Der Dienstleister

Wahlkampf SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel gilt als diskret und effizient. Nun versucht er sich als Politiker und glaubt fest daran, dass er seine Partei noch aus dem Umfragetief holen kann

Was Kajo Wasserhövel über Ulla Schmidt denkt? Vermutlich dasselbe wie vor dem Dienstwagenaffärchen der Gesundheitsministerin. Natürlich ist der Autoklau im Sommerloch ein Fiasko, zumal in einer Woche, in der die SPD ihre Aufholjagd beginnen wollte. Zum soundsovielten Male freilich, aber nun sollte es wirklich losgehen. Kompetenzteam, Mobilisierungskonferenz, Kampagnenstart - und dann steht da plötzlich Ulla Schmidts verloren gegangener Wagen in der politischen Landschaft herum, zur Schadenfreude aller, und macht die ganze Inszenierung kaputt. Und Regisseur Kajo Wasserhövel? Der bleibt ganz ruhig. „Das sind so Geschichten, die dann manchmal auch da reinkommen“, hat er am Dienstag ohne das kleinste Beben in der Stimme im Deutschlandfunk gesagt. „Dass der Dienstwagenklau nicht bei uns in der Terminliste mit drinstand, das können Sie mal unterstellen.“

Vielleicht ist der 46-Jährige heimlich sogar erleichtert, dass es bloß ein, nun ja: Skandal dieses Formates ist. Und nicht ein Riesenkrach in der Partei, kein Strömungsstreit über die Rente mit 67 oder das Verhältnis zur Linkspartei, keine öffentliche Rangelei um die Plätze in Frank-Walter Steinmeiers Wahlkampftrupp, den als Schattenkabinett zu bezeichnen sich niemand traut. Schlechte Presse hätte die SPD auch ohne Ulla Schmidts Spanienausflug gehabt: Die Umfragewerte sind im Keller und selbst die eigenen Leute glauben kaum noch an ein Wunder. Glaubt Kajo Wasserhövel daran? „Ich glaube daran, dass man durch einen engagierten Wahlkampf einen Wahlkampf gewinnen kann“, sagt er .

Der Aachener hat die Erfahrungen tatsächlich schon gemacht. Einmal 2002, da war er noch Büroleiter bei Franz Müntefering, als niemand mehr damit rechnete, dass es noch einmal für Gerhard Schröder reichen würde. Jedenfalls kaum jemand außer Kajo Wasserhövel, der schon damals eine Zuversicht an den Tag legte, die die Leute irritieren musste. 2005 war es nicht anders: Als Wasserhövel zum Wahlkampfleiter der Sozialdemokraten gekürt wurde, meinten fast alle, er habe einen der undankbarsten Jobs abbekommen, weil da gar nichts mehr zu reißen sei. Die Union lag weit vorn. Ein paar Wochen später fehlte nur ein klitzekleines Prozent.

Kurz nach dieser Wahl spürte man so etwas wie Genugtuung bei Wasserhövel: All die Leute, die ihn für seinen Optimismus stets belächelt hatten, mit ihrem „das müssen Sie ja jetzt sagen“, die hatten falsch gelegen – nicht er. „Das gefällt mir ganz gut“, hat Wasserhövel damals in einem Interview der Zeit erzählt.

Münteferings Schatten

In jenem Herbst 2005 war er dann auch für eine kurze Zeit der künftige Generalsekretär der SPD. Es wäre ein weiterer Schritt in einer langen Karriere gewesen. Schon 1978 wurde Wasserhövel SPD-Mitglied. Nach dem Studium – Geschichte, Philosophie und Soziologie – arbeitete er als Hauptamtlicher, erst für die Jusos, später für Franz Müntefering: als Redenschreiber, als persönlicher Referent, als Büroleiter im Verkehrsministerium. 2004 machte der Mentor ihn zum Bundesgeschäftsführer der SPD. Münteferings Schatten, wurde er genannt, oder auch: sein bester Mann. Vielleicht war das das Problem, jedenfalls fiel er bei der Generalsekretärswahl durch und Müntefering warf beleidigt den Parteivorsitz hin. Wasserhövel blieb ihm treu und folgte seinem Chef als Staatssekretär ins Arbeitsministerium. Als Müntefering 2008 noch einmal Vorsitzender wurde, kam auch er in die Parteizentrale zurück: wieder als Bundesgeschäftsführer.

Still, diskret, effizient – das sind die Worte, die man über Wasserhövel liest. Man könnte dem Eindruck nach auch sagen: ein Apparatschik, ein Ingenieur der Politik. Wasserhövel ist kein Ex-Malocher in einer Arbeiterpartei, keiner, der sich vom Bezirksverband über den Landesvorsitz nach ganz oben hat wählen lassen, der auf Marktplätzen Leute begeistert hat und Jahre im Bundestag saß. Wasserhövel hat den Dienstweg genommen. So wie Steinmeier, der auch immer Referent, Abteilungsleiter, Staatssekretär oder Koordinator war, der aber bis heute nicht einmal Bundestagsabgeordneter ist. Auch er ein Mann im Hintergrund, der plötzlich ins Licht gerissen wird. Schröders Vertrauter wurde überraschend Außenminister in Angela Merkels Kabinett und muss nun Wahlkampf machen. Münteferings Vertrautem geht es genauso.

Im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick versucht Wasserhövel in die Rolle des Politikers zu schlüpfen – ausgerechnet dort, ausgerechnet bei diesen Wahlen. Die SPD liegt am Boden und Kajo Wasserhövel tritt gegen Gregor Gysi an, den selbst FDP-Leute gut finden, weil er so witzig und eloquent ist. Es ist ein ungleicher Wettlauf – und Wasserhövel glaubt, er kann ihn gewinnen. Nicht etwa, weil er das jetzt so sagen muss. Sondern weil er das wohl wirklich so denkt. Er werde sich „nicht auf einen Entertainmentwettbewerb mit Herrn Gysi“ einlassen, hat er dem Tagesspiegel verraten, er suche nicht permanent das Blitzlicht. Ein Politiker, glaubt Wasserhövel, „muss immer Dienstleister des Bürgers sein“.

Vielleicht ist das ein Problem der SPD. Es geht in der Politik ja nicht nur um Inhalte, sondern auch um Personen. Die Leute wollen keine Dienstleister, sondern Helden, Kämpfer, Theaterfiguren. Aber die hat die deutsche Sozialdemokratie kaum noch im Angebot. Wasserhövel ist nur ein kleiner Direktkandidat, aber auch Steinmeier, Olaf Scholz und Peer Steinbrück kommen nicht besser an. „Wie keine andere Partei leidet die SPD darunter, dass selbst viele emotional an sie gebundene Wahlberechtigte momentan nicht zu ihr stehen“, haben die Demoskopen von Infratest gerade gemeldet. Der Glaube, an dem sich Wasserhövel aufrichtet, die Überzeugung, dass man es schaffen kann – die teilt er nur noch mit einer Minderheit.

Gerade noch 13 Prozent der Deutschen rechnen damit, dass Steinmeier im Herbst Kanzler wird. Als die Umfrage lief, hatte Ulla Schmidt noch einen Dienstwagen. Manchmal kann es auch durch eine Affäre nicht mehr schlimmer werden.

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11:40 29.07.2009
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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