Manche nennen es Jobwunder

Krise Zeitungen bejubeln den Frühling auf dem Arbeitsmarkt und die Experten staunen. Doch die angebliche Trendwende ist gar keine

„Der Frühling hat auf dem Arbeitsmarkt für einen kräftigen Aufschwung gesorgt“, schreibt die Welt. „Am deutschen Arbeitsmarkt scheint die Krise schneller zu weichen als gedacht“, meldet die Rheinische Post. Und im Stern staunen Experten über ein „deutsches Jobwunder“. Da staunt man doch gleich zurück: Woher nimmt ein großer Teil der Öffentlichkeit eigentlich seinen Optimismus?

An den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit kann es nicht liegen. Die Behörde hat nicht nur auf verzerrende Statistikeffekte aufmerksam gemacht und die tatsächliche Erwerbslosigkeit aufgelistet. Nürnberg wies auch ausdrücklich darauf hin, dass hinter dem Zahlenwerk die besorgniserregende Verschiebung von den Normalarbeitsverhältnissen zu Teilzeitjobs und in den Niedriglohnsektor weiterläuft.

In diversen Analysen bekommt man heute erklärt, dass Statistiker von einer Trendwende sprechen, wenn sich eine Drei-Monats-Entwicklung bestätigt. Und da die Erwerbslosenzahl seit geraumer Zeit zurückgeht, die Beschäftigung dagegen wächst, sei, so sieht es zum Beispiel die Nachrichtenagentur Reuters, „die Krise am Arbeitsmarkt vorbei“. Die realen Probleme werden dabei einfach umgangen.

Zum Beispiel die Statistikeffekte: Noch auf Beschluss der Großen Koalition werden seit Jahresbeginn Erwerbslose, für die die Agentur private Vermittler einschaltet, nicht mehr gezählt. 160.000 Jobsuchende tauchen deshalb in der Arbeitslosenstatistik nicht mehr auf. Die Umstellung verzerrt die aussagekräftigen Vorjahresvergleiche bis 2011. „Wir sehnen den Tag herbei, an dem der statistische Basiseffekt verschwunden ist“, heißt es laut Handelsblatt sogar in der Nürnberger Behörde.

Abgesehen davon werden schon seit längerem viele Erwerbslose gar nicht in der Statistik erfasst, auf die sich sich jetzt die Jubelmeldungen beziehen. Dabei hat die Bundesagentur auf die tatsächliche „Unterbeschäftigung“ extra hingewiesen: Diese erfasst auch Personen, erklärt die Nürnberger Behörde ihre Zählmethode, die nicht als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuches gelten, „weil sie Teilnehmer an einer Maßnahme der Arbeitsmarktpolitik sind oder einen arbeitsmarktbedingten Sonderstatus besitzen“. Mit diesem Konzept soll „zweierlei geleistet“ werden: Erstens könne so „ein möglichst umfassendes Bild vom Defizit an regulärer Beschäftigung in einer Volkswirtschaft“ gezeichnet werden und zweitens ließen sich realwirtschaftliche Einflüsse auf den Arbeitsmarkt so besser erkennen.

Man fragt sich, warum dann nicht auch diese Zahl die Kernziffer der monatlichen Statistik ist. Die politische Debatte über den Arbeitsmarkt stünde auf dem Kopf: „Betrachtet man deshalb die Unterbeschäftigung, ergibt sich eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr“, meldet die Bundesagentur. Trendwende? Je nach Zählweise kommt man auf bis zu 4,73 Millionen Menschen ohne Stelle. Das sind knapp jene fünf Millionen, vor denen im vergangenen Herbst immer gewarnt worden war. Man könnte noch einen Schritt weiter gehen: In Deutschland beziehen rund 6,3 Millionen Menschen Arbeitslosengeld, darunter viele Beschäftigte, die so miserabel verdienen, dass sie zusätzlich ihr Einkommen mit staatlichem Transfer aufstocken müssen. Weitere 1,85 Millionen gelten als nicht erwerbsfähig und erhalten Sozialgeld.

Frühling auf dem Arbeitsmarkt? Nun geht es hier nicht darum, wer vor ein paar Monaten mit seinen Warnungen recht hatte oder nicht. Der Einbruch auf dem Arbeitsmarkt war tatsächlich dramatischer erwartet worden – auch in unserer Redaktion. Dass es nun nicht ganz so schlimm gekommen ist, wäre aber noch kein Grund, jetzt in allgemeine Hochstimmung zu verfallen.

Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung insgesamt geht zurück und tief im Inneren des Arbeitsmarktes geht der Umbau hin zu prekären Jobs immer weiter. „Wir haben mehr Teilzeitbeschäftigung, mehr befristete Stellen und mehr schlechter bezahlte Arbeitsplätze“, sagt Frank-Jürgen Weise, der als Chef der Bundesagentur nicht unbedingt zu den Schwarzsehern der Zunft gehört. „Der psychologische Effekt, dass Sie sagen 'besser', besteht nur darin, dass es eine schlimme Befürchtung gab. Dass das nicht eingetreten ist, ist sicher ein guter Effekt, manche nennen das Jobwunder.“ Wir nicht.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:10 01.04.2010
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
Schreiber 0 Leser 6
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Ausgabe 42/2021

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