"Ich bin Ost und West"

Im Gespräch Gesine Lötzsch und Klaus Ernst sollen künftig die Linke führen. Doch das Kandidaten-Duo hat überraschend Konkurrenz bekommen. Ein Gespräch mit Heinz Josef Weich

Freitag: Herr Weich, sind sie ein Scherzbold?

Heinz Josef Weich:

Das bin ich.

Aber ihre Bewerbung zum Parteivorsitzenden ist trotzdem ernst gemeint?

Meine Kandidatur ist kein Scherz.

Der Personalkompromiss gilt als heiliger Gral. Die Linken-Spitze war heilfroh, sich auf eine Lösung verständigt zu haben. Jetzt kommen Sie und stören die Ruhe.

Na und? Der Personalkompromiss war einer unter führenden Funktionären. Der Mitgliederentscheid zur Doppelspitze stieß wegen seiner Form bei vielen auf Kritik. Ich habe gute und wichtige Gründe für meine Kandidatur.

Welche sind das?

Für die Zukunft der Linkspartei ist es von großer Bedeutung, dass sich der Vorstand stärker als bisher der Basis zuwendet. Gehen Sie doch mal in die Kreisverbände und hören sich um: Initiativen werden nicht berücksichtigt, Probleme nicht zur Kenntnis genommen. Nur wenn sich daran etwas ändert, wird die Linke attraktiver werden – für Mitglieder genauso wie für Wähler.

Sie sprechen in Ihrer Bewerbung vom verbreiteten Wunsch der Basis nach starker Führung. War die bisherige Parteiführung zu schwach?

Es geht mir weniger um Autorität als um den Austausch zwischen oben und unten in der Linken. Derzeit kümmert sich der Parteivorstand hauptsächlich um die großen politischen Linien, um das Programm, um die Fraktionen im Bundestag und den Landtagen. Mein Vorschlag ist: Wir beauftragen einen der Vorsitzenden damit, sich hauptsächlich der Verbesserung der Kooperation mit der Mitgliedschaft zu widmen. Dazu brauchen wir auch neue Strukturen.

Gibt es die nicht schon? Die Parteibildungsbeauftragten – und demnächst zwei Geschäftsführer.

In der Vergangenheit haben solche Posten nicht verhindert, dass sich der Eindruck ausbreiten konnte, der Vorstand habe jeglichen Kontakt zur Basis verloren. Außerdem steht es einer demokratischen Partei gut, wenn der Kontakt zur Basis direkt eine Aufgabe eines Vorsitzenden ist.

Was sagt eigentlich ihr Landesvorsitzender Diether Dehm zu Ihrer Bewerbung?

Ich weiß es nicht. Wir haben darüber nicht gesprochen.

Normalerweise werden Kandidaturen für derart wichtige Gremien ja innerhalb des Landesverbandes diskutiert.

In diesem Fall nicht.

Dehm kandidiert für den erweiterten Vorstand. Aus Niedersachsen bewerben sich außerdem Tina Flauger und Michael Höntzsch. Ganz schön viel für einen eher kleinen Landesverband.

Es geht doch nicht darum, woher man kommt, sondern darum, was man vertritt. Außerdem bin ich in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg aufgewachsen, habe später in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen gearbeitet. Ich bin also Ost und West, wenn Sie so wollen.

Haben Sie etwas gegen Klaus Ernst?

Nein, ganz und gar nicht. Er hat einen großen Anteil an der Fusion von Wahlalternative und PDS, auch seither am Erfolg der Linken. Warum fragen Sie?

Weil sich die Basis gerade in einem Mitgliederentscheid für eine quotierte Doppelspitze ausgesprochen hat. Sie und Klaus Ernst können nicht Vorsitzende werden.

Ich kandidiere nicht gegen jemanden, sondern für etwas: dass die Frage der Basisarbeit im Vorstand der Linkspartei eine starke Stimme erhält. Und zwar bei einem der beiden Vorsitzenden. Werden wir mal sehen, was der Parteitag in Rostock zu dieser Frage sagt.

Gehören Sie einer parteiinternen Strömung an?

Nein. Aber ich halte die Flügel für wichtig. Das gehört zu einer pluralistischen Partei.

Welche Chancen rechnen Sie sich auf dem Rostocker Parteitag aus?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es richtig ist zu kandidieren. Zugleich weiß ich natürlich, dass man meiner Bewerbung für den Parteivorsitz in Rostock nicht den roten Teppich ausrollen wird. Es geht mir darum, die Anliegen der Basismitglieder in den Vordergrund zu bringen. Meine Kandidatur kann dabei helfen. Ob ich gewählt werde? Das müssen Sie die Delegierten fragen.



Heinz Josef Weich, Jahrgang 1951, kam als Kind aus Köln in die DDR und wurde dort Lehrer für Mathe und Physik. Nach der Wende zog der alleinerziehende Vater von fünf Kindern nach Niedersachsen, wo er noch heute an einer Schule arbeitet. Weich war Mitglied der SED und ist heute Kreisvorsitzender der Linken in Schaumburg sowie Mitglied des Landesausschuss der Partei in Niedersachsen.

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Ihre Freitag-Redaktion

10:22 01.05.2010
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
Schreiber 0 Leser 6
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Ausgabe 42/2021

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