Tom Strohschneider
12.06.2010 | 19:33 52

Ein Anfang: Zehntausende gegen schwarz-gelbe Rotstiftpolitik

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Tom Strohschneider

Verdi-Chef Frank Bsirske hat angekündigt, „den Widerstand gegen die unsoziale und konjunkturschädliche Rotstiftpolitik von Schwarz-Gelb, gegen die Entsolidarisierung der Sozialsysteme und gegen die einseitige Lobbypolitik in die Fläche“ zu tragen. Man wird darüber diskutieren müssen, was das heißt: mehr und häufigere Großdemonstrationen? Oder die Renaissance einer in den Alltag eingebundenen Widerstandskultur, die „kleinere“ Protestformen mit gelebter Solidarität zwischen Betroffenen verbindet?

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Für letzteres spricht einiges, auch die Bilanz dieses Samstags. In Berlin und Stuttgart haben mehrere zehntausend Menschen gegen die Sparpläne der Bundesregierung demonstriert: "Die Krise heißt Kapitalismus", hieß es auf Transparenten – oder: "Rente muss zum Leben reichen". Während die Polizei von rund 20.000 Teilnehmern sprach, zählten die Organisatoren mehr als doppelt so viele. So oder so war es ein wichtiges Signal des Protestes – aber auch ein vergleichsweise schwaches. Im vergangenen Frühjahr waren deutlich mehr Menschen einem Aufruf des selben Bündnisses aus gewerkschaftlichen Gliederungen, Sozialinitiativen, linken Gruppen und Parteivertretern gefolgt. Am Bildungsstreik der Schüler und Studenten beteiligten sich in dieser Woche ebenfalls weit mehr Menschen. Und gemessen an den Ankündigungen aus Opposition und Gewerkschaftszentralen, auf das Sparpaket nun mit „Riesenprotesten“ und „massivem Widerstand“ zu reagieren, können die Aktionen am Samstag allenfalls ein Anfang gewesen sein.

Ein Anfang übrigens, der auf dem Engagement von lange Zeit in der Öffentlichkeit wenig beachteten Bündnissen aufbaut; auf der politischen Arbeit von Menschen, die sich seit vielen Monaten dafür engagieren, dass eine Politik der Abwälzung von Krisenkosten auf die abhängig Beschäftigten und Transferbezieher auch jenseits des Parlaments nicht unwidersprochen bleibt. Manche Parteizentrale und einige der Gewerkschaftsvorsitzenden sollten jetzt nicht so tun, als ob es „ihr“ Protest gewesen wäre, der sich da am Samstag auf den Straßen zeigte.

Draußen weiterlesen:
Eier und Flaschen auf SPD-Politiker in Stuttgart - mehr
Merkel mobilisiert Zehntausende - mehr
Explosion verletzt mehrere Polizisten - mehr

Angela Merkel ließ sich am Samstag mit der Äußerung zitieren, die Menschen wüssten doch, „dass wir sparen und Schulden abbauen müssen“. Nur ist es eben nicht so, dass „wir“ sparen - sondern die einen sanieren sich auf Kosten der anderen. Im Krisenjahr 2009 wuchs einer aktuellen Studie zufolge das private Depot-Vermögen weltweit um 11,5 Prozent auf 111,5 Billionen Dollar an – die Verluste aus dem Katastrophenjahr 2008 wurde damit nahezu ausgeglichen. Auch die Zahl der Millionäre stieg im vergangenen Jahr an.

Die Menschen würden nicht länger akzeptieren, „dass sie für die neoliberale Politik, die in die Krise geführt hat, zahlen sollen, während Banken und Konzerne als Verursacher ungeschoren davon kommen”, hat die Sprecherin des Protestbündnisses, Christina Kaindl, heute gesagt. Merkel hat den von ihrer Regierung geplanten Schuldenabbau dagegen auch noch als Beitrag für „innere Frieden und sozialer Gerechtigkeit“ gelobt. Sie erwarte nicht, so die Kanzlerin, dass es „zum Aufstand“ gegen ihre Politik komme. Ob diese Erwartung enttäuscht und ein Fenster der alternativen Möglichkeiten aufgestoßen wird, haben die Menschen nur selbst in der Hand. Das Bündnis “Wir zahlen nicht für Eure Krise!”, das sich mit den beiden Demonstrationen in Berlin und Stuttgart „zufrieden“ zeigte, hat „einen kämpferischen Sommer und Herbst“ angekündigt. Wie war es in Berlin zu hören? "Auf die Straße, schließt Euch an, morgen seid ihr selber dran!"

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (52)

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Ehemaliger Nutzer 13.06.2010 | 01:26

Lieber Tom Strohschneider

"können die Aktionen am Samstag allenfalls ein Anfang gewesen sein."
Wir von Attac Berlin befürchten eher das Gegenteil, die älteren "Kämpfer" unter uns haben schon einiges Miterlebt und prognostizieren nichts Gutes. Gerade WEIL so stark mobilisiert wurde und gerade WEIL eben erst dieses Sparpaket verabschiedet wurde.

Die Menschen die am stärksten betroffen sind, nämlich die ca. sechs Millionen Hartz IV Empfänger sind ja nicht auf die Straße gegangen.

Die Brot und Spiele Taktik von Frau Dr. Merkel geht absolut auf, es ist Fußballweltmeisterschaft, veranstaltet von einer Firma die genauso korrupt ist wie diese Regierung. Gleich und Gleich gesellt sich gern n'est pas?
- Dreck am Ball - Die Geschäfte der Fifa von David Garcia, Le Monde Diplomatique aktuelle Ausgabe

Ich war heute auf der Demo gewesen, hier ein paar Eindrücke:

Als ich ankam (12Uhr), war der erste Redner am quasseln. Ich habe kein Wort verstanden, da sein Deutsch gebrochen war. Danach kam eine Sprecherin des griechischen Lehrerverbandes, die mit viel Zahlen des griechischen Bruttoinlandsproduktes um sich warf.
Worauf ich hinaus möchte ist; hier online und auch zu Hause ist es wichtig sich fundiertes Wissen an zu eignen, ja, aber auf einer Demonstration um Massen zu mobilisieren?

Ich teile die abgedruckte Meinung von Dr. Eckart Klaus Roloff:
"Es ist all zu idealistisch zu glauben, dass "Politik kein Boulevard braucht""
Die linken Intelligenzia sollten meiner Meinung nach manchmal ruhig boulevardesk sein. In meinem Alltag erlebe ich viel zu häufig, dass selbst Menschen die aufgeschlossen sind, diese Informationen einfach zu viel sind.

Es ging dann weiter, im Gegensatz zum letzten Jahr wurde nur wenig gebrüllt. Letztes Jahr haben zig Tausende "Brecht die Macht der Banken und Konzerne" gerufen, dass man eine Gänsehaut von der Gewalt der Massen bekam, heute.... *schnarch*

Die Abschlusskundgebung wurde vom schwarzen Blog überschattet, warum die Veranstalter von vornherein diese Idioten nicht ausgeschlossen haben ist mir ein Rätsel. Auch turnten Freaks von Global Change herum, einem neoliberalen Thinktank der an die unsichtbare Hand glaubt.

Die Seriösität der Proteste wird dadurch untergraben.

Um Massen zu mobilisieren müsste viel geändert werden. Klare Distanz zu Wirrköpfen der Antifa und anderen radikalen Splittergruppen, keine endlose Rednerliste sondern eine sehr bekannte Person die eine Brandrede hält. Die Ziele sind doch eigentlich allen gemein und sollten dementsprechend auch so formuliert werden, die Umsetzung auf verschiedenen Wegen liegt doch momentan gar nicht in der Machtposition der linken Gruppierungen, daher müssen die Gemeinsamkeiten genutzt werden und die können ruhig sehr allgemein formuliert werden finde ich.

Den Vorwurf wir sollten differenzierte Lösungsvorschläge unterbreiten, sollte man an die millionenschweren neoliberalen und konservativen Denkfabriken und Politiker richten, sie sind schließlich an der Macht.

mcmac 13.06.2010 | 03:25

Sehr geehrter Herr Strohschneider,

anbei eine Verlinkung aus Stuttgart: www.freitag.de/community/blogs/mcmac/wir-zahlen-nicht-fuer-eure-krise-stuttgart-12juni-2010?searchterm=mcmac

Hier auch noch einmal der ganze Text (es missfällt mir noch mehr, es so zu tun, aber vielleicht ist es besser als schlechter, weil es den Schlächter spart womöglich...):

17.896 (oder 15.645; oder 22.128) etwa waren es in Stuttgart, die dem Aufruf eines linken Bündnisses von Parteien, Gewerkschaften und anderen politischen Gruppierungen wie Attac, ver.di und der Linkspartei zur Protestdemonstration „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ an diesem Samstag folgten. Darunter waren, neben Demonstranten aus Stuttgart und Umgebung auch Aktivisten, die den weiten Weg von Essen oder Nürnberg in Bussen nicht scheuten.

Auffällig war, dass viele der Demonstrationsteilnehmer entweder noch sehr jung, oder aber schon nicht mehr die Jüngsten waren; die Alten und ihre Enkel sind also anscheinend die agilsten street-fighting-men im Fußballdeutschland dieser Tage.

Erstaunlich zu beobachten, dass die Alten in puncto Leidenschaft durchaus mit den Jüngeren mithalten konnten: Als Claus Schmiedel (SPD-Fraktionschef im Baden-Württembergischen Landtag) ans Rednerpult treten wollte, brach ein Tumult in der Menge los. Pfiffe gellten, Eier flogen. Schmiedel wurde von rasch aufgespannten Regenschirmen mit „DGB“-Aufdruck vor Treffern bewahrt sowohl, als auch dass augenblicklich etwa 22 martialisch gekleidete, hühnenhafte Polizisten mit ca. 19 Videokameras auf der Redner-Tribüne erschienen. Die Protestdemonstration machte in diesem Augenblick ihrem Namen alle Ehre. Der spontan geäußerte, lautstarke, teils handfeste Eier-und-Plastikflaschen-Unmut (die Demonstranten schafften es tatsächlich, dass -trotz wattstarker Anlage- kein Wort Schmiedels zu hören war) kam dabei nicht allein aus den Reihen einiger Schwarzgekleideter. Auch ältere Damen aus Stuttgart und schlohweiße Veteranen aus dem Pott hielten nicht an sich, konnten es nicht, dank intaktem Gedächtniss womöglich. Ähnlich erging es Silke Krebs (Bündnis90/Grüne). Allerdings blieb sie von Wurfgeschossattacken verschont.

Nach Silke Krebs sprach Bernd Riexinger (ver.di; Linkspartei). Er war der Erste und Einzige, den man an diesem Tag als 'Redner' bezeichnen konnte: er sprach recht klug, engagiert und vor allem: er schien zu meinen, was er sagte. Und erreichte somit als Einziger (aus Sicht des Beobachters) wirklich die Herzen der Protestierenden. Es sei hier ohne weiter führende, mögliche und angebrachte Ironie und somit nur der Gerechtigkeit halber angemerkt: Man weiß natürlich bisher nicht, ob Claus Schmiedel und Silke Krebs eventuell die konsequente Abkehr ihrer Parteien von der „Agenda 2010“ mitteilen wollten, ohne dass sie jemand vernehmen konnte und wollte.

Der vorhergehende Demonstrationszug durch die Stadt verlief so, wie man es vom 'Musterländle' erwarten würde: Geordnet, pünktlich, mit Bahn- und Bürgersteigtallon, begleitet von berittenen, extrem attraktiven Dressur-Polizistinnen und ansonsten freundlich-omnipräsenten, leicht gebräunten Polizeibeamten, die ausnahmslos aussahen wie Ken-auf-Marsmission im grünen oder wahlweise schwarzen Eishockeydress samt effizientem High-Tech-Helm.

Die Organisation der eigentlichen Veranstaltung auf dem Stuttgarter Schlossplatz, insbesondere die Moderation derselben durch Leni Breymaier (ver.di; SPD), war mehr als dürftig. Frau Breymaier fegte wie ein etwas übergewichtiges ADS-Biohuhn gackernd und zeternd über die Rednertribüne und machte so ziemlich jedem Redner allen Anfang schwerer, als er hätte sein müssen. Darüber könnte man noch Nachsicht walten lassen, denn aller Anfang ist schwer.

Aber zudem legte sie sich -nicht lernfähig (ADS) und somit in Verkennung der Lage sowohl als auch insgesamt, einem Klischee schwäbischer Hausfrauenmanier entsprechend- von der Tribüne via Mikrophon mit Mitgliedern des Schwarzen Blocks an. Um so erstaunlicher ist es, dass es offensichtlich nur zu einer einzigen Festnahme am Rande kam (ca. 19 extrem fitte charmante Polizistinnen in scharf-modischen dresses verdrehtem einem kläglichen, mittelältlichem Hanswurst professionell die oberen, ausgemergelten Extremitäten). Und diese erfolgte auch erst, nachdem die offizielle Demonstration für beendet erklärt wurde.

Die Redner auf der Kundgebung waren nicht vom Feinsten, um es euphemistisch zu umschreiben. Man könnte vom anderen Ende her auch sagen, dass sie unter aller Kanone waren, der zeitweise weise Bsirske inbegriffen. Damit sind zunächst nicht die rhetorischen Fähigkeiten oder Unfähigkeiten (aber auch diese!) gemeint, sondern vor allem eine gewisse Unlust (die Ausnahme: Bernd Riexinger; ver.di Linkspartei). -Den Wirtschaftsteil der Presse ellenlang nach eigenem Gusto zu zitieren ist eher ein Demo-Downer. Hier (wenn nicht hier, wo sonst?) ist scharfe Polemik, gekonnt vorgetragen, ein Muss. Das kann -gekonnt und weise!- beförderlich sein für diesen wichtigen und richtigen Protest. Der hilft, ein Abkippen in Verhältnisse und Konsequenzen zu verhindern, wie sie am Ende der 'Weimarer Republik' herrschten.

Im Herbst sollen (laut Veranstalter) weitere Kundgebungen stattfinden.

Hoffentlich dann auch mit mehr 'Generation dazwischen'. Und mit besseren Rednern; die 'Große Antikapitalistische Kehrwoche' sollte sinnlich sein und Spaß machen – oder muss man inzwischen wirklich wieder alles und ganz allein SELBER KEHREN?..

Auch das noch!

mcmac 13.06.2010 | 03:26

Sehr geehrter Herr Strohschneider,

anbei eine Verlinkung aus Stuttgart: www.freitag.de/community/blogs/mcmac/wir-zahlen-nicht-fuer-eure-krise-stuttgart-12juni-2010?searchterm=mcmac

Hier auch noch einmal der ganze Text (es missfällt mir noch mehr, es so zu tun, aber vielleicht ist es besser als schlechter, weil es den Schlächter spart womöglich...):

"17.896 (oder 15.645; oder 22.128) etwa waren es in Stuttgart, die dem Aufruf eines linken Bündnisses von Parteien, Gewerkschaften und anderen politischen Gruppierungen wie Attac, ver.di und der Linkspartei zur Protestdemonstration „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ an diesem Samstag folgten. Darunter waren, neben Demonstranten aus Stuttgart und Umgebung auch Aktivisten, die den weiten Weg von Essen oder Nürnberg in Bussen nicht scheuten.

Auffällig war, dass viele der Demonstrationsteilnehmer entweder noch sehr jung, oder aber schon nicht mehr die Jüngsten waren; die Alten und ihre Enkel sind also anscheinend die agilsten street-fighting-men im Fußballdeutschland dieser Tage.

Erstaunlich zu beobachten, dass die Alten in puncto Leidenschaft durchaus mit den Jüngeren mithalten konnten: Als Claus Schmiedel (SPD-Fraktionschef im Baden-Württembergischen Landtag) ans Rednerpult treten wollte, brach ein Tumult in der Menge los. Pfiffe gellten, Eier flogen. Schmiedel wurde von rasch aufgespannten Regenschirmen mit „DGB“-Aufdruck vor Treffern bewahrt sowohl, als auch dass augenblicklich etwa 22 martialisch gekleidete, hühnenhafte Polizisten mit ca. 19 Videokameras auf der Redner-Tribüne erschienen. Die Protestdemonstration machte in diesem Augenblick ihrem Namen alle Ehre. Der spontan geäußerte, lautstarke, teils handfeste Eier-und-Plastikflaschen-Unmut (die Demonstranten schafften es tatsächlich, dass -trotz wattstarker Anlage- kein Wort Schmiedels zu hören war) kam dabei nicht allein aus den Reihen einiger Schwarzgekleideter. Auch ältere Damen aus Stuttgart und schlohweiße Veteranen aus dem Pott hielten nicht an sich, konnten es nicht, dank intaktem Gedächtniss womöglich. Ähnlich erging es Silke Krebs (Bündnis90/Grüne). Allerdings blieb sie von Wurfgeschossattacken verschont.

Nach Silke Krebs sprach Bernd Riexinger (ver.di; Linkspartei). Er war der Erste und Einzige, den man an diesem Tag als 'Redner' bezeichnen konnte: er sprach recht klug, engagiert und vor allem: er schien zu meinen, was er sagte. Und erreichte somit als Einziger (aus Sicht des Beobachters) wirklich die Herzen der Protestierenden. Es sei hier ohne weiter führende, mögliche und angebrachte Ironie und somit nur der Gerechtigkeit halber angemerkt: Man weiß natürlich bisher nicht, ob Claus Schmiedel und Silke Krebs eventuell die konsequente Abkehr ihrer Parteien von der „Agenda 2010“ mitteilen wollten, ohne dass sie jemand vernehmen konnte und wollte.

Der vorhergehende Demonstrationszug durch die Stadt verlief so, wie man es vom 'Musterländle' erwarten würde: Geordnet, pünktlich, mit Bahn- und Bürgersteigtallon, begleitet von berittenen, extrem attraktiven Dressur-Polizistinnen und ansonsten freundlich-omnipräsenten, leicht gebräunten Polizeibeamten, die ausnahmslos aussahen wie Ken-auf-Marsmission im grünen oder wahlweise schwarzen Eishockeydress samt effizientem High-Tech-Helm.

Die Organisation der eigentlichen Veranstaltung auf dem Stuttgarter Schlossplatz, insbesondere die Moderation derselben durch Leni Breymaier (ver.di; SPD), war mehr als dürftig. Frau Breymaier fegte wie ein etwas übergewichtiges ADS-Biohuhn gackernd und zeternd über die Rednertribüne und machte so ziemlich jedem Redner allen Anfang schwerer, als er hätte sein müssen. Darüber könnte man noch Nachsicht walten lassen, denn aller Anfang ist schwer.

Aber zudem legte sie sich -nicht lernfähig (ADS) und somit in Verkennung der Lage sowohl als auch insgesamt, einem Klischee schwäbischer Hausfrauenmanier entsprechend- von der Tribüne via Mikrophon mit Mitgliedern des Schwarzen Blocks an. Um so erstaunlicher ist es, dass es offensichtlich nur zu einer einzigen Festnahme am Rande kam (ca. 19 extrem fitte charmante Polizistinnen in scharf-modischen dresses verdrehtem einem kläglichen, mittelältlichem Hanswurst professionell die oberen, ausgemergelten Extremitäten). Und diese erfolgte auch erst, nachdem die offizielle Demonstration für beendet erklärt wurde.

Die Redner auf der Kundgebung waren nicht vom Feinsten, um es euphemistisch zu umschreiben. Man könnte vom anderen Ende her auch sagen, dass sie unter aller Kanone waren, der zeitweise weise Bsirske inbegriffen. Damit sind zunächst nicht die rhetorischen Fähigkeiten oder Unfähigkeiten (aber auch diese!) gemeint, sondern vor allem eine gewisse Unlust (die Ausnahme: Bernd Riexinger; ver.di Linkspartei). -Den Wirtschaftsteil der Presse ellenlang nach eigenem Gusto zu zitieren ist eher ein Demo-Downer. Hier (wenn nicht hier, wo sonst?) ist scharfe Polemik, gekonnt vorgetragen, ein Muss. Das kann -gekonnt und weise!- beförderlich sein für diesen wichtigen und richtigen Protest. Der hilft, ein Abkippen in Verhältnisse und Konsequenzen zu verhindern, wie sie am Ende der 'Weimarer Republik' herrschten.

Im Herbst sollen (laut Veranstalter) weitere Kundgebungen stattfinden.

Hoffentlich dann auch mit mehr 'Generation dazwischen'. Und mit besseren Rednern; die 'Große Antikapitalistische Kehrwoche' sollte sinnlich sein und Spaß machen – oder muss man inzwischen wirklich wieder alles und ganz allein SELBER KEHREN?..

Auch das noch!"

Fro 13.06.2010 | 04:18

"Um Massen zu mobilisieren müsste viel geändert werden....."
Sehr richtig und wichtig, was du in deinem Kommentar schreibst.
Auch finde ich das Motto: „Wir zahlen nicht für eure Krise“ nicht sehr zugkräftig und eine hohle Ankündigung.
M.E. muss man unseren politischen Dienstleistern in Berlin einen klaren Auftrag geben: „Die Verursacher der Krise müssen zahlen“. Und genau das ist auch der Lösungsvorschlag. Das will die Mehrheit der Bevölkerung und insofern sind unsere Volksvertreter nach dem Grundgesetz dazu verpflichtet diesen berechtigten Wunsch zu erfüllen...
Man sollte es auf den Punkt bringen – darin liegt die Kraft – nicht umsonst sind Pfeile spitz...

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Ehemaliger Nutzer 13.06.2010 | 11:24

"Es geht um den Ausdruck des Bürgerwillens und der ist klarer, als es sich viele Aktivisten vorstellen."

Das denke ich mir nämlich auch, es ist gar nicht von Nöten für die Proteste. Es gibt aber gerade unter den Protestteilnehmenden (Bildungsstreikbündnis, auch Attac, und viele mehr) immer noch die Meinung bei solchen Veranstaltungen Aufklärungsarbeit zu leisten.

Anhand der sichtbaren eklatanten Missstände, wissen die meisten Menschen das etwas falsch läuft und das hat genügend Potential. Stattdessen sind es wochenlange Vorbereitungsphasen in denen Rednerlisten ausgearbeitet werden.

Celsior 13.06.2010 | 12:13

Ich war dabei in Stuttgart und es war NICHT nur der Schwarze Block, es waren fast alle, die pfiffen oder schrien. Das hat mir wieder hoffnung gemacht, das wenigstens dieser geringe Teil der Bevölkerung sich von SPD und Grünen nicht wieder einlullen lässt. Wer einen Gauck aufstellt und in NRW ernsthafte Sondierungsgespräche mit der FDP führt, hat auf so einer Veranstaltung nichts verloren.

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omakruse 13.06.2010 | 14:32

Ich finde den Angriff auf SPD und Grüne in Stuttgart sehr bedenklich. Das schwarz-gelbe Sparpaket wird weit über "Linke"-Kreise hinaus als unsozial empfunden und es gibt durchaus eine gute Chance, hier der rechten Bundesregierung zugunsten der Schwächsten in der Bevölkerung eine empfindliche Niederlage zuzufügen. Dazu braucht es allerdings eine breite Koalition, die selbstverständlich auch Grüne und Sozialdemokraten einschließen muss. Wenn die "Linke" mehr sein will als eine Wohlfühloase für Altkommunisten und gescheiterte Sozialdemokraten, die hier ihren Hass auf die "Sozialfaschisten" ausleben dürfen, dann sollten sie sich besser mit den anderen linken Parteien zusammenraufen und die Chaoten in den eigenen Reihen unter Kontrolle bringen.

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omakruse 13.06.2010 | 15:06

Starkes Statement, Technixer, tough und konsequent und, äh, ziemlich dämlich. Es gibt aber ziemlich gut die Strategie der Linken in den letzten Jahren wieder: Immer auf die SPD und scheißegal, wenn das die Rechten an die Macht bringt.
Hauptsache man bleibt bei der reinen Lehre und beschmutzt sich nicht mit Kompromissen. Kompromisse sind aber nun mal das Wesen der Politik und wer unfähig ist Kompromisse einzugehen, der ist auch politikunfähig!
Den viel beweinten sozial Schwachen bringt eine solche Haltung nix: Die müssen dann eben mit 300 Euro weniger auskommen. Pech gehabt, aber der Linken war Haltung wichtiger als Handeln.

Wie heißt es so schön im Arbeiterfrontlied: "... es macht ihn ein Geschwätz nicht satt und auch kein Trommeln dazu."

mcmac 13.06.2010 | 15:21

Sehr geehrte Oma Kruse,

das immerwährende Drama linker Kräfte ist ihre Uneinigkeit, ihre Spaltung. Das liegt auch in der Natur der Sache, denn "links sein" hat immer auch etwas mit Utopie zu tun; da haben`s Konservative einfach leichter...
Jedoch, wenn man die Kirche mal im Dorf lässt, fällt doch schon sehr auf, dass gerade SPD und Grüne im Zweifelsfall die Linke bekämpfen, wenn man sich -da man das Etikett "links" trägt- eigentlich zuvorderst den politischen Gegner auf der anderen Seite vorknöpfen müsste. (siehe NRW, z.B.)
Ich finde es auch bedenklich, dass SPD und Grüne ausgepfiffen wurden. Bedenklich daran finde ich jedoch, dass man offensichtlich in diesen Kreisen dachte, man sei schon irgendwie dabei (weil "irgendwie links") und offensichtlich überhaupt nicht reflektierte, dass ein solcher Auftritt mindestens eine unerträgliche Heuchelei sein musste, ein Affront gegen den Protest der Menschen; denn (ich wiederhole mich und andere) die Agenda 2010 war der Anfang dessen, was gestern in diesen Protest mündete...Und : Wer hat`s erfunden? Genau.
Das alles, was sich für links hält, demnächst zusammen raufen muss, damit etwas in die richtige Richtung bewegt werden kann, ist die nicht die einzige Frage, aber die Frage, die über allem steht. Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu.

Fro 13.06.2010 | 15:27

Ich finde, dass offizielle Parteienvertreter grundsätzlich nichts an einem Rednerpult solcher Veranstaltungen zu suchen haben. Wie will man so eine breite Bürgerbewegung hinbekommen? Werbeveranstaltungen für Parteien sind für einen Normalbürger unattraktiv bis abstoßend. Parteien dürfen organisatorisch unterstützen und ihre parlamentarischen Vertreter sollen die Bewegung mit klugen Anträgen und Reden in den Parlamenten begleiten und gut ist.
Ausgrenzungen nur wegen einer bestimmten Parteizugehörigkeit verhindern ein breites Bündnis. Es geht um eine Forderung, die da lautet: „Die Verursacher der Krise müssen zahlen“. Eine Einpunktbewegung, hinter die sich 2/3 der Bevölkerung stellen kann. Die Differenzen in anderen Fragen haben da nichts zu suchen.

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walter-ter-linde 13.06.2010 | 16:16

Ja, das stimmt schon. Ich denke aber auch, daß diese Menschen sich so ohnmächtig fühlen, weil aus Protest nie wirklich was geworden ist. Immer haben die Mächtigen gewonnen, das ist die tiefe Erfahrung. Deshalb demonstrieren sie nicht, sondern schimpfen vorm Fernsehn bei Bier.
Aber Du hast recht: Castings und ihre Presse müssen zuerst abgestellt werden, nach ihrer Besetzung ...
Ernst heiter gemeint.

mcmac 13.06.2010 | 16:44

...und weil wir schon beim Lieder-Zitieren sind, noch ein anderes, lustiges, dieses mal nicht von bb, sondern von Erich Mühsam:

Der Revoluzzer

Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer,
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: 'Ich revolüzze!'
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonst unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
Rupft man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer Schrie:
'Ich bin der Lampenputzer
Diesen guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehen, ich bitt!
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!'

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich wie man revoluzzt
Und dabei noch Lampen putzt.

Celsior 13.06.2010 | 17:00

Oma Kruse kann es sein das Sie immer noch zu den "Gläubigen" gehören ?
Ich für mein Teil glaube der SPD und den Grünen nichts mehr.
Meines erachtens werden SPD und Grüne genauso fremdgesteuert von der Wirtschaft wie die Regierung. Es kann sich nur was ändern mit Druck von der Strasse. Und deshalb war das schon beachtlich gestern. Links Blinken um dann rechts abzubiegen wird halt nicht mehr ohne Konzequenzen zu machen sein.

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Ehemaliger Nutzer 13.06.2010 | 17:24

Das ein Großteil der Veranstalter zu den aktiven Teilen des bisherigen Verarmungs- und Lohnsenkungsprogramms gehörten und immer noch gehören, macht diese lächerliche Farce und Protestsimulation eigentlich offenkundig.
Das nicht mehr Menschen so reagiert haben, wie einige Eierwerfer auf die Rede des baden - württenbergischen SPD-Häuptlings, ist nicht nur bedauerlich, sondern gibt nur trauriges Zeugnis ab, wie es aussieht, wenn sich der gehorsame Untertan bei seiner selbst gewählten Obrigkeit beschweren tut, weil die sie so gemein und ungerecht behandeln.
Dieser ganze „Protest“ ist so lächerlich und abgefeimt – wenn man nicht selbst von diesen Maßnahmen betroffen wäre – könnte man sich nur noch angewidert abwenden.

Danke mcmac für das Mühsamzitat.

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omakruse 13.06.2010 | 17:27

Ich will jetzt nicht zur Agenda 2010 abschweifen, aber ich sehe die damit verbundenen Reformen nicht so negativ wie viele hier. Die Arbeitslosigkeit ist seither stark zurückgegangen und die Arbeitnehmer sind endlich wieder in der Position, Lohnerhöhungen durchzusetzen. Die jahrzehntelange, argumentative Offensive der Arbeitgeber ist damit endlich gebrochen.

Was die Zusammenarbeit der linken Parteien betrifft, so denke ich, dass eine Annäherung weniger durch therapeutische Gruppensitzung zustande kommt, sondern durch gemeinsame, erfolgreiche Aktionen!

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omakruse 13.06.2010 | 18:26

Lieber Phineas Freek,
ein bisschen Randale von besoffenen Hooligans ist noch keine Politik. Und auch nicht, Bomben auf Polizisten zu werfen wie in Berlin. Das sind doch im Kern alles völlig unpolitische Leute, die mal einen Nachmittag Spaß haben und sich als gefährlicher Guerillero fühlen wollen. Solchen Protest können sich Merkel und Westerwelle nur wünschen.

Es ist ziemlich klar, dass die "Linke" allein viel zu schwach ist, um etwas zu erreichen. Da braucht man dann vielleicht doch auch Partner, die einem nicht schmecken.

Nostradamus 13.06.2010 | 18:37

""...die 'Große Antikapitalistische Kehrwoche' sollte sinnlich sein und Spaß machen..."
So sehe ich das auch."

Ich sehe das eher nicht so. Als ich den Aufruf von Attac seinerzeit für die erste dieser Veranstaltungen las, dachte ich, ich trau' meinen Augen nicht. Da wurden noch Tänzer und Trommler für den Demonstrationszug gesucht. Leute, wer soll euch denn ernst nehmen, wenn aus einer Demo ein Spaßhappening mit Showeinlagen gemacht wird? Eine Art Karnevalsumzug mit Message? Eine Aktivisten-Love Parade? Ich denke, auf diese Weise wird ein falsches Bild transportiert. Es geht doch darum, der Wut der Menschen Ausdruck zu verleihen. Natürlich nicht mit Gewalt, aber mit eiserner Entschlossenheit und mit Nachdruck. Es geht darum, denen "da oben" tatsächlich mal zu zeigen, das "wir" auch anders können.

Mit Demonstrationen sind Regierungen und Sozialstaatsvernichter ohnehin kaum mehr zu beeindrucken. Man muss es denen nicht noch einfacher machen, indem man ein Party-Event draus macht.

Nostradamus 13.06.2010 | 18:43

"Hauptsache man bleibt bei der reinen Lehre und beschmutzt sich nicht mit Kompromissen. Kompromisse sind aber nun mal das Wesen der Politik und wer unfähig ist Kompromisse einzugehen, der ist auch politikunfähig!"

Kompromisse haben die sPD an den Rand des Abgrunds gebracht. Sollte DIE LINKE sich jemals so "kompromissbereit" zeigen, dann trete ich aus. Die sPD ist ein verlogener Haufen, denen darf man ohne weiteres nicht mehr trauen. Deren kümmerliche und nicht überzeugende Einsicht ist nur dem Umstand des Misserfolges der letzten Wahlen geschuldet. Die hängen ihr Fähnchen in den Wind, egal, aus welcher Richtung der weht. Jedenfalls solange sie damit gewisse Machtoptionen verbinden können.

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Ehemaliger Nutzer 13.06.2010 | 19:07

"Da braucht man dann vielleicht doch auch Partner, die einem nicht schmecken."

Ja aber doch nicht, wenn damit Förderung des Niedriglohnsektors (1,7 Millionen Menschen beziehen Hartz IV Zusatz bei 40 Stunden Wochen), Befürwortung von Kriegen wie in Afghanistan, Atomlaufzeitverlängerung und keinerlei Beschränkungen für die Finanzmärkte einhergehen.

Weist du denn wer Hedgefonds und Leerverkäufe zugelassen hat? Das waren die SPD und die Grünen! Die haben diese ganze Scheiße zu verantworten. Aufbauend auf den Vorstößen der Ära Kohl.

Wenn DIE LINKE mit diesen Parteien zusammenarbeiten würde, OHNE das diese sich ganz klar und deutlich von deinem "Arbeitsplatzwunder" verabschieden, dann wäre ihre Glaubwürdigkeit weg, da sie dann keine Alternative mehr zur gängigen Lobbyismuspolitik darstellen.

Mensch Ömchen deine Naivität grenzt an die an mir gescholtene Dämlichkeit bzw. beginnenden Altersstarsinn.

Ich empfehle dir wirklich und vollen Ernstes sich mal die www.nachdenkseiten.de zu Gemüte zu führen. Mit deren Pressespiegel hat man die Möglichkeit relativ neutral Informationsvermittlung zu bekommen. Wenn dir das zu links ist kannst du auch einfach mal ein paar Vorlesungen der Politikwissenschaften besuchen, vielleicht hilft ja das die grauen Zellen von der rhetorischen Umnebelung zu befreien.

Ich finde es richtig, dass diesen Politiker kein Raum zum reden gelassen wurde. Deutschland ist ein so unglaublich verkrusteter Verbändestaat, dass wohl erst Zustände wie in den 68ern die Politikerkasten zum Überdenken ihres neoliberalen Schwachsinns veranlasst.

mcmac 13.06.2010 | 21:11

Sehr geehrte Oma Kruse,

was hat "ein bisschen Randale von besoffenen Hooligans" und "Bomben auf Polizisten" mit den gestrigen Protesten zu tun?
-Ich vermute, dass Merkel und WW sich vor allem auch Leute wünschen, die auf Grund der von ihnen instrumentalisierten Medien genau diese Verquickungen so herstellen.
Um es noch einmal zu betonen: Der oben beschriebene lautstarke Protest samt Eierwürfen in Stuttgart beschränkte sich nicht "auf ein paar besoffene Hooligans". Erstens waren dort keine Hooligans. Falls Sie aber damit die Angehörigen des sogenannten "Antikapitalistischen Blocks" meinen: das waren viel zu wenige, um allein einen derartigen Höllenlärm zu veranstalten. Viele ältere Semester waren unter den Protestierenden, die keine schwarze Kleidung trugen, sondern weiße Haare. Und denen ging diese Heuchelei genau so gewaltig gegen den Strich. ALLE waren empört und taten das auch gemeinsam kund.
Das Sie nur ungern zur Agenda 2010 "abschweifen" möchten, kann ich nachvollziehen, denn man käme ja der Realität bedrohlich nah und Ihre etwas gebrechlichen Argumente würden zu Staub zerfallen.
Trotzdem: Ich stimme Ihnen zu, dass nur eine vereinigte Linke etwas bewegen kann.

j-ap 13.06.2010 | 21:29

Guten Abend allerseits.

Was mir bei solchen Gelegenheiten immer wieder auffällt ist das krasse Mißverhältnis, das zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu liegen pflegt: Zehntausende demonstrieren, ja. Anläßlich dieses Umstandes wird seit Jahren landauf, landab von großartigen Protesplattformen schadroniert, jede mittlere Personenmehrheit, die sich unter einem Plakat einfindet, wird zum Fanal für »das System« stilisiert, als ein angebliches Zeichen dafür, daß sich »was tut«, daß es dort, wo die Basis breit ist und nach vielen Köpfen rechnet, endlich einmal richtig kracht im Gebälk.

Bezeichnend ist dagegen, daß diese angeblichen Mehrheiten, die die Schnauze gestrichen voll haben sollen, noch nirgendwo einen tatsächlichen Niederschlag gefunden haben, ja meistens noch nicht einmal richtig sichtbar wurden. Was sind schon Zehntausende in einem Land von 82 Millionen? Wo ist denn die linke Mehrheit, die das Gären aufnimmt und in wirkliche Politikableitungen transformiert?

Halten wir uns gar nicht erst mit den paar Gewalttätern auf, das lenkt nur vom Thema ab. Rauftouristen gibt's überall und bei jeder Gelegenheit, auch bei Demos. Sie sind weder eine unvermeidliche Begleiterscheinung der Protestler noch kann man genau sagen, woher sie kommen.

Wir befinden uns nach einhelliger veröffentlichter Meinung in der größten Krise seit zwei Generationen. Wirft man einen Blick in die Gazetten oder in die Blogs, dann bekommt man dort serviert, was auf dem Plan stehen soll. Nur: dieser Plan ist außerhalb der jeweiligen Séparées noch nirgendwo zu Gesicht gekommen.

Wo waren denn die linken Mehrheiten bei der letzten Bundestagswahl? Wo waren sie in Großbritannien, Tschechien, Ungarn, in der Solwakei und in den Niederlanden? Nirgends ist dort die 'linke Mehrheit' zum Zuge gekommen, weil es sie schlicht nicht gab.

Worauf stützen sich Linke also? Wo sind sie? Was haben sie vor? Phantasieren sie künftig, wie die Rechten, von der ominösen »schweigenden Mehrheit«?

free world 13.06.2010 | 21:47

Hallo walter ter linde,
selbst bei den Montagsdemos 2004 waren es nur 200.000 Teilnehmer auf 200 Städte verteilt. Also besonders viel ist das nicht. Damals gab es ungefähr 5 Mio. Arbeitslose.
Wenn wenigstens die Hälfte der Betroffenen auf die Straße gehen würde, wären es heute schon 3 Mio. Teilnehmer.
Was die Medien betrifft, müsste es sowas Ähnliches wie den Freitag auch als Rundfunk- oder TV-Sender geben, um mehr Leute zu erreichen.

Fro 14.06.2010 | 00:18

@j-ap

Ich kann verstehen, dass die Unzufriedenen nicht gleich in Scharen anreisten, um an dieser Demo teilzunehmen – der Aufruf war nicht wirklich motivierend und Demos haben allein höchst selten Veränderungen herbeigeführt. Und wer etwas investiert, will auch sehen, dass sein Einsatz sinnvollen Druck erzeugt... Aber da keine Gesamtkonzept zur Verhinderung der Krisenkostenaufbürdungen vorhanden ist...

....

„Wo waren denn die linken Mehrheiten bei der letzten Bundestagswahl?“

Viele Systemkritiker und Zornigen, sind Nichtwähler. Die Umfragen sagen, dass SchwarzGelb nur noch von 36% der Wähler gewählt werden würden. Das sind 25% aller Erwachsenen Bürger.

„Wo ist denn die linke Mehrheit, die das Gären aufnimmt und in wirkliche Politikableitungen transformiert?“

Ja, wo? Das frage ich mich auch. Ich bin insbesondere davon enttäuscht, dass die Linke bisher anscheinend kaum Kreativität entwickelt hat, um eine druckvolle öffentlichkeitswirksame Willensbekundung des Souveräns hin zu bekommen.
Das Potenzial des Widerstandes reicht bis in die Sozialverbände und Kirchen. Selbst in den Kaninchenzüchtervereinen und Karnevalsverbänden gibt es mehrheitliche Ablehnung gegen das Sparprogramm der Regierung. Da kann man doch etwas draus machen...da müssen doch Vernetzungen heiß laufen um eine breite, kreative, druckvolle Einpunktbewegung ins Leben zu rufen. „Die Verursacher der Krise müssen zahlen“.

Nostradamus 14.06.2010 | 00:49

"Ja, wo? Das frage ich mich auch. Ich bin insbesondere davon enttäuscht, dass die Linke bisher anscheinend kaum Kreativität entwickelt hat, um eine druckvolle öffentlichkeitswirksame Willensbekundung des Souveräns hin zu bekommen."

Man sollte nicht vergessen, dass DIE LINKE leider immer noch kaum Unterstützung in der Bevölkerung findet. Jedenfalls zu wenig. Bezeichnenderweise ist die Ablehnung selten sachlich begründet. Im Gegenteil: erwähnt man die von den LINKEN vertretenen Positionen, dann bekommt man meist Zustimmung. Macht man aber von vornherein klar, dass die nun folgenden Argumente von den LINKEN stammen, dann gehen viele auf Abwehr. Auch wenn man es nicht mehr hören und lesen mag, aber meiner Meinung nach haben die Mainstream-Medien mit ihrer Verteufelung linker Positionen als solcher und insbesondere der Partei DIE LINKE einen erheblichen Teil dazu beigetragen.

Nostradamus 14.06.2010 | 00:49

"Ja, wo? Das frage ich mich auch. Ich bin insbesondere davon enttäuscht, dass die Linke bisher anscheinend kaum Kreativität entwickelt hat, um eine druckvolle öffentlichkeitswirksame Willensbekundung des Souveräns hin zu bekommen."

Man sollte nicht vergessen, dass DIE LINKE leider immer noch kaum Unterstützung in der Bevölkerung findet. Jedenfalls zu wenig. Bezeichnenderweise ist die Ablehnung selten sachlich begründet. Im Gegenteil: erwähnt man die von den LINKEN vertretenen Positionen, dann bekommt man meist Zustimmung. Macht man aber von vornherein klar, dass die nun folgenden Argumente von den LINKEN stammen, dann gehen viele auf Abwehr. Auch wenn man es nicht mehr hören und lesen mag, aber meiner Meinung nach haben die Mainstream-Medien mit ihrer Verteufelung linker Positionen als solcher und insbesondere der Partei DIE LINKE einen erheblichen Teil dazu beigetragen.

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Ehemaliger Nutzer 14.06.2010 | 01:13

Zeiten und Menschen ändern sich. Attac tickt jetzt ganz anders. Als ich bei Attac angefangen habe, war es noch so wie du es sagst Nostra, aber jetzt...

Wir betrachten diese Entwicklung mit großer Sorge. Beim Bankentribunal sprach Prof. Grottian vom Wutkonto, das sich jetzt mal langsam entladen müsste.
Dies wird geschehen wenn die Politik nicht endlich anfängt den Willen des Volkes (Abzug der Truppen aus Afghanistan, Vermögens- und Erbschaftssteuer, Erhöhung des Spitzensteuersatzes, Tobinsteuer und und und) zu respektieren.

Nach einer Studie der Boston Consulting Group ist das angelegte Vermögen im vergangenen Jahr um zwölf Prozent gestiegen. Europa bleibt demnach
die reichste Region mit 37,1 Billionen Dollar.

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Ehemaliger Nutzer 14.06.2010 | 01:53

@Nostra; recht hast du, leider, die jahrzehntelange Angstmacherei vor dem Kommunismus (bzw. was der Westen dafür hielt) wirkt immer noch nach. Geht mir in Diskussionen genauso, alles was von den Linken kommt ist Sozialismus, Punkt, und damit nicht tragbar.

Der Rechtsruck in anderen europäischen Ländern erklärt sich meines erachtens aus dem Versagen der dortigen linken Parteien.

DIE LINKE hat in Berlin massive Einsparungen im Bildungsbereich mitgetragen, obwohl es im Wahlkampf damals hieß "Mit uns wird es keine Einsparungen im Bildungsbereich geben!". Auch andere illustre Hirngespinste von Wowi wurden umgesetzt. Nun, das ist noch nicht vergessen...

mcmac 14.06.2010 | 02:27

Mein, inzwischen, lieber J.A.-P.,

was mir bei solchen Gelegenheiten immer wieder auffällt,ist, dass Sie mit Ihrer -mal mehr, mal weniger subtil (Ihr Ausfall/Magda, Sie erinnern sich?)- und variantenreich gestellten Gretchenfrage bei mir eher den Eindruck erwecken, Sand ins Getriebe streuen zu wollen, der lediglich für Abrieb sorgt, als für segensreiche Reflektionen, was dieses Mal anders gemacht werden müsste, damit es nicht zur Katastrophe kommt und ein menschliches, das Leben aller respektierendes Maß gewahrt wird.

Ich bin mir sicher, das Sie mehr wissen, als Sie hier zu offenbaren bereit sind, denn: auch Sie wissen, dass es niemals zuerst "demokratische Mehrheiten" waren, die Veränderungen eingeleitet haben. Insofern und so gesehen ist jede qualitative Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen -bisher- auch immer eine Art Putsch gewesen. Wie die Wolke den Regen und der Kapitalismus den Krieg in sich trägt, trugen auch all diese Umwälzungen bislang die Ungerechtigkeit in sich.

Das ist der überaus kritikwürdige Stand der Dinge.

Das Problem der Linken ist immer, und auch das wissen Sie, dass es um eine veränderte, möglichst bessere Zukunft FÜR ALLE IN FREIHEIT geht. Mindestens eine doppelte Hybris angesichts der eigenen, realen Existenz also, die mehr Fragen aufwirft, als dass sie Antworten gibt und letztlich mystifizierend erscheint -"fauler Budenzauber all das!"
Von der Ungenauigkeit dieser vagen Verheißung mal ganz abgesehen.

Gemessen an der Historie und der Realität ist es nicht nur Beschiss. Es sind handfeste Verbrechen geschehen. Die schwerer wiegen als Verbrechen, welche im Geiste des egoistisch motivierten Mehrwerts verübt wurden und werden.
Nichts ist schlimmer, als die tiefe Sehnsucht der Menschen
nach Besserung zu verraten und zu missbrauchen.

Sie stellen klare Fragen und fordern klare Antworten, was denn "die Linken" vorhaben (nachdem Sie aber erst einmal "die Linken" für irrelevant, bzw. nicht maßgeblich vorhanden erklärt haben). Ich denke, diese 'Antworten', die Sie sich erhoffen (und auch das immanente Debakel dieser) werden Sie wohl eher so nicht bekommen können. Das liegt aber nicht an der Verlegenheit und Ratlosigkeit um eine Antwort, in die Sie die zu Befragenden zu bringen glauben. Es liegt möglicherweise mehr am Stil und Inhalt Ihrer Fragen, welche lediglich ein aus- und abschließendes, festzunagelndes und starres, wenngleich justiziables, aber mehr eben auch nicht "Ja" oder "Nein" zulassen.

Dass Sie vehement versuchen, ein Geist zu sein, der stets verneint, impliziert, dass Sie möglicherweise gar nicht auf der Suche nach solch` platten Antworten sind.

Eine durchaus auch sympathisch erscheinende Eigenschaft, die Sie zwillingshaft mit dem Verleger dieses Blättchens teilen.

MfG
mcmac

claudia 14.06.2010 | 08:02

>>...DIE LINKE...
Die Partei "DIE LINKE " hat momentan das Problem, dass trojanische Pferde sich Funktionen erschleichen haben, in denen sie öffentlich Inhalte der Agenda 2010 vertreten und den Eindruck erwecken, die Linke wolle den Seeheimer Kreis rechts überholen. In Bayern ist das z. B. Michael Wendl.
Leute, die konsequent dagegen vorgehen wollen, haben zur gegen Bedenken aus den eigenen Reihen zu kämpfen: "Wie wirkt das denn nach aussen, wenn man sich zerstritten darstellt?"
Es haben noch nicht alle begriffen, dass es eben das Ziel der Provokateure ist, "die Linke" als ewig in "Flügelkämpfen" zerstritten darzustellen.

claudia 14.06.2010 | 08:12

>>die jahrzehntelange Angstmacherei vor dem Kommunismus (bzw. was der Westen dafür hielt) wirkt immer noch nach.
Und genau deswegen ist es kontraproduktiv, immer voran zu stellen: Also jetzt machen wir mal etwas "linkes" und dann erst Positionen zu vetreten, wenn die Mehrheit programmgemäss abgeschaltet hat.
Es kommt darauf an, inhaltliche Positionen voran zu stellen. Kategorisierungen als "links" oder was auch immer sind nachrangig.
Auch nicht nur, wie auf den bislang "von oben" organsierten "Protestaktionen" gegen etwas, sondern für Alternativen.
Dabei muss natürlich auch die Machtfrage gestellt werden. Sonst verlöre man sich in schönen Träumen vom fernen, leider in diesem Leben nicht erreichbaren Paradies...

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Ehemaliger Nutzer 14.06.2010 | 11:23

"Es kommt darauf an, inhaltliche Positionen voran zu stellen. Kategorisierungen als "links" oder was auch immer sind nachrangig."

Das sehe ich genauso, aber scheinbar ist es immer noch von Nöten sich abzugrenzen, von anderen Parteien. Deswegen hat ja die SPD noch bis kurz vor der NRW Wahl händeringend nach einem Wahlkampfthema gesucht.

Es kotzt mich an dieses dämliche rechts-links Denken noch von Zeiten der französischen Revolution her. Die derzeitigen Probleme sind viel zu groß und können nur gemeinsam bewältigt werden, nach dem Ameisenprinzip.

Selbst in den sogenannten konservativen Parteien gibt es in einzelnen Bereichen Gemeinsamkeiten, aber der ideologische Überbau verhindert konstruktive Zusammenarbeit.

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omakruse 14.06.2010 | 14:53

"Trotzdem: Ich stimme Ihnen zu, dass nur eine vereinigte Linke etwas bewegen kann."

Danke, ich denke, darauf kommt es am Ende an.

Ich denke aber, dass sich das Zerwürfnis der Linken nicht durch gegenseitige Schuldzuweisungen lösen lässt. Das Risiko, wenn man SPD, Grüne und DGB aus der Protestbewegung ausschließt, ist halt die Bedeutungslosigkeit. 10.000 Leute auf einer Demo sind keine Mehrheit.

j-ap 14.06.2010 | 15:32

Liebe (jaha!) mcmac,

wenn Zynismus eine Attitüde der Macht ist und Fatalismus eine der Ohnmacht, dann ist die Ironie das, was am archimedischen Punkt zwischen beiden liegt: eine Rasierklinge, auf der man ein ganzes Leben balancieren kann.

Dieses »Geist, der stets verneint«-Symptom verfolgt mich übrigens schon eine ganze Weile. Was bleibt einem schon übrig? Die einen wollen überall angebliche Gesetzlichkeiten entdecken — der Natur, Gottes, der »Gesellschaft«, des Kapitals. Die anderen beten staubige Wahrheiten her, deren Patina so alt ist wie die Welt. Gemeinsam ist ihnen, daß sie aus einiger Distanz so derangiert wirken wie ein Vorstadt-Sparverein, der die letzte Abrechnung verhunzte. Die, die übrig sind, gebrauchen ihr Hirn meist nur dazu, um es in die Pfanne zu werfen und zur Schlachtschüssel zu reichen. (Richt zubereitet ist übrigens Rindshirn wirklich gustiös, Prionen hin oder her. Notieren wir das für die Rezept-Abteilung.)

Ich habe jahrelang an diversen Fakultäten zugebracht im Bestreben, es nun endlich herauszufinden: Wie die Welt läuft. Ich stelle fest, daß ich bis heute keine Ahnung habe, aber wenigstens so ehrlich bin, das auch zuzugeben. Das einzige, was ich wirklich sicher weiß ist, daß es für Herrschaft noch nie und noch nirgendwo irgendeine Legitimität gegeben hat.

Wie sagte mal ein bekannter Staatsmann? Wenn ich's nochmal machen könnte, würde ich Farmer werden. Statt Farmer würde ich's wohl eher als Pianist versuchen, der Impetus bleibt derselbe.

Achja, und noch eines: Glauben Sie mir kein Wort.

Mahlzeit allerseits,
J. A.-P.