Die Scheinheilige

Politikerbuch Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat nun auch ein Buch geschrieben. Sie will ja auch richtig Karriere machen. Aber muss sie gleich die Geschichte umdeuten?

Andrea Nahles hat ein Buch geschrieben. „Aus Eitelkeit? Als Rechtfertigung? Weil so viele andere Politiker auch schon Bücher geschrieben haben?“, fragte die Zeit und sah die SPD-Generalsekretärin auf der Suche nach „Authentizität und Substanz“ scheitern. Nun ja, auf dem hinteren Buchdeckel kann man lesen, worum es in Wahrheit geht, nämlich um Karriere: Nahles sei „Herz und Hoffnung der SPD“ - und die Sozialdemokraten müssen nun selber wissen, ob sie damit leben wollen. Eine Karriere ist der Frau aus der Eifel ziemlich sicher, mit religiöser Angeberei und Auf-dem-Dorf-den-Menschen-so-nah-Rhetorik buhlt die 39-Jährige um Zustimmung in Kreisen, die mit der Juso-Attitüde, die Nahles nun ablegen möchte, wohl nicht viel anfangen können.

In dem Buch steht trotzdem so manches Interessantes, weil man, wie es die Zeit formulierte, dabei zusehen kann, wie die SPD versucht, „sich über alle Strömungsgrenzen hinweg auf eine gemeinsame Geschichtsschreibung über die elf Regierungsjahre zu einigen“. Zu Oskar Lafontaines Rücktritt von Ministeramt und Parteivorsitz im März 1999 findet Nahles die Worte einer künftigen Nachfolgerin: Sowohl als auch. Mit dem Saarländer sei der rot-grünen Koalition „eine ihrer tragenden Säulen“ abhanden gekommen und der SPD ein Chef, der „den Laden auch sonst zusammengehalten hatte“. Sein Rückzug sei „einer Mischung aus persönlicher und politischer Frustration geschuldet“, immerhin gehört Nahles dabei zu jenen, die im Rückblick die schwerwiegenden politischen Differenzen nicht verschweigen.

Bei allem Dank muss aber auch die Generalin den Tribut an die allgemeine Lafontaine-Distanz zahlen: Mit seinem Rücktritt, so Nahles, habe Lafontaine „der linken Politik und ihrer Mehrheitsfähigkeit in Deutschland massiven Schaden zugefügt - das halte ich für unverzeihlich“. Nun ja, sollte etwas ausgerechnet die Katholikin Nahles nicht zur Vergebung fähig sein? Die Passage über Lafontaines Rückzug endet mit der Frage, warum die „damalige SPD-Führung keinerlei ernsthafte Versuche gemacht hat, ihn für eine verantwortungsvolle Aufgabe zurückzugewinnen“. Die damalige Führung? Nahles ist seit 1997 Mitglied im SPD-Vorstand und gehört seit 2003 dem Präsidium an. Lafontaine wechselte erst 2005 zur Wahlalternative. Nahles kann sich die Frage also selbst beantworten. Alles andere ist Umdeutung der Geschichte für zukünftige Zwecke.

Andrea Nahles: Frau, gläubig, links. Was mir wichtig ist, Pattloch München 2009, 238 Seiten, 16,95 Euro.

siehe auch: lafontaines-linke.de

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Ihre Freitag-Redaktion

11:10 20.12.2009
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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