Erlegter Drache

Siegersymbol Die Mauer dokumentiert das Scheitern eines unfreien Sozialismus – als Chiffre in Übergröße. Über das Heute sagt sie uns nichts

Nach 50 Jahren kommt immer noch einmal etwas Neues ans Licht. Willy Brandt lag falsch, als er sich mit Blick auf den Mauerbau erinnerte, „sämtliche nachrichtendienstlichen Organisationen des Westens scheinen hinters Licht geführt worden zu sein“. Tatsächlich wusste etwa der Bundesnachrichtendienst Monate vorher Bescheid. Die „Schließung der Sektorengrenzen“, kabelten die Geheimen am 11. August 1961, werde „zwischen dem 12. und 18. August“ erfolgen, „um den nicht mehr kontrollierbaren Flüchtlingsstrom zu unterbinden“.

Der Bau der Mauer sollte ein frühes Ende einer DDR verhindern, die damals schon an ihre Grenzen gestoßen war. Der „Schutzwall“ diente bloß dem Überleben der SED. Das ist vielleicht der einzige wirklich große Konsens bei dem Thema.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte die Berliner Zeitung eine Umfrage: Zehn Prozent der Hauptstädter nennen den Mauerbau aus damaliger Sicht nötig und gerechtfertigt, weitere 25 Prozent zeigen teilweise Verständnis für das Symbol einer Teilung, die schon weit vor dem Ziehen von Stacheldraht und den tödlichen Schüssen zur Realität geworden war.

Darf man in der Mauer heute anderes sehen als den monströsen Beweis für die Falschheit eines Systems, das sich sozialistisch nannte? Ändert der Blick auf die Umstände ihrer Errichtung etwa das Urteil, das so leicht zu fällen scheint vom Ende der Geschichte her?


20 Jahre nach ihrem Fall steht die Mauer weiter in der Landschaft herum: als politisch eindeutige Chiffre, Deutungen ausgeschlossen. „Ganz klar muss sein“, sagt Berlins Regierender, dass es da „keinen Raum für Nostalgie oder gar Verständnis gibt“. Doch leider, glaubt Klaus Wowereit zu wissen, gebe es „immer noch Leute, die aus der Vergangenheit nichts gelernt haben“.

So kann man ein Drittel der Berliner und die Hälfte der Menschen im Ostteil geschichtspolitisch erledigen, ohne über das eigentliche Problem gesprochen zu haben. Denn das ist nicht jenes kleine Nebenzimmer des Selbstrückzugs, das hier und dort von ein paar Leuten bewohnt wird – im Osten wie im Westen. Als ob heute jemand wirklich noch die Toten der deutsch-deutschen Grenze rechtfertigen wollte.

Das Problem am Reden über die Mauer ist in Wahrheit, dass es um „Lernen aus der Vergangenheit“ meist gar nicht geht. Den einen dient die Mauer als Symbol eines Scheiterns in Übergröße. Von einem „erlegten Drachen“ sprach einmal der Direktor der zentralen Berliner Gedenkstätte. Gerade hat die Bild-Zeitung dem „Einheitskanzler“ Helmut Kohl ein 3,60 Meter hohes Originalmauerstück geschenkt, ein 2,7 Tonnen schweres Monument der Selbstbestätigung: Im Vergleich mit dem eingesperrten Gestern wird noch jeder zum Sieger der Geschichte.

Den anderen dient die historische Mauer als Argument gegen die modernen Formen der Sperranlage, in Palästina, im Süden der USA, an den EU-Außengrenzen. Ja, es gibt auch heute schreckliche Festungsmentalitäten und viele, sogar viel mehr Tote. Aber 1961 ging es darum, Menschen das Raus zu versperren. 50 Jahre später werden sie am Reinkommen gehindert. Diesen Unterschied zu verwischen ist so falsch, wie der Hinweis nicht weiterbringt, dass doch auch heute die Reisefreiheit beschränkt ist, nämlich durch ungerecht verteilte materielle Chancen. Der Fakt stimmt, aber was hat das mit der Unfreiheit in der DDR zu tun?

Keine Nostalgie, aktuelle Unzufriedenheit

Wenn noch Jahre nach der Wende immer wieder Umfragen ergeben, dass sich jeder Fünfte die Mauer zurückwünscht, dann steckt darin keine realsozialistische Nostalgie, sondern eine ganz aktuelle Unzufriedenheit – trotzig, auch ressentiment-geladen, nicht nur im Osten. Allein mit dem Verweis auf das Leid, das die Mauer brachte, wird man dieser Unzufriedenheit aber kaum gerecht.

Über das Heute sagt uns das Bollwerk nichts, es stellt keine „Lehre“ dar, von der man zum Beispiel etwas über die Probleme der Demokratie im Kapitalismus lernen könnte: Dessen Überlegenheit gegenüber dem Realsozialismus bestand ja gerade darin, seine Macht, die auf ihre Weise nicht ohne Unfreiheit ist, auf breites Einverständnis zu stützen – er braucht keine Mauern nach innen. Worüber die Mauer uns hingegen etwas sagen kann, worin sie eine zwingende „Lehre“ sein muss, ist jene „andere Welt“, die nur möglich sein wird, wenn sie sich keiner Mauern bedient. Doch wer von den Politikern, die jetzt zur „richtigen“ Erinnerung ermahnen und gegen die „Nostalgie“ ansprechen, will denn darüber reden – etwa einen demokratischen, freiheitlichen Sozialismus?

Apropos ans Licht kommen: So präsent der „erlegte Drache“ als Siegersymbol dieser Tage ist, so schwindsüchtig präsentiert sich das politische Gedächtnis. 50 Jahre danach können immer weniger Menschen genau sagen, was am 13. August 1961 geschah. Mit historischer Bildung allein wird man das Reden über die Mauer aber nicht aus seinen Widersprüchen befreien.

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Ihre Freitag-Redaktion

09:40 11.08.2011
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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Ausgabe 42/2021

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