Platzeck ist der Richtige

30 Jahre „Wende“ Dass er einst auf den Zug der Wiedervereinigung nicht direkt aufspringen wollte, macht ihn heute zum perfekten Kandidaten für die Erarbeitung eines Jubiläumskonzepts
Platzeck ist der Richtige
Der SPD-Politiker und brandenburgische Ministerpräsident a.D. Matthias Platzeck

Foto: Reiner Zensen/Imago

Was Geschichte war, muss immer wieder neu verhandelt werden. Dabei geht es nicht bloß um „richtige“ Bilder der Vergangenheit, sondern auch darum, was diese in den Köpfen der Gegenwärtigen anstellen. Mithin um die Beeinflussung von Zukunft. Natürlich ist all das nie unumstritten, also macht Geschichtspolitik Geräusche.

Derzeit wird es in Sachen Rückblick auf die Wende in der DDR wieder lauter, es stehen große Festspiele zum langen 30. Jahrestag an. Eine Kommission soll „Handlungsempfehlungen unterbreiten, wie die Bausteine des Jubiläumskonzeptes ausgestaltet werden können“. Gestritten wird aber erst einmal über einen Namen: Matthias Platzeck.

Dass der Sozialdemokrat die Regierungskommission leiten soll, wurde mit Empörung quittiert. Seine Berufung, teilte ein Krawallblatt mit, das Interesse an dieser Lesart hat, „bringt DDR-Bürgerrechtler zurück auf die Barrikaden“. Platzeck habe nicht „die Biografie“ für solch einen Posten, ließ einer mitteilen, es gebe viele andere, „die wesentlich mehr für die deutsche Einheit geleistet haben“.

Das mag sein, aber Helmut Kohl kann die Kommission nun wahrlich nicht mehr anführen. Man darf den Platzeck-Kritikern dankbar sein: Sie führen vor, was Geschichtspolitik in Sachen Wendeherbst und Einheitskurs bedeutet: Was am damaligen Aufbruch in der DDR, an den Diskussionen, am Ausgang der Geschichte als erinnerungswürdig gelten soll, soll nach Vereinbarkeit mit dem heute vorherrschenden Denken darüber ausgewählt werden.

Was gegen Platzeck vorgebracht wird? Unter anderem, dass er damals als Grünen-Abgeordneter der Volkskammer von 1990 an einer der Abstimmungen auf dem Weg zur „Wiedervereinigung“ nicht teilgenommen hat. In seiner Fraktion gab es viele Nein-Voten und Enthaltungen. Es ist seinerzeit auch im Bundestag über den Weg zur Wiedervereinigung mehrfach abgestimmt worden, und man muss heute betonen: Da gab es viele, vor allem Grüne und Sozialdemokraten, die ihre Gründe hatten, nicht in den Zug zur Einheit einzusteigen. Jedenfalls nicht in den, der damals donnernd rollte.

Man könnte es auch so sehen: Was als Vorwurf gegen Platzeck die Runde macht, nämlich damals zu „den Gegnern einer Wiedervereinigung zugerechnet“ zu werden, prädestiniert ihn eigentlich sogar dafür, die Kommission zu leiten. Auch deshalb, weil es eben nicht das wesentliche Motiv des Wendeherbstes war, sich an die BRD heranzuwanzen. Begonnen hat das Aufbegehren ganz anders, durchaus links, jedenfalls demokratisch eigensinnig, es lag Lust auf eine ganz andere Zukunft in der Luft.

Die Bundesregierung nennt als Ziel der Feierlichkeiten, die von der Kommission erdacht werden sollen, „das gemeinsame und gegenseitige Verständnis für die Leistungen zu fördern, die zur Wiedervereinigung geführt haben“. Wer das ernst nimmt, kommt an den kirchlichen Linken, an den Utopisten eines Dritten Wegs, an den anderen Freigeistern und den reformsozialistischen Oppositionellen nicht vorbei.

Manche von denen, die Platzeck nun attackieren, haben selbst damals Vorstellungen verfolgt, die nicht zwangsläufig in Richtung Bundesrepublik führten. Dass die Sache damals anders lief, hat viele Gründe. Wer diese verstehen will und damit auch einen Teil der Folgen einer „Einheit“, die heute manche als Spaltung wahrnehmen, darf diesen Teil der Wende nicht dem Vergessen preisgeben. Oder gar zum Zwecke der politischen Legitimation heutiger die damaligen Verhältnisse verbiegen.

Dass Platzeck selbst sagt, er wolle zu den Vorwürfen nicht Stellung nehmen, ist bedauerlich. Denn was Geschichte war, ist und für die Zukunft bedeuten soll, muss immer wieder neu verhandelt werden.

06:00 18.04.2019
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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