Rette sich, wer kann

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Kaiserslautern hat ein Fußballstadion. Den Betzenberg - gefürchtete Heimstatt der "roten Teufel". In dieser Saison geht es zwar nicht so teuflisch zu auf dem höchsten Soccerberg der Republik - zu viele Punkte schenkte der heimische FC seinen Gästen. Aber immerhin haben sie Fußball gespielt und gekämpft, die Herren Basler, Sforza und Djorkaeff. Etwas Ähnliches müssen die 32.000 Zuschauer auch von der Nationalmannschaft erwartet haben, die zur 100-Jahresfeier des DFB auf die Schweiz traf. Es war alles clever eingefädelt. Nachdem die Oranjes Ribbecks Truppe vorgeführt hatten und lustlose Kroaten sich mit einem Unentschieden zufrieden gaben, schienen die Eidgenossen ein passender Aufbaugegner. 44 Jahre hat kein DFB-Team gegen die alpinen Nachbarn verloren. Als besondere Geste verzichteten die Schweizer in der Startformation auf einen Stürmer und brachten einen Torwart, der als Unsicherheitsfaktor gilt.

Aber niemand konnte wissen, dass das deutsche Nationalteam einen neuen Trend kreieren will. Die Lieblingssportart potentieller Auswahlspieler ist nämlich der "Titanic" entlehnt: Rette sich, wer kann. Stefan Effenberg, einziger deutscher Spielgestalter von Format, will seit langem nicht mehr mittun. Oliver Kahn, trotz gelegentlicher Beiß- und Tretorgien immer noch der beste Torhüter, hatte sich eine Pause ausbedungen. Kollege Jeremies hat sich das nicht getraut, aber durch geschicktes Medienspiel für seine zeitweilige Absenz gesorgt. Die Ärmsten, die doch nach Kaiserslautern mussten, improvisierten auf dem Platz. Jeder beeilte sich, als erster ausgewechselt zu werden. Christian Ziege zwickten nach einer guten Viertelstunde so sehr die Adduktoren, dass Ribbeck sich erbarmte. Währenddessen rammte Mehmet Scholl geschickt seine Schulter in den Rasen - nach langen Diskussionen durfte er in Minute 24 vom Feld. Nach Markus Babbels Abgang zehn Minuten später hieß es nur noch lapidar: Stechen im Oberschenkel. Da humpelte Marko Rehmer schon eine ganze Zeitlang mitleiderregend über das Grün -aber keine Gnade für ihn: Statt verabredeter 45 Minuten musste er mehr als eine Stunde den Adler auf dem Feld spazieren tragen. Danach stieß der hanseatische Schnelldenker Marko Bode sich den Kopf - zu spät, das Auswechselkontingent war erschöpft. Es war geradezu ein Wunder, dass keiner der verbliebenen Spieler auf eine rote Karte hinarbeitete, um noch vor Abpfiff die Duschen aufzusuchen. Wirklich spielen wollten nur vier von siebzehn. Ulf Kirsten, weil er einmal in seiner Laufbahn ein Turnier als Mittelstürmer dominieren will. Paulo Rink, weil er nie wieder über Glasscherben laufen mag und deshalb alles tut, damit Clubtrainer Daum ihn aus den Motivationsworkshops ausspart. Lothar Matthäus, weil Fußballspielen ein gutes Mittel gegen Jetlag ist. Und zuguterletzt Jens Lehmann. Was hat er im Herbst nicht gegen Kahn gestichelt und gestänkert, nur um den Münchner zu einem Fehler zu verleiten. Kahn, der Schlaumeier, wartet so lange mit einer Auszeit, bis sein Rivale in eine tiefe Formkrise stürzt. Mit dem Hamburger Hans-Jörg Butt im Rücken dürfte sich das Thema Nationalmannschaft für Lehmann auf lange Zeit erledigt haben.

Das Spiel hat auch dem letzten gezeigt: Im Fußball dürfen wir niemanden mehr unterschätzen. Alle Rivalen sind stark. Dennoch, wir brauchen nicht alle Hoffnung fahren lassen. Drei Maßnahmen zur Erfolgssicherung bieten sich an. Die simpelste heißt Trainerwechsel. Ein Transparent im Stadion offerierte die Alternative: "Zlatko for Teamchef". Als Medienprofi kann er es mit Ribbeck allemal aufnehmen, und Big-Brother-gestählt gibt es für ihn keine Autoritätsprobleme. Zur Not holt er sich Jürgen oder Sabrina. Variante zwei: ausländische Experten müssen her. Der zaghafte Versuch mit dem Südafrikaner Dundee, dem Schweizer Neuville, dem Brasilianer Rink und dem Türken Dogan ist auszuweiten. Mindestens 22 der 50.000 Computer-Inder werden von Hockey auf Fußball umgeschult. Die sicherste Variante ist jedoch: alle künftigen Welt- und Europameisterschaften finden in Deutschland statt. Als Gastgeber haben wir automatisch Startrecht. Die WM 2006 gilt als Pilotprojekt. Nur sechs Stimmen fehlen noch, sagt Egidius Braun.

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