Alte Narben

Gregor Gysi Geht der Politiker der Linken als Anhänger der friedlichen Revolution von 1989 durch?
Alte Narben
Ist mit seinen 71 Jahren Streit um seine Person langsam gewohnt: Gregor Gysi

Foto: Florian Gaertner/Imago Images/Photothek

Dreißig Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR, so sagt man im zuständigen Bundesinnenministerium, solle „der Fokus“ auf „gegenseitigem Austausch und Dialog liegen“. Wie dieser Dialog ablaufen könnte, darüber gibt ein Streit Auskunft, der sich darum dreht, ob Gregor Gysi am 9. Oktober zum Jahrestag der historischen Großdemo in Leipzig als Zeitzeuge auftreten solle oder nicht. Frühere DDR-Bürgerrechtler und -Bürgerrechtlerinnen haben sich in einem Offenen Brief dagegen ausgesprochen, andere sprangen dem Linkspolitiker unterstützend zur Seite. Und in der deutschen Disziplin „schiefe politische Vergleiche“ ward Gysi schon mal in einem Atemzug mit dem AfD-Rechtsaußen Alexander Gauland genannt.

Was man aus der Angelegenheit trotzdem lernen kann: Das politische Gedächtnis des Aufbruchs von 1989 ist auch drei Jahrzehnte danach ein geteiltes. In dem Vorwurf, Gysi hätte seinerzeit angeblich „auf der anderen Seite der Barrikade“ gestanden, liegt nicht nur eine etwas holzschnittartige Sicht auf die damalige politische Situation – es keimten ja längst auch in der SED oppositionelle Bestrebungen. Und nicht alle, die nun über den Auftritt des Linksparteipolitikers empört sind, hatten seinerzeit auch die gleichen Ziele. Beim Streit, der sich am Namen Gysi entzündet hat, geht es auch darum, was von dem bunten Bündel an Forderungen, Zielen, Ideen übrig geblieben ist, mit dem die friedliche Revolution in der DDR begann. Der „Zug der Deutschen Einheit“, von dem der frühere Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Werner Schulz nun sagt, Gysi sei in diesen erst „von den anderen gedrängt“ worden, fuhr erst später los und es standen keineswegs alle von denen fröhlich winkend am Bahnsteig, die sich, teils schon lange, teils erst seit dem Spätsommer 1989 immer mutiger auf den Straßen für das Ende der autoritären Zumutungen der SED, für Demokratie und sozialökologische Alternativen starkgemacht hatten.

Der „gegenseitige Austausch und Dialog“, den das Bundesinnenministerium wünscht, geht von der Notwendigkeit ost-westlicher Gesprächsbereitschaft aus. Es ist das späte Eingeständnis des Westens, dass da eben nicht narbenfrei zusammengewachsen ist, was doch zusammengehören sollte. Im Streit um Gysis geplanten Leipziger Auftritt liegt aber noch ein weiteres Eingeständnis: dass es noch einen ganz anderen Diskussionsbedarf gibt, den unter Ostdeutschen über ihre Geschichte. Dabei muss man keineswegs zu einer gemeinsamen oder irgendwie einheitlichen Auffassung kommen, im Gegenteil. Aber gemeinsam darüber reden, das müsste man schon. Zum Beispiel in Leipzig.

06:00 12.07.2019
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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