Einzigartig

SPD-Abweichler Die vermeintlichen Parteipläne der hessischen SPD-Abweichler sind längst dementiert. Die Werbung für Volker Zastrows Buch über die Intrige von Wiesbaden geht weiter

Vor langer Zeit, man muss schon etwas tiefer ins Archiv sozialdemokratischer Negativschlagzeilen hinabsteigen, scheiterte in Wiesbaden eine Ministerpräsidentenkandidatin der SPD an einer Mischung aus Intrige, persönlicher Boshaftigkeit und Unvermögen bei ihrem Versuch, eine Regierung zu bilden. Die Frau hieß Andrea Ypsilanti, ist inzwischen einfache Landtagsabgeordnete in Hessen und hat – was ungerecht ist – ein ähnliches Schicksal erfahren wie Peter Hartz: Ihr Name ist zum Symbol für etwas Schlechtes geworden, für den "Wortbruch". Gerade erst stritt die nordrhein-westfälische Sozialdemokratin Hannelore Kraft vor Gericht dagegen, von der Konkurrenz "Kraftilanti" genannt zu werden.

Ypsilantis rot-rot-grünes Bündnis ist seinerzeit zuallererst an den Kräfteverhältnissen gescheitert. Eine für Sozialdemokraten vergleichsweise linke Politik, ein Koalitionsvertrag gegen die Interessen der Energie- und Verkehrslobby, die Möglichkeit zu einem ersten Tolerierungsmodell mit der Linkspartei in einem Westbundesland – das reichte aus, um gewichtige Gegenkräfte zu mobilisieren. Hinzu kamen handwerkliche Fehler, ein seit langem zerstrittener Landesverband, ein mediales Umfeld. Daraus, dass sich zudem eine Viererbande fand, die weniger ein gemeinsames Ziel verband, als ein gemeinsamesMaß an Illoyalität und politischem Egoismus, wird noch keine Verschwörung. Jürgen Walter, Carmen Everts, Silke Tesch und Dagmar Metzger haben es in den Fußnotenapparat der Parlamentsgeschichte geschafft. Einige aus dem Quartett hatten wohl auch zu spät mitbekommen, in der falschen Partei zu sein.

Das Trauerspiel hat am Wochenende urplötzlich eine Wiederaufführung erlebt. Gegen elf Uhr am Sonntag meldete die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, jene hessischen Abgeordneten, die immer als "SPD-Rebellen" bezeichnet wurden, als ob ihrer Tat etwas Gutes, Widerständisches innewohnte, würden die Gründung einer neuen Partei "erwägen". Der Anlass, welcher dieser Nachricht zugrunde lag, war jedoch offenbar frei erfunden: Vier Stunden später kamen die ersten Dementis. Selbst wenn man annehmen müsste, es steckte doch eine Wahrheit darin, waren die Hinweise doch dünn – Andeutungen in Hintergrundgesprächen. Das fällt auch deshalb ins Gewicht, weil man von der Frankfurter Allgemeinen anderes gewohnt ist: Nachrichten mit Belegen.

Seinen Zweck hat das Ganze dennoch erfüllt. Schließlich ging es bei alledem darum, ein Buch ins Gespräch zu bringen, das am Dienstag erscheint. Die Vier. Eine Intrige, geschrieben von Volker Zastrow, verantwortlich für den Politikteil bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dass in der Süddeutschen die Karawane noch mit einem literaturkritischen Ritterschlag angetrieben wird, soll nicht unerwähnt bleiben. Gustav Seibt stellt Zastrows Recherche sogar in eine Reihe mit den Romanen von Georges Simenon, lobt das "Großartige", die "Meisterhand", das "Einzigartige". Wenigstens für den kollegialen Werbeaufwand trifft das zu: In der Samstagsausgabe der FAZ erschien bereits ein Auszug aus dem Buch über zwei Seiten, die Geschichte fand Platz auf drei Seiten in der Sonntagszeitung, dort las man auch die Ankündigung, weitere spannende Neuigkeiten werde die Frankfurter Allgemeine am Dienstag verbreiten. Ein Fortsetzungroman?

Ob die SPD auch dann bei ihrer Haltung bleibt, sich an dieser Form der "Vergangenheitsbewältigung" nicht zu beteiligen, weil man sie als Partei für abgeschlossen hält, wird sich zeigen. Dazu müsste wohl erst etwas enthüllt werden, das einen wirklich anderen Blick auf den Sturz von Andrea Ypsilanti im Spätherbst 2008 erlaubt. Details über Gespräche bei Serviettenknödel in der Eschborner "Bauernschänke", Beschreibungen von löwensenfbraunen Sakkos und Exkurse über den Dreiachser K 340 F der Firma Krupp mögen sich gut lesen und schärfen das Bild. Sie machen aber noch kein neues.

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Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden

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