Berechtigte Befürchtung

SPD Andrea Nahles hätte ihr Privatleben nicht auf diese Weise instrumentalisieren müssen, wenn die Geschlechterverhältnissen in der Politik andere wären

Andrea Nahles ist nicht gerade eine beliebte Politikerin. Als ehemalige Juso-Chefin und als Sozialdemokratin, die sich zum linken Flügel zählt, aber nicht immer so handelte, hatte die Generalsekretärin der Agenda-Partei SPD dafür nie gute Voraussetzungen. Und: Andrea Nahles wird, was in einem ziemlich männlichen Medienbetrieb ungern zugegeben wird, auch als Frau mit Punkteabzug bestraft. Erstens sieht sie nicht aus wie die tätowierte Jeansprinzessin vom Schloss Bellevue. Und zweitens, weil Politik vom Selbstverständnis her immer noch eine Liga der außergewöhnlichen Gentlemen ist, in der das andere Geschlecht genau das ist: das Andere.

Nahles erwartet ein Kind, was für eine Funktionärin ihrer Position etwas Außergewöhnliches ist. Und so wird eine Privatangelegenheit zum Politikum. Nahles stellt ­einerseits das sozialdemokratische Reden von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Probe. Andererseits benutzt sie ihre bevorstehende Mutterschaft für politische Gebrauchsreden, eine Mixtur aus Bekenntnis, Forderung und innerparteilichem Hebel. Schließlich ist Nahles Mitglied einer Partei, in der gerade wieder um die Verteilung macht­politischer Ressourcen gekämpft wird und in der alte Rechnungen offen sind.

„Mein Job ist einer, der Begehrlichkeiten weckt“, hat Nahles jetzt einer Frauenzeitschrift mitgeteilt und Kontrahenten indirekt angesprochen. „Bei der ersten Gelegenheit, in der es schwierig wird, kann ich mit deren Solidarität nicht rechnen.“ Die Reaktionen folgten prompt: Nahles müsse „mit dem Klammerbeutel gepudert sein“, werden Leute aus der SPD-Spitze anonym zitiert. Sie wolle sich „vorauseilend absichern“. Auch für die Auseinandersetzung mit Schwarz-Gelb sei das Interview nicht hilfreich: Wenn Parteivize Manuela Schwesig das nächste Mal die schwarz-gelbe Familienpolitik kritisiert, „muss Merkel nur die Brigitte hochhalten.“ Inzwischen hat SPD-Chef Gabriel Nahles Sorgen zur „unberechtigten Befürchtung“ erklärt. Sie sei „eine hervorragende Generalsekretärin“.

Genau das ist Nahles nicht. Jedenfalls nicht im Urteil einer Öffentlichkeit, die über Karrieren mitbestimmt. Gabriel ist allgegenwärtig, Fraktionschef Steinmeier einer von den „beliebten Politikern“. In der SPD machen sich einige schon Gedanken, auf welchem Ministersessel sie 2013 Platz nehmen könnten. Nahles gehört zu den potenziellen Kandidaten, aber es gibt mehr Bewerber als Plätze. Es kommt jetzt darauf an, mit Konzepten in Verbindung gebracht werden, Bündnisse zu schmieden. Ende August erschien im Spiegel ein Text über die SPD-Politikerin, in der die „machtversessene Königsmörderin“ stattdessen als ein wenig einfältig und beinahe über­flüssig beschrieben wird. Und eben auch als werdende Mutter.

Das „passiert“ nur Frauen und stellt den Entlastungsangriff von Nahles in der Brigitte in einen Kontext. Sie hätte ihr Privatleben nicht auf diese Weise instrumentalisieren müssen, wenn die Geschlechterverhältnissen in der Politik andere wären. Man kann die Frage aus einem Kommentar, ob es bei der SPD womöglich nicht besser zugehe „als in einem von Männerbünden durchzogenen Wirtschaftsunternehmen“ für naiv halten. Andrea Nahles hat auf ihre Weise erreicht, dass sie wieder gestellt wird. Beliebter wird sie dadurch freilich nicht.

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Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden

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