Tom Strohschneider
08.06.2011 | 14:20 2

Kandidiert!

Alternativen Der IWF-Vorstoß der französischen Attac-Aktivistin Aurélie Trouvé darf Schule machen: Warum die Linke beim Postenzirkus der Mächtigen öfter mittanzen sollte

Eine französische Globalisierungskritikerin als Nachfolgerin auf dem Chefsessel des Internationalen Währungsfonds? Eine Frau, die alle Sparpläne stoppt und sich für eine Finanztransaktionssteuer einsetzt, den Drivatehandel streng kontrollieren will, deren Politik gegen globale wirtschaftliche Ungleichgewichte gerichtet ist und den IWF demokratisieren wird? Der Gedanke daran ist weit weniger absurd, als es auf den ersten Blick erscheint.

Sicher: Das von wenigen Staaten dominierte Mühlwerk des IWF, ein Instrument reicher Staaten gegen den Rest der Welt, würde nicht schon deshalb seine Politik ändern, weil eine linke Ökonomin an seiner Spitze steht. Und natürlich hat Aurélie Trouvé im Rennen um den Posten von Dominique Strauss-Kahn auch keine Chance – schließlich werden die Posten der wichtigsten internationalen Organisationen nicht nach den Interessen der Mehrheit oder Kritierien der politischen Vernunft vergeben werden. Sondern ihre Inhaber müssen in erster Linie der machtpolitischen Balance zwischen ein paar „führenden“ Wirtschaftsmächten entsprechen und dürfen den politischen Status Quo nicht gefährden.

Die Diskussion um die Chancen der französischen Finanzministerin Christine Lagarde, in Washingtons 19th Street einzuziehen, zeigen das wieder einmal sehr anschaulich. Da beruft man sich auf einen Deal von 1945, nach dem die USA stets den Weltbank-Chef stellen dürfen, wenn Europa das Recht hat, über den IWF-Vorsitz bestimmen dürfen. Das respektiert weder die ökonomischen und politischen Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg noch hat es auch nur ansatzweise etwas mit globaler Demokratie zu tun. In den Schwellenländern lebt etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung, hier wird die Hälfte des Wirtschaftswachstums generiert – und trotzdem haben China, Indien, Russland, Mexiko und Brasilien zusammen weniger Stimmrechte als die USA allein.

Aufmerksamkeitspolitischer Glücksfall

Trotzdem würde es zu kurz greifen, sich jetzt lediglich für eine Berücksichtigung von Staaten stark zu machen, die zwar global ungerecht repräsentiert sind, deren Zugriff auf Posten sich aber keineswegs durch eine "bessere Politik" legitimieren könnte, sondern lediglich durch den inzwischen erreichten Stand von Wirtschaftskraft und weltpolitischem Einfluss. Genauso, wie eine Unterstützung Lagardes falsch ist, bloß weil die sich schon ein paar Mal mit den Neoliberalen in Berlin angelegt hat. Wenn der grüne Außenminister in Wartestellung, Jürgen Trittin, die französische Finanzministerin gegen ihre Unterstützerin Angela Merkel in Schutz nimmt, dann hat das zwar einen innenpolitische Pointe. Aber mehr eben auch nicht.

Die symbolische Kandidatur von Aurélie Trouvé durchbricht diesen Rahmen. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass nicht nur eine andere Welt, sondern auch eine politisch ganz andere Besetzung möglich wäre. Über Frankreichs Grenzen hinaus redet man jetzt über die 31-Jährige Hochschuldozentin, die – was für ein aufmerksamkeitspolitischer Glücksfall – von Frankreichs IWF-Gouverneurin Lagarde als Kandidatin sogar in Washington vorgestellt werden müsste. Ein „starkes Zeichen gegen die bisherige, undemokratische, unsoziale und ökonomisch falsche Politik des IWF“, wie Attac Deutschland den Vorstoß begrüßt hat, konnte Trouvés Nominierung aber nur werden, weil sie sich der medialen Tendenz zur Personalisierung bedient. Attac hätte noch so viele Kritiken am IWF-Kurs versenden können, die Wirkung des persönlichen Auftritts der Globalisierungskritikerin, so sehr dieser bei einer Geste bleibt, hätten sie alle zusammen nicht erreicht.

Mehr noch: Das Beispiel von Aurélie Trouvé sollte Schule machen. Die Linke kann den Postenzirkus der Mächtigen nutzen, um ihre Alternativen ins Gespräch zu bringen und zu zeigen, dass sie die sprichwörtliche Bäckerei, aus der mit Krümeln die Menschen nicht mehr abgespeist werden wollen, selber viel besser, weil ganz anders führen könnte. Kandidaturen machen nicht nur die Ideen bekannter, sondern auch die Leute, die sie vertreten. Kompetentes Personal ist vorhanden – und damit sind nicht jene gemeint, die den langen Marsch durch die Institutionen schon hinter sich haben. Wenn also wieder einmal ein ausgedienter Politiker nach Brüssel entsorgt werden soll, wenn der nächste Posten in einer Internationalen Organisation zu besetzen ist oder die Nachfolge in irgendeinem wichtigen Gremium: Kandidiert!

Kommentare (2)

Baszlo 08.06.2011 | 17:17

Gilt nicht Dominique Strauss-Kahn in seiner Heimat ebenfalls als "Linker"? So selten werden ja Posten nun nicht an "Linke" vergeben, nur ist die Definition was links ist, eben sehr unterschiedlich und außerdem ändert sich dadurch auch nichts.
Da wo es um "großes Geld" geht, sind politische Richtungen nicht sonderlich wichtig, denn die eigentliche Richtung wird nun mal vom Geld vorgegeben.

thbode 09.06.2011 | 00:19

Kandidieren, ja!
Wenn man allerdings ins Auge fasst worum es geht, nämlich eine übermächtige, völlig verfilzte und perfekt PR-beratene Oligarchie abzulösen, wagt man kaum zu hoffen dass auf diesem Weg ein echter Fortschritt dorthin möglich ist. In der Vergangenheit waren drastischere Mittel und Ereignisse nötig um solch einen Wandel zugunsten ALLER Menschen zu erzielen.