Zurück in die Zukunft

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Modisch scheinen im Schwimmsport die Zeiten der vorletzten Jahrhundertwende wiedergekommen zu sein: in Turnhemden und enganliegenden Shorts, teilweise sogar in langen Arm- und Beinkleidern stürzten sich die Teilnehmer der Deutschen Schwimm-Meisterschaften in die Fluten des Pools im sogenannten Europasportpark Berlin. Die Textilien waren jedoch keineswegs jene geringelten Leibchen, die man von alten Fotos kennt. Nein, es handelt sich um den neuesten Schrei der vorolympischen Materialschlacht, die "Haihaut". Die verschiedenen Hersteller versprechen weniger Reibung im Wasser - ein um 7,5 Prozent verringerter passiver Widerstand und drei Prozent weniger Oberflächenwiderstand. Einen Armzug pro 50 Meter sparen die Schwimmer angeblich. Mit dem neuen Material hatten vor wenigen Wochen u.a. der Australier Ian Thorpe und die Niederländerin Inge de Bruijn wahre Fabelzeiten erzielt. Japans Schwimmerinnen versuchen es ebenfalls mit ultraleichtem Material - und dünnen Silikon-Einlagen für perfekten Sitz. Sie schwammen prompt sieben Jahresweltbestleistungen. Insgesamt 13 Weltrekorde (auf der Langbahn) erreichte zu diesem frühen Saisonzeitpunkt bereits die internationale Konkurrenz. Die Schwimmstars aus "down under" rechnen ganz bescheiden mit ca. 20 der 32 zu vergebenen Goldmedaillen. Den deutschen Athletinnen und Athleten räumte man daher nur wenig Chancen bei Olympia ein. Mit den neuen Anzügen auf der Haut und einem harten Training wie nie zuvor in den Knochen schlugen sie jedoch zurück. Zwar werden sie Olympia nie mehr so beherrschen, wie es einst der DDR-Elite glückte. Aber immerhin meldete sich die beinahe schon abgeschriebene Franziska van Almsick zurück. Nach zwei eher mittelmäßigen Jahren scheint sie nun fit für ihr erstes Olympia-Gold. Auf ihrer Hausstrecke 200m Freistil holte sie sich den Titel. Eine bessere Zeit als 1:59,25 (immerhin drittbeste Zeit in diesem Jahr) verschenkte die amtierende Weltrekordlerin, weil ihr noch die mörderischen 200m Schmetterling, die sie am Vortag ebenfalls gewann, in den Gliedern steckten. Ebenfalls auf dem richtigen Weg ist van Almsicks mediale Dauerkonkurrentin Sandra Völker. Über 50m Freistil siegte sie in neuem Landesrekord, über die nichtolympischen 50m Rücken stellte sie den einzigen Weltrekord der Meisterschaften auf. Auch ein neuer Stern ging auf. Die vor einem Monat 16 Jahre alt gewordene Berliner Schülerin Daniela Samulski wurde Meisterin über die 50 und 100m Schmetterling und hielt gestandene Damen wie van Almsick und Kathrin Meißner auf Distanz.

Eher ein Schuss in den Ofen waren die High-Tech-Schwimmanzüge für Jörg Hoffmann. Der große alte Mann der langen Freistilstrecken verpasste sowohl über 400 als auch 1.500m die Olympiaqualifikation. Sein Anzug sei an den Knien viel zu eng. Schon nach 200 Metern setzte es Krämpfe. Nun muss der Meisterschaftszweite bei den Europameisterschaften in Helsinki (28.6.-9.7.) die Normzeit erreichen. Erst dann kann er nämlich die taktischen Spielchen anwenden, die er gegen die beiden australischen Superschwimmer Kieren Perkins und Grant Hackett längst in petto hat: "Perkins ist der Angstgegner von Hackett. Wenn es mir gelingt, sie gegeneinander auszuspielen, ist alles drin."

Insgesamt verfolgten ca. 18.000 Zuschauer an vier Tagen die 38 Wettbewerbe im Pool an der Landsberger Allee. Etwas wenig, wenn man es mit Fußball vergleicht. Nicht mal die S- und Straßenbahnen wurden auf eine ernsthafte Probe gestellt. Wie blau-weiß und polizei-grün ist doch der ÖPNV, wenn Hertha spielt. Dabei ließen sich Fußball-EM und Schwimm-DM gut in Einklang bringen - der letzte Wettbewerb war stets spätestens um 17.30 Uhr zu Ende, genug Zeit, das erste Spiel am Tag nicht zu verpassen. Der teilweise doch aufbrandenden Stimmung taten die Veranstalter Abbruch. Wenn sich nämlich das Fernsehen Franziska van Almsick oder Sandra Völker zum Interview holte, wurde der gesamte Wettkampfbetrieb angehalten - und das Gespräch nicht einmal via Großbildschirm in die Halle übertragen.

In puncto Doping übrigens war diese Meisterschaft ebenfalls wie früher: Es ist verbal kein Thema, niemand wurde erwischt. Zuweilen noch der Verweis auf die Chinesinnen, die nach den letztjährigen Nachweisen in dieser Saison bislang keine Rolle spielen.

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