbesten traf es Ko-Moderator Jens Weißflog. Mit einer grauen Kappe angetan, entsprach er dem Urbild eines doppelzipfelbemützten Michels.

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