Tom Strohschneider
16.10.2010 | 20:38 9

Die Tür von Stuttgart: eine Bahnhofsbesetzung im Livestream

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Tom Strohschneider

Der Protest gegen Stuttgart 21 ist nicht gerade arm an symbolischen Bildern. Die Bagger, der Mann mit dem Auge, Mappus und Rech bei der strengen Einvernahme durch Marietta Slomka. Auch dieses Video hier wird Eingang in die noch längst nicht abgeschlossene Ikonographie der Bahnhofsgegner finden. Und wer die Twitter-Subtitles dazugeschaltet hatte, erlebte eine noch ganz eigene Geschichte. Es wird nach Wochen noch Leute geben, die beim Wort „Tür“ anfangen zu kichern.

Man fragt sich allerdings nach knapp drei Stunden, in denen man daheim zuschaute, wie Leute den Südflügel des alten Bahnhofs besetzen, was diese ständige Verfügbarkeit von Bildern mit uns macht. Geht irgendwann keiner mehr raus, weil alle damit rechnen, dass irgendwer schon seine Webcam dabei haben wird? Wäre es „früher“ anders gewesen, wenn man schon über diese technologische Möglichkeit hätte verfügen können? Diszipliniert das die Polizei bei ihrem Einsatz? Wäre Wackersdorf anders ausgegangen, würde man sich heute anders an die Mainzer Straße erinnern?

Livestream! Heute scheint das längst in die Alltagspraxen (und eben auch die Protestnormalität) eingewachsen zu sein, ganz automatisch halten da gleich mehrere Besetzer ihre Mobiles hoch, die „Verbilderung“ wird sogar noch multipliziert von einem anwesenden Kamerateam. Und dann noch: Wie schnell man als Zuschauer zwischen soziologischem Blick und emotionaler Anteilnahme wechselt. Wie schön, als „Haut ab, haut ab“ gerufen wird. Wie seltsam dagegen, dass hier unverpixelte Menschen dabei gezeigt werden, wie sie etwas strafrechtlich Relevantes tun (egal, für wie legitim man es selber hält). Gucken Staatsanwälte nicht Internet?

Schließlich diese leicht aufgeregten Beratschlagungen in den weißen Fluren, wo immer der Konsens aufgerufen wird - und dann sind es doch nur ein paar wenige Typen, die das Wort führen. Überhaupt die Absurdität der ganzen Szenerie, eine Polizei, die über eine Stunde eine ziemlich normale Tür nicht aufbekommt, die am Ende, als sie sich endlich durchgeflext hat, immer noch klingelt, und dann eine seltsame Person in Uniform vortreten lässt, die zu den Besetzern sagt: „Wir haben ihnen jetzt die Tür geöffnet, damit sie raus können.“ Irgendwie großes Kino.

Vor allem: Danke an @tilman36!

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Kommentare (9)

Michael Pickardt 16.10.2010 | 23:50

... und dann haben sie die Tür wieder schnell repariert und verschlossen ... Sehr raffiniert. Und vor allem so perfekt. Die Flex hatte ja noch einiges zu tun. Nein, mit Schlüssel ist symbolischer Widerstand doch wesentlich eleganter. Weil er zeigt, dass unter den Sympathisanten auch Schlüsselbesitzer sein müssen. Wenn es so weit ist, muss man keine Bahnsteigkarte mehr kaufen, um einen Bahnhof zu besetzen.