Verlierercup

SPORTPLATZ Deutsche Fußballclubs sind gut im Mittelmaß. Als hätten auch sie ihren Beitrag zur Debatte um die »deutsche Leitkultur« - oder der »Leitkultur in ...

Deutsche Fußballclubs sind gut im Mittelmaß. Als hätten auch sie ihren Beitrag zur Debatte um die »deutsche Leitkultur« - oder der »Leitkultur in Deutschland«, wie der neuerliche Reparaturversuch der Christdemokraten lautet - liefern wollen, so muss man die jüngsten Leistungen in den europäischen Fußballwettbewerben lesen. Nix da mit Spitzenstandards oder Weltgeltung. Kein Straßenfußballer aus Istanbul, Rio oder Sofia kann sich am Leitbild deutscher Fußballkultur orientieren. Nicht mal in Europa strahlen deutsche Sterne hell. Im Wettbewerb der Großen des Kontinents ist - von vier möglichen - nur ein Bundesligaverein übrig geblieben. Traditionsgemäß der FC Bayern. Gegen die vom Kaiser und seinem Schwertträger Uli immer mal wieder belächelten Norweger konnten die Roten von der Isar jedoch keineswegs überzeugen. Mit der Energie des tatendurstigen Rekonvaleszenten bugsierte Jens Jeremies die Kugel gerade so über die Linie, als die gegnerischen Verteidiger und der Torwart schon längst am Boden lagen. Pure Willenskraft war hier am Werk. Von Technik oder Spielintelligenz keine Spur. Die Mannschaft brauchte ja auch gar keine überzeugende Leistung abzuliefern; sie war schon vor Anpfiff für die Zwischenrunde qualifiziert. Planziel erfüllt - da muss man nicht mehr rackern und nicht zaubern. Der Analytiker Hitzfeld ließ gleich von Anbeginn jene Spieler draußen, denen Fußball vielleicht sogar Spaß gemacht hätte. Scholl, Elber und Sergio wichen Arbeitern wie Wiesinger und Athleten wie Jancker und Zickler. Da weiß man sofort, dass Kreativität selbst beim besten deutschen Verein kein Selbstzweck ist, sondern nur dann gefordert wird, wenn mit den üblichen deutschen Tugenden kein Blumentopf zu gewinnen ist. Der Unterschied zwischen Bayern und den anderen deutschen Klubs besteht letztlich darin, dass die Münchner genau soviel Mittelmaß abliefern, dass es noch immer zum Erfolg reicht. Weil Paris St. Germain, der Gegner im Fernduell, in der skandinavischen Kälte ebenfalls patzte, durften die Bayern die Vorrunde sogar auf Platz 1 beenden. Der erste Platz beschert dem Team - nach der ohnehin schwach besetzten Vorrundengruppe mit Trondheim, Helsingborg und Paris - auch in der Zwischenrunde wieder relativ leichte Gegner: Arsenal London, Spartak Moskau und Olympique Lyon. Es hätten auch ManU, Lazio Rom oder Leeds sein können.

Die anderen deutschen Championsleague-Vertreter haben gezeigt, dass sie zu schlecht für die Königsklasse sind. Leverkusen schaffte es nicht einmal unter dem Wunderheiler Völler, die nächste Runde zu erreichen. Und der HSV remisierte zwar begeisternd gegen die alte Dame Juve - die Leistung wird jedoch entwertet, weil Turin abgeschlagen auf Platz vier landete und Vereine wie La Coruna und Athen in die nächste Runde ziehen lassen mußte. Nun dürfen sich Leverkusen und Hamburg im »Cup der Verlierer«, wie der bayrische Kaiser so gern sagt, beweisen. Ist das nicht eine nie verheilende Wunde am Nationalbewusstsein, dass gerade dieser Verlierer-Cup nun so fest in deutscher Hand ist? 16 Partien gibt es in der dritten Runde, fast in jeder zweiten ist die Bundesliga beteiligt. Neben den aus der Championsleague abgestiegenen Vereinen verblieben die fünf im UEFA-Cup gestarteten allesamt im Wettbewerb. Aber gegen was für Gegner! Polnische und belgische Halbamateure. Griechische Strandkicker, verstärkt durch im Urlaub in der Ägäis hängengebliebene deutsche Kicker. Und bis auf Werder Bremen hatten alle Mannschaften Ängste zu durchstehen. Hertha wankte gegen Wronki zehn Minuten lang. Hätte Veit mit einem Glücksschuss nicht das 1:1 erzielt, wer weiß, vielleicht wäre der Tabellenführer sogar an dem Verein mit dem herzigen Namen Amica gescheitert. Am Betze seufzte man erleichtert, dass der Schiedsrichter beim 2:3 gegen Kaiserslautern endlich abpfiff. Ein Tor mehr für die Griechen, und Saloniki stünde jetzt in Runde 2. Auch Stuttgart und 1860 München wären bei einem weiteren Gegentor aus dem Wettbewerb geflogen. Glück gehabt.

Nun kommen echte Gegner. Aus Italien beispielsweise. Dreimal mit Inter Mailand, AS Rom und AC Parma. Da wird es sich erweisen, ob selbst im »Cup der Verlierer« die süßen Trauben zu hoch sind für die Bundesliga. Wenn das geschieht, wissen wir zumindest, daß der Nationalsport Nr. 1 nicht in das Füllhorn der Leitkultur aufgenommen werden kann. Das wär doch aber auch schon was.

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden