Tom Strohschneider
29.06.2010 | 15:09 22

Geld verdienen am Hindukusch: Wie teuer ist der Krieg?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Tom Strohschneider

Die Linksfraktion im Bundestag hat nach den deutschen Kosten des Afghanistan-Krieges gefragt und von der Bundesregierung eine Antwort erhalten: rund 3,59 Milliarden Euro wurden von 2002 bis 2009 „für Personal, Erhaltung von Wehrmaterial, militärische Beschaffungen und Anlagen sowie Verwaltungsausgaben“ im Rahmen des ISAF-Mandats ausgegeben. Also soviel, wie die nun geplante Bankenabgabe in drei Jahren einspielen würde. Oder die Hälfte des Nach-Steuer-Gewinns der Deutschen Bank im ersten Quartal 2010. Beziehungsweise der halbe Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für 2010.

Kosten des ISAF-Einsatzes
2002: 306,2 Millionen Euro
2003: 383,3 Millionen Euro
2004: 337,5 Millionen Euro
2005: 377,3 Millionen Euro
2006: 500,8 Millionen Euro
2007: 515,3 Millionen Euro
2008: 501,9 Millionen Euro
2009: 668,3 Millionen Euro

Hinzu kommen die Kosten für die Beteiligung an der „Operation Enduring Freedom“. Die lagen in den Jahren 2001 bis 2009 nach Angaben der Bundesregierung bei insgesamt 1,019 Milliarden Euro.

Kosten des OEF-Einsatzes
2001: 5,3 Millionen Euro
2002: 315,7 Millionen Euro
2003: 217,1 Millionen Euro
2004: 131 Millionen Euro
2005: 97,1 Millionen Euro
2006: 100,9 Millionen Euro
2007: 50 Millionen Euro
2008: 54,2 Millionen Euro
2009: 47,8 Millionen Euro

Macht also unter dem Strich etwa 4,6 Milliarden Euro – an denen unter anderem Rüstungsfirmen und Dienstleister verdienen. So kann man aus der Antwort zum Beispiel erfahren, dass das Essen in den deutschen Kasernen von der Schweizer Firma Supreme Foodservice kommt. Die Stromversorgung stellt das Unternehmen ABZ aus Henstedt-Ulzburg – 2009 kostete das 5,4 Millionen Euro. Und das Düsseldorfer Unternehmen Ecolog hat von der Bundeswehr für Dienstleistungen (Reinigung, Container, Entsorgung) jedes Jahr zwischen 1,8 und 24,3 Millionen Euro erhalten. Der Firmeninhaber hatte schon in den neunziger Jahren für die Bundeswehr im Kosovo dreckige Wäsche gewaschen. Die Wirtschaftswoche porträtierte das Unternehmen im März 2006. In die Schlagzeilen geriet Ecolog im vergangenen Jahr, als berichtet wurde, dass die Bundeswehr Aufträge an die Firma ohne europaweite Ausschreibung vergeben habe – Ecolog setzte sich später erfolgreich gegen die Vorwürfe zur Wehr.

Auch der Umfang des deutschen Bundeswehr-Kontingents wird in der Antwort der Bundesregierung ausführlicher beschrieben, als man es aus der täglichen Afghanistan-Berichterstattung kennt. Ende Mai 2010 waren 1.005 geschützte und 185 ungeschützte Landfahrzeuge, sieben Transportflugzeuge vom Typ Transall C-160, sieben Transporthubschrauber vom Typ CH 53 GS, sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado PA 200 und 76 unbemannte Aufklärungsdrohnen für die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Davon wurden laut Bundesregierung 375 geschützte und 15 ungeschützte Landfahrzeuge sowie 25 Luftfahrzeuge „über die ergänzenden Regelungen zum Einsatzbedingten Sofortbedarf (…) für den ISAF-Einsatz“ beschafft. Darunter 124 Dingo des Unternehmens Krauss-Maffei Wegmann und 187 Wolf-Fahrzeuge von Daimler Benz. Über 25 Bestellungen der Luna-Drohne konnte sich die Firma EMT freuen.

Peter Struck zufolge wird mit diesen Gerätschaften Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt – mit bisweilen tödlichen Folgen für die Menschen in Afghanistan. „Aus dem Verteidigungshaushalt“, heißt es in der Antwort, „wurden aus humanitären Gründen für Personenschäden in Afghanistan folgende Zahlungen geleistet:

2004: 200 US-Dollar
2005: 3.485 US-Dollar
2007: 5.579 US-Dollar
2008: 29.165 US-Dollar
2009: 33.000 US-Dollar
2010: 15.360 US-Dollar

Die Schäden wurden nicht durch Kampfhandlungen verursacht“, wird in der Antwort ergänzt. Und man fragt sich: Wodurch dann?

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (22)

weinsztein 29.06.2010 | 18:08

Interessante Zahlen, vor allem die aus humanitären Gründen gezahlten Summen für Personenschäden in Afghanistan. Danach scheinen dort deutsche Schüsse auf Menschen billiger zu kommen als solche auf der hiesigen Provinzkirmes.

Wieviel Blutgeld - und aus welchem Etat - wurde an die Hinterbliebenen der verbrannten Menschen von Kunduz gezahlt?

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Ehemaliger Nutzer 29.06.2010 | 19:10

Ich hab mich mal nach SUPREME FOODSERVICE im Netz umgesehen. Dieses Unternehmen kann man getrost als Kriegsunternehmen bezeichen. SF ist Versorgungsspezialist für Krisengebiete, wie sie das selbst bezeichnen und waren auch schon in Ruanda, Kosovo, Sierra Leone, Somalia und Bosnien aktiv. In Afghanistan haben sie mit der Versorgung der britischen Truppen begonnen. 2001 war ihr Jahresumsatz 100 Millionen Euro. Damals hatte die Firma 250 Angestellte, im März 2008 2800 Mitarbeiter. Ich könnte nur spekulieren, was das für den heutigen Jahresumsatz bedeutet.
Die Geschäftspraxis ist sehr "vorausschauend", indem mögliche Operationsgebiete im Vorfeld abgecheckt werden, bevor der Auftrag offiziell auf dem Tisch liegt. Der geschäftsführende Gesellschafter Stephen Orenstein erklärt:„Ist ein Auslandseinsatz abzusehen (!!!), legen wir los. Wir suchen Lagerhallen, wählen Transport-routen, werben vor Ort Mitarbeiter an.“ Wenn der Auftrag dann offiziell kommt, ist Supreme sofort in der Lage loszulegen. Für die Versorgung der britischen Truppen wurde von der afghanischen Übergangsregierung das staatliche Kühlhaus angemietet. Der Supreme Prokurist Peter Esser wunderte sich zwar, dass das Kühlhaus im zerbombten Kabul noch stand, aber auf die Frage, ob die Menschen vor Ort das Kühlhaus vielleicht brauchen könnten, kam er wohl nicht.
Das Unternehmen hat drei Hauptstandbeine. Zürich, Frankfurt und Dubai. Die Versorgung der Truppen erfolgt von Frankfurt aus.
Supreme vermietet aber auch Container, kümmert sich um Müllentsorgung und andere logistische Probleme. Das rundum Sorglospaket für den Kriegseinsatz sozusagen.
Auf der Firmenseite der Firma Ceralogix, die Microsoft - Unternehmessoftware verkauft, wird SF im Kundenprofil vorgestellt. Dabei fallen von einem weiteren Verantwortlichen von SF folgende Sätze auf die Frage, weiso man sich für Micorsoft entschieden habe:
„Wir können unsere Mitarbeiter in
Krisenregionen dadurch sehr schnell einarbeiten.
Dies ist sehr wichtig, da wir beispielsweise
in Afghanistan wegen der schwierigen
Ausgangslage eine hohe Fluktuation beim
Personal haben.“
Dieses Firmenprofil macht die Kriegaffinität der Firma noch einmal in besonderem Maße deutlich, da es sich hier um bewusst positive Darstellung, ja Werbung, halndelt.
www.crealogix.com/fileadmin/Leistungsangebot/pdf/products/erp/case-study_supreme.pdf

Gold Star For Robot Boy 29.06.2010 | 20:20

Geld verdienen in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist.

"Confidential NATO reports and US intelligence assessments circulated to White House officials have documented consistent cases of ISI sponsorship of Taliban insurgents since 2004. Indeed, in 2008 US intelligence intercepted a communication in which ISI chief Gen. Ashfaq Kiani described senior Taliban leader, Maulavi Jalaluddin Haqqani, as a “strategic asset” – although Haqqani’s insurgent network has been a key target for US Predator drone strikes. Despite this, last year Obama persuaded Congress to sign-up for an unconditional $6 billion in military and economic assistance to Pakistan for five years."
nafeez.blogspot.com/2010/06/mcchrystal-falls-another-casualty-of.html

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Ehemaliger Nutzer 29.06.2010 | 22:57

Krieg an sich ist der Markt solcher Firmen. Es gibt wohl noch eine zweite Firma namens Morris aus Ausstralien, die auf dem "Versorgungsmarkt Krisengebiete" operiert und die in einem Bericht, ich glaube es war im Focus, ganz nüchtern als Konkurrent von Supreme genannt wird.

Jede halbwegs glaubwürdige Friedensmission würde ihre Lebensmittel und ähnliches, soweit es nur irgend geht in der Region selber kaufen, um die Region zu stabilisieren.

Aber wie sagte Herr Orenstein so schön bevor er mit der deutschen Regierung (ich nehme mal an, dass die Regierung diese Verträge abschließt) vertragseinig wurde:
„Wenn wir mit der Bundeswehr ins Geschäft kommen, besorgen wir auch Sauerkraut und Haxe.“

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sachichma 30.06.2010 | 02:34

Tom, erst mal Dank für diesen Post.
Allein die Frage, wie viel ein Liter Treibstoff kostet damit ein vollkommen untauglicher Dingo da herum tuckert hätte gereicht um diese frisierte Statistik ad absurdum zu führen. Ich kann mir nicht vorstellen das diese Zahlen amtlich, rechtlich gesichert sind!
Aber vielleicht spricht ein nächste BuPrä den Glauben an die wahre Auskunftspflicht der jeweiligen Regierung an das Parlament heilig. Dann kann das Buch geschlossen werden.

Joachim Petrick 30.06.2010 | 03:02

Welche Kosten die Auslandseinsätze der Bundeswehr in Nebenhaushalten, Sondervermögen verschlüsselt, dem merkwürdig entwicklungsfremd aufgeblähten Haushalt des Entwicklungsministers, Dirk Niebel, seines Zeichens Reserveoffizier der Bundeswehr, zugeordnet, verursachen, den Sozialversicherungssystemen undeklariert aufbürden, wie die Rehabilitation, Versorgung von verwundeten Bundeswehrangehörigen, samt Betreuung und Versorgung der Familien, Lebenspartner/innen, deren therapeutisch medizinische Behandlung, Begleitung, Umschulungen, geht aus diesen Daten nicht hervor.

tschüss
JP

claudia 30.06.2010 | 10:24

Kriege waren und sind immer lukrativ.
Für die Eroberer von Land, Rohstoffquellen oder was immer sie erobern wollen.
Und für Zulieferer. Der grösste Reibach wird mit der technischen Ausrüstung der Krieger gemacht.
Denn der Steuerzahler ist immer noch der grosszügigste Investor: Er steckt sein Geld hinein, ohne eine Dividende zu erwarten...

Tom Strohschneider 30.06.2010 | 12:52

danke für die antwort - und zur Treibstoff-Dingo-Frage: Für 2009 zum Beispiel gibt die Antwort der Bundesregierung an, es seien 1,4 Millionen Euro an die Badakshan Pump Station für Kraftstofflieferungen gegangen. Ob Benzin und Diesel auch von „übrigen Auftragnehmern“ geliefert wurden, geht daraus nicht hervor. Der alte „Dingo“ soll 25 Liter auf 100 Kilometer verbraucht haben (siehe: tinyurl.com/29fpto4 ). In AFG sind 54 Dingo 1 und 162 Dingo 2 unterwegs: Wie groß ist die Fahrleistung? Wie teuer der Sprit? Kurzum: Ich kann mit dieem Beispiel die Statistik nicht ad absurdum führen. Aber das muss ja nichts heißen. Wer kann weiterhelfen?

Tom Strohschneider 30.06.2010 | 12:53

Ob solche Angaben über Kriegskosten „amtlich rechtlich gesichert“ sind oder es sich doch eher um eine „frisierte Statistik“ handelt? Es sind halt Angaben der Bundesregierung, auf einige Fragen wird nicht geantwortet, anderes wird schon bei der Datenerhebung verzerrt. Insofern: d'accord mit allen Kommentatoren, die das angemerkt haben. Eric Chauvistré hat 2007 einige interessante Punkte genannt (siehe hier: tinyurl.com/2bge6qy ): die Beschaffungskosten werden aufgebläht, zum Teil offenbar, um mit solchen "einsatzbedingten Sofortbeschaffungen" langfristige Antragsverfahren für Rüstungsgüter umgangen werden sollen. Zugleich sind die Personalkosten wohl zu niedrig veranschlagt, weil lediglich die „Auslandsverwendungszulage“ Eingang in die Rechnung findet – der normale Sold aber nicht. Auf die Frage, welche Kosten für die Nachversorgung von Soldaten entstanden sind, hat die Bundesregierung auf den medizinischen Datenschutz verwiesen – und nicht geantwortet.

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sachichma 05.07.2010 | 20:02

Das wird ein guter Blog und hoffentlich bekommt er einen dauerhaften Platz damit er ständig aktualisiert werden kann.
Was aus den offenen GoogleDocs nicht so klar hervorgeht ist z.B. wie es um den Verbleib des "Materials" bestellt ist: bleiben Fahrzeuge dort, wie hoch ist der Schwund usw.