Der Pate und das Totenlicht

Volkfest der Lebenden und Toten An Allerheiligen tanzt die Jugend in Sizilien mit Halloween-Masken, die Familien feiern an den Gräbern und die Mafia nutzt den Totenkult zum Erhalt ihrer Macht

In Palermo löst der Tod nicht Angst und Schrecken aus. Er wird zum Anlass eines dreitägiges Volksfestes. In der Halloween-Nacht stürmt die sizilianische Jugend mit Vampirzähnen und Monstermasken die Diskotheken, während die jüngeren Geschwister bangen, welche Geschenke ihnen die toten Ahnen zukommen lassen. Sie bringen die traditionellen "Pupi di Zucchero" - armhohe Abbilder von Rittern und Prinzessinnen, Comicfiguren und Fußballern aus Zucker. Manches Kind hat aber auch schon ein Lateinwörterbuch inmitten der Gaben gefunden.

In den Tagen darauf, zu Allerheiligen und Allerseelen, erfolgt der Gegenbesuch bei den Toten. Autoschlangen wälzen sich zu dem zwischen dem Meer und dem Felsen des Monte Pellegrino eingeklemmten Rotoli-Friedhof. Gelassen steht ganz Palermo im Stau und begutachtet die Lilien, Rosen und Chryanthemen, die die Blumenhändler mit und ohne Konzession anbieten.

Mit den erworbenen Blumen pilgern die Familienverbände schließlich zu Fuß zu den Ruhestätten der Verstorbenen. Die Mitbringsel werden arrangiert - und die Gelegenheit zu einem Schwätzchen mit Cousins, Nachbarn und Arbeitskollegen genutzt. Dabei wird geraucht, telefoniert, zuweilen gezankt. Selten rinnt eine Träne über ein Gesicht, die Freude über die Begegnungen mit den Toten und den Lebenden ist stärker als die Trauer.

Manche Wege allerdings gestalten sich beschwerlich. Ein Teil des Rotoli-Friedhofs ist seit einem Jahr gesperrt, als die Flanke des Monte Pellegrino abzustürzen drohte. Anschließend wurde gebaut, dann wurden die Baumaßnahmen gestoppt, weil die Staatsanwaltschaft Palermo Mauscheleien bei den Ausschreibungen vermutete. Ob es sich um gewöhnliche Korruption handelt oder die Mafia die Hand im Spiel hat, ist noch unklar, aber erst im August hatte die Antimafiastaatsanwaltschaft 25 Millionen Euro von der Familie Lo Cicero beschlagnahmt. Die Familie beherrscht das Viertel rund um den Friedhof. Neben den üblichen Geschäftsfeldern wie Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Geldwäsche hat sie sich offenbar auch um die Bestattung der Toten gekümmert. "Wenn man jemanden auf dem Rotoli zu beerdigen hatte, wurde einem unmissverständlich gesagt, welcher Steinmetz sich um den Grabstein kümmern wird, welcher Bestatter die Beerdigung organisiert und wer das Grab aushebt. Auch die Stellplätze für die Blumenverkäufer teilte die Mafia zu", beschreibt Antonio Ingroia die Verhältnisse in den neunziger Jahren. Ingroia, früher Assistent des legendären Paolo Borsellini, leitete die Friedhofsermittlungen und ist trotz seiner Erscheinung eines zerstreuten Intellektuellen einer der brilliantesten Mafiajäger der jüngeren Generation.

Der Ruf als Mafia-Friedhof bleibt dem Rotoli dennoch erhalten. Nicht zuletzt, weil viele Mafiosi hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. So wenig allerdings wie man einen Mann der sogenannten ehrenwerten Gesellschaft von einem tatsächlich ehrbaren Mann anhand der Physignomie unterscheiden kann, so wenig kann man an den Grabsteinen auf dem Rotoli ablesen, wer von den vielen Inzerillos, Bontades, Riinas und Provenzanos, die hier bestattet sind, zu Lebzeiten mafiosen Betätigungen nachgegangen ist. Salvatore Inzerillo, einer der großen Verlierer des Mafiakrieges in den achtziger Jahren, liegt in einer Familienkapelle moderneren Typs begraben, wie es viele gibt: Ein rechteckiger Kasten, etwa 2,50 Meter hoch, die Seiten verglast. An einer Grabplatte im Inneren sind Bilder der Verstorben befestigt, ihre Namen, Geburts- und Todesdaten sind eingraviert. Neben Salvatore Inzerillos Namen gibt kein Bild Zeugnis ab. Sowohl auf "Salvatore" als auch "Inzerillo" hören viele Sizilianer. Nur wer seinen Geburts- und Sterbetag kennt, weiß, dass es sich um den mächtigen Mafioso handelt.

Die überlebenden Inzerillos hatten nach der Niederlage gegen die Mafia-Fraktion aus Corleone das Land in Richtung USA verlassen. Doch vor einigen Jahren, die erste datierte Spur stammt aus dem August 2003, kehrte Salvatores Sohn Giovanni mit Erlaubnis des damals noch regierenden Paten Bernardo Provenzano, nach Sizilien zurück.

Die fünf Personen, die zu Allerseelen vor der Familiengruft der Inzerillos stehen und die Tür aufschließen, um einen Blumenstrauß ins Innere zu legen, heben sich nicht von anderen Friedhofsbesuchern ab. Sie tragen herbstlich legere Kleidung. Die Männer sind in Jeans und Hemden gekommen. Die beiden Frauen - im Kleid die eine, in Rock und feiner Bluse die andere - haben ihre Augen hinter Sonnenbrillen verborgen. Auskünfte über ihr Verhältnis zu den Toten geben sie nicht. Die Gruppe wartet, bis der Störenfried verschwunden ist und wendet sich dann wieder der Grabkammer zu.

"Mafia-Familien sind sehr reserviert", sagt Nicola, der, stämmig, im Arbeitsoverall auf dem Friedhof Santa Maria di Gesù nach dem Rechten sieht. Santa Maria di Gesù ist kleiner und feiner als der Rotoli. Die Grabkammern sind prächtiger, die Engel, die die ewige Ruhe mit sanftem Flügelschlag bewachen, üppiger. Santa Maria di Gesù, am Fuße der Palermo umgebenden Berge gelegen, beherbergt die Toten des Hochadels. Auch der "Fürst von Villagrazia" liegt hier begraben. Er heißt bürgerlich Stefano Bontade und hat in den siebziger und achtziger Jahren als Mafiaboss die Stadt beherrscht - bis er von den Corleonesi beseitigt wurde. Bontade war der schillerndste Pate Palermos, jung, attraktiv, gern gesehen in den Salons. Sein Platz auf dem Nobelfriedhof verwundert nicht. Allerdings liegt er am Rande, so, als wollten die Florios und Lanzas eine zu enge Berührung vermeiden. Eine Engelsfigur thront auf dem Grab, an jeder Ecke der Gruft ein frischer Blumenstrauß.

"Ich kümmere mich um Stefanos Grab", sagt Nicola. Er stellt sich als Cousin zweiten Grades von Stefano Bontade vor. Nicolas Geschichte ist ein Schulbeispiel für das alltägliche Wirken der Mafia. "Stefano hat mir ein Jahr vor seinem Tod den Posten auf dem Friedhof vermittelt. Ich war vorher Pizzabäcker in Köln. Aber als dieser Job winkte, bin ich sofort zurück." Über seinen Verwandten weiß er: "Er war ein großer, eindrucksvoller Mann. Er stellte sich gut mit den Politikern, auch mit Andreotti. Den Armen gegenüber war er immer freigebig."

Seine Eloge über den Cousin erzählt Nicola ausgerechnet zwei Schritte neben dem Grab von Paolo Borsellino, einem der bekanntesten Mafiajäger. Nicola hat ihn kurz zuvor in fast den selben Worten gelobt: "Er war ein großer aufrechter Mann, so ehrlich, dass ihn dieses Land kaum verdiente." Die doppelte Würdigung mag man sich damit erklären, dass Bontade wie Borsellino von den Mafiosi aus Corleone getötet wurde. Das Band des Todes schnürt Ungleiches zusammen.

Die Beerdigung Bontades war eindrucksvoll, berichtet Nicola: "Unzählige Leute sind gekommen. Es war ein Ereignis."

Vittorio Teresi, Staatsanwalt in Palermo, der intensiv die Verbindungen von Mafia und Politik untersuchte und federführend den Andreotti-Prozess vorbereitete, hat eine abweichende Erinnerung: "In der Stadt herrschte vor allem Angst. Der wichtigste Mann der Mafia war erschossen worden. Man hat gespürt, ein Krieg lag in der Luft. Und Bontade war ein Gewalttäter. Einige hielt das doch von einem öffentlichen Auftritt ab."

In den fünfziger und sechziger Jahren noch seien Mafiabeisetzungen größer, aufwändiger und prunkvoller begangen worden. Beim Begräbnis von Calogero Vizzini, einem Paten aus Caltanissetta, waren die gesamte Bevölkerung und alle Honoratioren zusammengeströmt. Vizzini war bestens integriert, war kurz nach Kriegsende von der US-Army als Bürgermeister eingesetzt worden und war im Bett gestorben. "Alle Geschäfte und Büros waren geschlossen. Ein Plakat, das den Toten ehrte, war am Friedhofstor angebracht. Institutionen und Bruderschaften der Stadt schwenkten auf dem Trauerzug ihre Fahnen. Die 100 Patensöhne des Toten kamen aus allen Ecken der Insel angereist. Und die Beerdigung selbst war in Form einer Choreografie gehalten", rekonstruiert Alessandra Dino die Vorgänge. Sie ist eine dunkelhaarige, energische Frau, Soziologin an der Universität Palermo und empfängt in ihrem Büro. Gerade bereitet sie ein Seminar über die Mafia vor und hat zuletzt eine Studie zur Verbindung von Cosa Nostra und Religion herausgebracht. "Einer der Träger der Bahre von Vizzini war Francesco Paolo Bontade, der Vater von Stefano. Seine Nähe zum Toten symbolisierte seine Nähe zur Macht", sagt Dino.

Beerdigungen und Totengedenken spielen nach den Recherchen der Soziologin eine wichtige Rolle in der Kommunikation zwischen Mafia und Bevölkerung. Als Teil der religiösen Zeremonie zeigt sich die Mafia den Bürgern als geachteter Teil der Gesellschaft. Zu Stefano Bontades Beerdigung hat ein ehemaliger Priester eine spontane Rede gehalten: Er hatte die Großzügigkeit und Großherzigkeit des Toten gerühmt und der Witwe und den Töchtern geraten, ›erhobenen Hauptes zu gehen und den Stolz auf den Namen zu bewahren‹. Und in der Kirche Regina Pacis, mitten in einem der reicheren Wohnviertel Palermos, ist ausgerechnet über dem Beichtstuhl eine Tafel zu Ehren des früheren Mafioso Ignazio Salvo angebracht. Jeder, der sich von seinen Sünden befreien will und jeder, dem die Kirche das Recht auf das Gewähren der Absolution zubilligt, muss unter dieser Tafel hindurch.

Als der Mafiaboss Salvatore Greco starb, wegen seiner guten Kontakte zur Politik unter dem Spitznamen "Senator" bekannt, gestatteten die Behörden eine Trauerfeier nur im engsten Kreis - der Staat hatte die Bedeutung des Ritus für die Verankerung der Mafia in der Gesellschaft erkannt. Selbst in der Kirche, oft symbiotisch mit der Cosa Nostra verflochten, regt sich heute Widerstand gegen die mafiose Bemächtigung über ihre Infrastruktur. Dem 2007 bei einem Feuergefecht mit der Polizei getöteten Boss Daniele Emmanuello gewährte der Pfarrer von Gela nur eine einfache Segnung.

Die Mafia, die einerseits so großen Wert auf religiöse Zeremonien legt, verweigert diese andererseits zuweilen ihren Opfern. Sie lässt deren Körper verschwinden und verhindert, dass die Trauer einen Ort finden kann. "Sie verwischt auf diese Art Spuren. Manchmal erscheint es ihr nicht opportun, mit einem Mord die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken", erklärt Antonio Ingroia. Im Februar 2008 hat ein reumütiger Mafioso die Polizei auf einen Acker neben der Autobahn Palermo-Trapani geführt. Dort waren die Überreste von zwei Widersachern innerhalb der Organisation des Lo Piccolo-Clans gefunden worden.

Der Mafia-Friedhof war nach profanen Gesichtspunkten ausgewählt. "Er musste gut erreichbar sein, aber verborgen genug, um nicht aufzufallen. Der Besitzer musste einverstanden sein. Das ist alles", erläutert Gaetano Paci, der mit den Untersuchungen betraute Staatsanwalt, die Kriterien. Angehörige von Mafiosi, die nach dieser Methode "Lupara bianca" beseitigt wurden, halten oft die Illusion aufrecht, dass die Vermissten eines Tages zurückkommen. Denn den Toten kann nur gedenken, wer weiß, wo ihre Körper ruhen.

An einer Ecke in Palermo, wo im Juni 2007 Lo Piccolo den konkurrierenden Unterboss Nicolo Ingarao erschoss, befand sich lange eine steinerne Tafel mit dem Bild des Toten. Sie wurde kürzlich entfernt und gegen ein simples Foto und einen Blumenstrauß ausgetauscht. Der kleine Altar unterscheidet sich nicht von denen, die an Verkehrstote erinnern. Macht der Tod nun doch alle Menschen gleich? Die Mafiosi den Normalsterblichen - und an einem Volksfest wie Allerheiligen begegnen sich alle wieder? Die Lebenden und die Toten? Nicht unbedingt. "Wenn es die Mafia-Gruppe war, für die Ingarao aktiv war", meint Alessandra Dino, "dann sagt das Foto des toten Bosses, dass er noch immer im Viertel weilt und die Kontrolle ausübt".

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