Gemischtes Doppel

Linke Der angebliche Alleinherrscher hält sich zurück und Gysi macht den Lafontaine. In Berlin zeigt die Linke, eine Partei mit vielen Flügeln braucht mehr als einen Chef

Angenommen, Oskar Lafontaine hätte zu Beginn des Parteitags der Linken eine die Delegierten mitreißende Rede gehalten. Das Echo wäre nach der Kritik am "Alleinherrscher" und "Egomanen" wohl in dieser Art ausgefallen: Ein Populist hat seine Partei fest im Griff. Nun hat aber der erste Vorsitzende der Linken keine mitreißende Rede gehalten, sondern eine furchtbar dröge, eine Art Fachvortrag der Forderungen seiner Partei. Kaum ein Wort zu den internen Querelen, viel Finanzpolitik, wenig Wahlkampf. Und so liest man am Tag danach von einem Parteichef "im Schongang", von "Langeweile" bei der Linken. Der Mann kann es wirklich niemandem Recht machen.

Lafontaine hat mit einem seiner schlechteren Auftritte auch viele der Genossen enttäuscht. In der Berliner Max-Schmeling-Halle gab es artigenBeifall - aber keine Begeisterung. Mancher aus dem Mittelbau der Linken schüttelte bratwurstessend den Kopf ob der Zurückhaltung des Parteichefs. Man ist versucht, aus solchen Reaktionen die jeweilige Stellung im Strömungsgefüge abzuleiten. Doch so einfach, wie es mitunter beschrieben wird, ist die Welt der Linken gar nicht. Lafontaine wird in der Partei nicht nur wegen überbordender Autorität kritisiert – sondern auch dafür, dass er die Zügel schleifen lässt. Keineswegs nur von jenen, die sich erhoffen, der Saarländer würde den Reformflügel disziplinieren. Sondern durchaus auch von den Regierungslinken selbst: Lafontaine lasse es zu sehr laufen, heißt es.

Dahinter verbirgt sich die strömungsübergreifende Sorge, ohne starkes Zentrum könne die Partei auseinander fallen. Es geht dabei nicht um platte Negativszenarien, wie sie in Interviewfragen aufscheinen, in denen eine baldige Spaltung der Partei insinuiert wird. Befürchtet wird vielmehr eine schleichende Erosion von unten, der Verlust der Anziehungskraft als Bündnis, die abnehmende Mobilisierungsfähigkeit. In der Partei ist man sich reihum im Klaren darüber, dass ein Ende des fragilen Pluralismus keinen politischen Mehrwert hervorbringt. Deshalb muss zusammenhalten, was sich mitunter nicht zusammengehörig fühlt.

Allen schönen alternativen Organisationsutopien zum Trotz ist die Linkspartei dabei auf die einigende und ausgleichende Kraft einer Parteispitze angewiesen. In den vergangenen Wochen entstand der Eindruck, ein dominanter Oskar Lafontaine beherrsche diese Rolle nicht und grenze einen Teil der Partei aus. Aber der Saarländer ist ja nicht allein. Es war Gregor Gysi, der auf dem Parteitag die Delegierten mit einer Rede begeisterte, in der all jene Knackpunkte angesprochen wurden, die Lafontaine wohlweislich ausgespart hatte: den Streit, den Wahlkampf, die Unterschiede. Gysi konnte unbelastet von öffentlichen Vorwürfen für Integration sorgen, er war zuvor nicht in den Ruf geraten, die Reformer aus welchen Gründen auch immer gängeln zu wollen. Und er kommt selbst aus dem Osten, was man bei dieser Partei allen Sonntagsreden über das Zusammenwachsen zum Trotz nicht zu gering schätzen sollte.

Diese Rollenverteilung war äußerst vernünftig – und ist es nicht nur für den Augenblick. In einer Partei mit vielen Flügeln wird eine Person allein niemals als Kraftzentrum wirken können. Wenn ein gewisses Maß an Vielfalt aber als Vorteil begriffen wird – weil Reformorientierung ohne den Stachel der Systemkritik zur Anpassung neigt und radikale Forderungen ohne realistische Durchsetzungsperspektive zum Sektierertum – dann muss sich das auch organisatorisch niederschlagen. Mindestens die Doppelspitze in der Partei, mit der es nach Auslaufen der bisher gültigen Übergangsregeln im kommenden Jahr vorbei sein würde, sollte deshalb erhalten bleiben. Wenn man dann auch noch dazu käme, diese den eigenen Ansprüchen gemäß nicht nur mit älteren Männern zu besetzen, wäre die Integrationskraft gleich noch ein bisschen größer.

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Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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