Tom Strohschneider
05.08.2010 | 15:39 71

Nein, danke!

Giving Pledge Ein paar Superreiche wollen Milliarden für wohltätige Zwecke spenden. Klingt gut, ist es aber nicht. Mit Almosen wird man weder Armut noch Reichtum beikommen

Wenn „Reiche den Armen helfen wollen“, wie eine Zeitung die Ankündigung der 40 spendenbereiten Milliardäre aus den USA umschreibt, sollte man stutzig werden. Nicht etwa, weil den Mitgliedern der Initiative „The Giving Pledge“ die Philanthropie abzusprechen wäre (was weiß man denn schon über individuelle Motive). Und auch nicht wegen der skeptischen Mutmaßung, es könne sich hierbei um eine Art PR-Veranstaltung handeln (tut es natürlich, ist aber nicht so wichtig). Sondern weil derlei Großgroßzügigkeit an jenen Zuständen nichts ändert, die überhaupt erst dafür sorgen, dass Bill Gates, Warren Buffett und Co. sie sich leisten können. Mit Brecht gesprochen: „Reicher Mann und armer Mann / Standen da und sahn sich an. / Und der Arme sagte bleich: / Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Oder anders formuliert: Das „neue soziale Gewissen“, von dem jetzt gern einmal die Rede ist, wäre ohne das alte asoziale Denken gar nicht möglich.

Nun kann man sagen: Der Computerfabrikant und der Großspekulant hätten doch schon früher gezeigt, wie ernst sie ihre soziale Verantwortung nehmen. George Lucas wollte mit seinem Star-Wars-Merchandising bestimmt auch niemandem weh tun. Und wenn die einen nun ein paar andere Superreiche überreden, es ihnen gleich zu tun und viel Geld für Zwecke zu spenden, die als wohltätig bezeichnet werden, was soll daran schlecht sein. Nichts ist daran schlecht, es ist nur nicht gut in dem Sinne, dass es etwas ändern könnte. Im Gegenteil: Wo Privatiers und Couponschneider in die Lücke stoßen, die eigentlich von einer demokratischen Öffentlichkeit gefüllt werden müsste (etwa: für menschenwürdige Zustände aller zu sorgen), wird das Loch nur verdeckt, nicht geschlossen.

Was würden die Unterzeichner der Spenden-Erklärung sagen, wenn es statt ihrer Almosen ebenso kollektive wie wirksame Verabredungen gäbe, welche die Anhäufung solchen Reichtums gar nicht zulassen würden, in dem es die rechtlichen und machtpolitischen Voraussetzungen abschafft, ohne die er nicht entstehen könnte? Oder, erster Schritt, steuergesetzliche Zustände schafft, die für "Zurückverteilung" sorgen. Mag sein, dass einige der globalen Milliardäre angesichts der jüngsten Krise darüber nachdenken, „wie sie ihren Reichtum sinnvoll einsetzen können“ (so der Duktus der Nachrichtenagenturen). Oder es der eine oder andere als „moralische Verpflichtung“ ansieht, etwas gegen die grassierende Weltarmut zu tun. Doch der Irrsinn des exorbitanten Privatvermögens der Gates, Buffett und Co. lässt sich nicht dadurch in Vernunft verwandeln, dass man ihn generös halbiert.

Kommentare (71)

creezy 05.08.2010 | 19:52

Sorry aber so einen blasierten Blödsinn kann nur jemand schreiben, der in der hiesigen Welt schön im Trocknen und im Winter bei Fernwärme und Glühwein sitzt.

Das System wird die nächsten 100 Jahre nicht geändert werden. ist also die Alternative nichts tun? Ich glaube Gates Co ist sehr wohl auch klar, dass sie mit ihrer Aktion Armut nicht in der Gänze beikommen. Aber es sind vielleicht kleine Tropfen auf heiße Steine. Und wer will Menschen, die nicht genug zu essen oder zu trinken haben so etwas verwehren?

Gustlik 05.08.2010 | 20:55

"Ja, bitte!"
Aus den Reihen der Edelreichen gibt es sicher einige Mitflieger, nicht nur in der Союз. Um Probleme an Bildung, Armut, Klima, Natur und Umwelt zu lösen und das Ruder der Edelyacht "Erde" rumzureißen, sind Mitmacher willlkommen. Ein solcher Pragmatismus ist mir willkommen, wenn sie beim Praktizieren sich und ihr Tun in Frage stellen. Die schlafen doch nicht alle im Hilton!

j-ap 05.08.2010 | 21:05

»Blasiert« ist das nicht, Blödsinn aber schon eher. Der hängt aber nicht damit zusammen, daß sich hier jemand in der warmen Stube ebenso herzwarmen Gedanken anheimgäbe, sondern mit einer grotesk verzerrten Wahrnehmung der Ökonomie, die von weither kommt.

Die resümiert sich so: Bevor das Proletariat zur 'Arbeiterklasse' wurde, brauchte es keine eigene politische, besaß es doch eine moralische Ökonomie. Dieses proletarische Naturrecht besagte, daß die Natur alles für alle und für alle wahrhaftigen Bedürfnisse bereitgestellt habe und nur Raffgier die prästabilisierte Harmonie von Bedürfnis und Gebrauchswert gestört habe. »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«.

Als das Proletariat dann erstmal als Arbeiterklasse konstituiert war, griff diese zur Politischen Ökonomie Adam Smiths und David Ricardos und schuf sich den proletarischen Kultus der Arbeit als Quell vorgeblichen allen Reichtums (und unterschlug, nebenbei erwähnt, plötzlich ganz bürgerlich gesonnen die Natur als den Stoff allen Reichtums). Sie schlug sich auf die Seite des »Produktionswertes« gegen den »Marktwert«, nahm die Partei des »Produktivkapitals« gegen das »Finanzkapital« und die des scheinbar konkreten Gebrauchswerts gegen das scheinbar abstrakte Geld.

Nach dieser Lesart sind die Reichen reich, weil sie's den Armen gestohlen haben. Bemerkenswert daran ist, daß diese Sicht auf dem intellektuellen Stand der prähistorischen Agrargesellschaft verblieben ist, die mit ihren statischen Produktionsvolumina nicht anders konnte als den Gewinn (den Reichtum) des einen als den Verlust (die Armut) der anderen zu begreifen.

Und daß »die Reichen« asozial sind, ist ohnehin klar und liegt auf der Hand: Behalten sie nämlich ihr Geld, ist's sogleich offensichtlich. Spenden sie es hingegen, dann sind sie gar noch asozialer, weil sie überhaupt in der Lage sind, etwas zu spenden.

So ist das eben mit geschlossenen Weltsichten: Die Reichen sind asozial und alle HartzIV-Empfänger sind faul — solche Holismen sind perfekt komplementär.

Es ist zum Verzweifeln.

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Ehemaliger Nutzer 05.08.2010 | 21:17

und ähm sorry creezy, solch blasierten Blödsinn kann auch nur jemand schreiben, der allen ernstes glaubt das dieses System noch solange funktioniert.

Änderungen müssen her, nicht etwa weil Leute demonstrieren oder die NGOs das schon lange proklamieren. Nein, sondern resultierend aus den Problemen die derzeit mit aller Wucht zu Tage treten. Es geht hier nicht um Vermögensumverteilung (die ehrlich gesagt auch nich gerade der Stein der Weisen ist). Sondern um eine grundlegende Neuausrichtung der Gesellschaft.

Das heißt, wir können keine Wachstumwirtschaft mehr auf 100 Jahre betreiben, das hält unser derzeitiges Ökosystem nicht mehr aus (das Bedeutet auch Kommunismus/Sozialismus sind auch keine praktikable Lösung, a) fehlt der Mensch dafür und b) sinds Wachstumswirtschaften -->Planwirtschaften).

Was hat das mit dem Artikel zu tun? Sehr viel. Solche riesigen Vermögen können sich nur auf Grund der Finanzmärkte akkumulieren --> Rendite. Die börsennotierte Aktiengesellschaften wie Microsoft sind gezwungen bestimmte Renditeerwartungen zu erfüllen. In der Industrie bedeutet das u.a. Faktoren auch WACHSTUM. 100 Jahre hält das unser blauer Planet nicht mehr aus. Die Auswirkungen bekommen wir heute schon zu spüren. Die jämmerlich kümmerlichen Ökoerrungenschaften reichen Hinten und Vorne nicht aus.

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Ehemaliger Nutzer 05.08.2010 | 21:37

Etwas anderes ist noch interessant an den Philanthropen. Mal abgesehen das Warren Buffet bereits 2006 angekündigt hatte sein Vermögen zu spenden. Getan hat sich seit dem nicht sonderlich viel, abgesehen von den Steuervorteil-bringenden Stiftungen, die ja jeder Superreiche gründet.

Das andere Interessante daran ist folgendes; nehmen wir mal an in Deutschland wollen die Vermögenden die Hälfte abtreten (welch Utopie).
Es gäbe zwei Möglichkeiten: a) sie schenkten das Geld dem Staat. Das möchte ich nun wiederum absolut nicht. Diese Holzbirnen versaubeuteln auch jetzt schon genug unserer Steuergelder. Das Geldgeschenk der Reichen würde doch an den Stellen wo es nötig ist gar nicht ankommen.

Die zweite Möglichkeit ist b) das Geld direkt in Projekte fließen zu lassen.
Nehmen wir mal die Bildung.
Ich will das mal an einem konkreten aktuellen Beispiel erläutern:
Die Freie Universität Berlin in Dahlem ist einer der größten Liegenschaftsbesitzer. Etliche Villen in Dahlem gehören der Universität, sie verrotten langsam, weil kein Geld zur Renovierung da ist. WENN die Universität diese leerstehenden Gebäude + Grundstücke verkaufen würde, käme ein ganz ordentliches Sümmchen zustande.

Und jetzt aufgepasst, es kommt der Haken an dem vermeintlichen Geldsegen. Die eingenommen Euronen würden mit dem der Universitätshaushalt des folgenden Jahres verrechnet werden. Verkauft man also zu drei Millionen Euro eine Villa, so wird der Folgehaushalt um genau diesen Betrag gekürzt.

Weitere Beispiele sind u.a. Foschungseinrichtungen die gegen Ende das Jahres den Restetat verpulvern müssen (hab das selbst erlebt am MPI für MolGen), nur damit der Etat nicht um den zu wenig ausgegebenen Betrag gekürzt wird. Was meint ihr was da für ein Plunder zusammengekauft wird.

Würden also unsere Vermögenden ihre "sauer verdiente" Knete in die entsprechenden öffentlichen Einrichtungen verschieben ... 1+1 ergibt dann leider -2

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Ehemaliger Nutzer 05.08.2010 | 22:55

Gemütlicher Kaminabend im Milliardärsclub.
"Es gibt", seufzt Dagobert D. schließlich, den Blick verträumt in sein Whiskyglas gerichtet, "nur einen einzigen Weg, um auf anständige Art und Weise so reich zu werden wie wir."
Versonnenes Schweigen. Steigende Spannung.
"Jetzt sag schon", durchbricht schließlich Klaas K. die Stille, "was ist das für eine Methode?"
"Das dachte ich mir schon", antwortet Dagobert D. schließlich nach einer Weile, "daß ihr Sauhunde diese Methode auch nicht kennt."

Ciao
Wolfram

Tiefendenker 05.08.2010 | 23:31

@creezy

"Das System wird die nächsten 100 Jahre nicht geändert werden."

...na, da wär ich vorsichtiger. Ich denke nicht, dass wir so noch mal 30 oder 40 Jahre weiter wurschteln können. Ich denke eher wir gehen straff dem Ende der ganzen Veranstaltung entgegen. Die kapitalistische Welt könnte schon zum Ende dieses Jahrzehnts völlig anders aussehen als heute... das geben inzwischen sogar normale bürgerliche Ökonomen zu.

"Und wer will Menschen, die nicht genug zu essen oder zu trinken haben so etwas verwehren?"

Es geht absolut nicht darum, den Menschen das zu verwehren, sondern darum, welche Art der Vergesellschaftung überhaupt dazu führt, dass die einen so dermaßen überproportional reich werden können, obwohl auch für diese Protagonisten der Tag nur 24 Stunden hat. Diese Herrschaften haben den Wert des eigenen Besitzes nicht selbst erarbeitet. Sie haben es lediglich durch geschicktes Ausnutzen der spekulativen und politischen Verhältnisse geschafft, sich in eine juristische Position zu manövrieren, in der sie berechtigt sind, sich diese Werte aneignen zu können. Erarbeitet werden sie stets von anderen. Allein Warren Buffet hat z.B. im 1.Quartal 2010 4,3 Mrd. US Dollar verdient. Mit eigener Arbeitsleistung? Wohl kaum...

Ich stimme @ j-ap insofern zu, als das man letzteres diesen Milliardären nicht persönlich vorwerfen kann, weil sie ebenso in dieses System hineingeboren wurden, wie wir alle auch. Hätten sie es nicht ausgenutzt, hätten es andere getan. Insofern ist es eher löblich, dass sie am heute erreichten Punkt ihrer persönlichen Entwicklung offensichtlich zu Einsichten gekommen sind, das Geld tendenziell lieber für mehr soziale Gerechtigkeit einzusetzen.

Das mindert aber nicht die Aussagen des obigen Autors Tom Strohschneider, die dieses positive Bild doch stark trüben. Zum Aufbau derartig massiver Vermögen großer Konzerne innerhalb transnationaler Wertschöpfungsketten dürfte es fast unausweichlich sein, dass massiv Menschen in "Dritte Welt Ländern" und "Emergency Markets" bis aufs Blut ausgebeutet werden. Ein großer Teil stammt ja nicht aus dem jeweiligen Kerngeschäft (z.B. Software von Microsoft), sonder aus "Finanzprodukten" und sonstig zweifelhaften Anlagevarianten an den internationalen Finanzmärkten. Deshalb plädiere ich dafür, nicht bloß die Ethik und Moral der Protagonisten, sondern die ganze Systemlogik insgesamt zu kritisieren.

Was jedoch noch negativer zu Buche schlägt ist, dass die gespendeten Gelder keineswegs direkt den Bedürftigen zukommen, sondern einer Stiftung zufliessen. Diese legt das Stiftungskapital natürlich ebenfalls an. Es muss also wieder kapitalistisch verwertet werden, bevor die Gewinne daraus dann endlich sinnvollen Projekten zugute kommt.

Es mutet deshalb völlig irrational an zu versuchen, das Problem von Arm und Reich bekämpfen zu wollen, mit genau der Verwertungslogik des Kapitals, die das Problem ursächlich geschaffen hat. Diesbezüglich komm ich nicht umhin j-ap insgesamt deutlich widersprechen zu müssen. Diesen Zusammenhang zu erkennen bedeutet keinesfalls sich auf den "Stand der prähistorischen Agrargesellschaft" zu begeben. Das ist genauso falsch wie das Argument es hätte früher anstelle der "politischen Ökonomie" eine "moralische Ökonomie" gegeben. In Wahrheit gab es gar keine Ökonomie im bürgerlichen Sinn, sondern verschiedene Mischformen von Subsistenzwirtschaft und unterschwelliger, partieller Warenform für spezielle Produkte. Hätte sich die Produktivkraft aus diesen Formen heraus entwickelt, wäre die Geschichte möglicherweise anders gelaufen. Darüber können wir allerdings nichts sagen, sondern bestenfalls Mutmaßungen anstellen. Fakt ist hingegen, dass die kapitalistische Entwicklung geschichtlich genau zur heutigen Situation geführt hat. Solange das den Ausgangspunkt der Betrachtung darstellt, ist das für mich nachvollziehbar.

Magda 05.08.2010 | 23:36

Vor kurzem gabs mal eine Sendung in der ARD, da wollte einer der Gesprächsteilnehmer, der selbst vermögend ist, die Vermögenssteuersätze oder ähnliches erhöhen.

Natürlich argumentierte man gegen ihn und einer der gängigen Alternativen, die man ihm vorschlug, war er möge das doch spenden oder stiften oder so.

So sinnreich manche dieser Stiftungen und finanzierten Organisationen sein mögen, sie sind Ausdruck der Ungleichheit, der gesellschaftlichen Gefälle und sind auch so gemeint und gewollt.

Von daher sehe ich in dieser groß aufgemotzten Spendenbereitschaft etwas Demütigendes. Es wird ja nicht nur gegeben, es wird irgendwas damit ja auch gefordert, Dankbarkeit oder zumindest die Absage an Alternativen, ein Einverständnis mit den Verhältnissen, wie sie sind.

j-ap 05.08.2010 | 23:59

Diesen Zusammenhang zu erkennen bedeutet keinesfalls sich auf den "Stand der prähistorischen Agrargesellschaft" zu begeben. Das ist genauso falsch wie das Argument es hätte früher anstelle der "politischen Ökonomie" eine "moralische Ökonomie" gegeben.

... behauptet Tiefendenker, schreibt aber etwas weiter oben im eigenen Kommentar das Folgende:

Diese Herrschaften haben den Wert des eigenen Besitzes nicht selbst erarbeitet. Sie haben es lediglich durch geschicktes Ausnutzen der spekulativen und politischen Verhältnisse geschafft, sich in eine juristische Position zu manövrieren, in der sie berechtigt sind, sich diese Werte aneignen zu können. Erarbeitet werden sie stets von anderen.

Wie kann Tiefendenker aber implizit darauf abstellen, daß die Herrschaften diesen ihren materiellen Reichtum wegen fehlender eigener Arbeitsleistung gar nicht »verdienen«, gleichzeitig aber in Abrede stellen, daß es eine »moralische Ökonomie« gab und gibt, auf deren Basis solche Werturteile gefällt werden können?

Den einen ihr Warenfetisch, den andern ihr Arbeitsfetisch. Für die einen nur Existenz, sofern und solange Ware; für die andern nur Existenz, sofern und solange Arbeit.

Daß beides zu gleichen Teilen vollkommen absurd sein könnte — auf diesen Gedanken scheint man gar nicht erst zu kommen.
j-ap 06.08.2010 | 00:07

Soso, der Heilige Buffett hat das gesagt, und wenn einer wie er das behauptet, dann wird's ja wohl stimmen, nicht wahr?

Es ist schon zum Lachen: Der Mann veröffentlicht seit mehr als vier Dekaden regelmäßige Berichte über den Zustand der Ökonomie, aber der linke Hausverstand kommt erst dann auf die Idee, ihn zum Zeugen aufzurufen, wenn Mr Buffett mal einen Stoßseufzer aus dem guten alten Klassenkampf-Kamasutra skandiert.

czimmer 06.08.2010 | 00:56

Es ist nicht mein "linker Hausverstand" der hier Buffett als Zeuge aufruft, sondern der Umstand selber in einer Stiftung eines Philantrophen arbeiten zu dürfen. Die Art und Weise wie mit dem Stiftungsgeldern umgegangen wird, welche Ideologie dabei transportiert wird und auch wie selektiv dabei mit den Mitteln umgegangen wird, lassen mich die sog.Wohltäter etwas abgeklärter sehen. Letztendlich werden diese Stiftungen mit den selben Mitteln geführt, die dieser Kaste ihren Wohlstand beschert haben. Es sind keine schönen Mittel uns sie kratzen schon gar nicht am status quo.

Tom Strohschneider 06.08.2010 | 09:08

Nachtrag: Auch hierzulande kommt der Vorstoß der US-Milliardäre gut an. Politiker von SPD und Grünen haben Vermögende aufgefordert, ihrem Beispiel zu folgen: „Ein gutes Vorbild“ (Claudia Roth), eine gute Idee (Joachim Poß), „ein lobenswertes Beispiel“ (Carsten Schneider). Reiche dürften sich „nicht aus sozialer Verantwortung ausklinken“ - allerdings könne „eine solche Geste“ eine stärkere Vermögensbesteuerung nicht ersetzen.

Odysseus21 06.08.2010 | 12:01

Vielen Dank für diesen Artikel Herr Strohschneider.

Einige Worte noch zu den deutschen Politikern, die das Ganze als Vorbild loben in aller Kürze:

1) Haben diese Politiker generell nicht verstanden, dass wir uns im westlichen Europa/ Mitteleuropa in einer ganz anderen sozial-politischen Ökologie befinden, als dies in den USA der Fall ist.

2) Sollte man als verantwortlicher Sozialdemokrat in der Opposition dieses Thema medial nicht noch verstärken, sondern nun erst recht die Frage nach der Wiedereinführung der Vermögenssteuer intensiv stellen.

3) Sollte man erkennen, dass diese angebliche Großzügigkeit den Trend zu einem bizarren Revival frühneuzeitlichen Staatsverständnisses bestärkt, da der Staat und damit der Souverän durch willkürlich agierende Einzelpersonen, die ihr tatsächliches Kapital in soziales Kapital umwandeln wollen, ersetzt wird.

Alle drei Punkte demnächst ausführlicher in meinem Blog

konyhakert 06.08.2010 | 12:17

"Es mutet deshalb völlig irrational an zu versuchen, das Problem von Arm und Reich bekämpfen zu wollen, mit genau der Verwertungslogik des Kapitals, die das Problem ursächlich geschaffen hat. "

das genau ist der punkt. ich beobachte seit einigen jahren die verwandlung des sozialbereiches hin zu "sozialunternehmen", die exakt wie andere bereiche auch an der kapitalistischen verwertungslogik ausgerichtet werden und betriebswirtschaftlichen logiken unterworfen sind. die zielgruppen werden in solchen sozialunternehmen zunehmend zu objekten der unternehmen degradiert. die unternehmen selbst entwickeln "produkte", die geeignet sind, sich der zielgruppen anzunehmen. was ja an sich ganz löblich wäre. wenn es denn erfolg hätte. aber analog des ebenfalls kapitalistischer logik unterworfenen gesundheitssystemes (und zunehmend teilen auch des bildungssystems, wie die erwachenenbildung, weiterbildung, aber auch das übergangssystem für jugendliche im übergang schule-ausbildung/beruf etc.) so ist die wirkung leider zweifelhaft. vor der umwandlung in sozialunternehmen standen die zielgruppen selbst im mittelpunkt, es wurde auf sie speziell eingegangen etc.pp. heute werden die "produkte" (die alle wunderbar klingende namen haben im übrigen) effektiviert, d.h. sie müssen massentauglich sein. der einzelne steht nicht mehr im mittelpunkt, er wird abgehandelt gemeinsam mit mehreren anderen. manche svchaffen es sicher, davon trotzdem zu profitieren udn hilfe daraus zu ziehen. die meisten aber werden eldiglich noch weiter degradiert, ihre individuelle not wird im sinne der profitwirtschaft auch noch ausgenutzt. sozialunternehmen sind in der lage, profite zu erwirtschaften. aber wovon eigentlich? wer wird da ausgepreßt? richtig! genau! die allgemeinheit, womit also die staatlichen mittel gemeint sind, aber auch andere zuwendungen. die zielgruppen sind folglich nur noch mittel zum zweck, um profit zu erwirtschaften. dies aber ist kein hilfreiches system mehr. wer einmal in not geraten ist und in der lage, hilfe in anspruch zu nehmen, der wird bald feststellen, wie hilflos die helfersysteme inzwischen sind. im übrigen auch die weiterbildung für erwachsene. ein system, welches zum selbstzweck tendiert, eben profitmaximierung.

hier, und das ist meine zusammenfassung, findet eher so etwas statt wie das, was man gemeinhin mit "landnahme" bezeichnet, eine ausweitung der kapitalistischen logik auch auf den bereich der sozialsysteme (wie schleichend auch der gesundheits- und bildungssysteme). die durchkapitalisierung der gesellschaft schreitet weiter voran. der "markt" ist hier ja auch dank der eigenen vorleistung der superreichen riesengroß. der kreis schließt sich. ich nenne solches nur pervertierung, nichts weiter.

DIES und nur dies ist es, was mich sofort erschauern ließ, als ich von der großmütigen spende der milliardäre hörte. oder glaubt wirklich jemand an sentimentale spenden eines warren buffet und ähnlicher?

Fritz Teich 06.08.2010 | 12:24

Wenn Du alles in Systemkategorien siehst. Sie haben nun einmal das Geld und tun was damit. Der Staat USA ist sicher noch herber. Die Amerikaner haben andere Traditionen, siehe Hochschulfinanzierung, und was sie in ihrem eigenen Land machen ist ihre Sache. Bei allem Verstaendnis fuer:


Sie verletzt die Würde des Bespendeten, hält ihn in Abhängigkeit und beschneidet seine Freiheit auf geradezu zynische Art und Weise.
>>

konyhakert 06.08.2010 | 12:24

schauen sie sich doch einmal meinen beitrag als kommentar zu tiefendenke an. mich würde ihre aufassung dazu interessieren.

im übrigen war ich ebenfalls lange im sozialbereich tätig, allerdings an der unetrsten front. weiter herauf kam ich gar nicht. denn mit jedem beendeten "projekt" begann der wettlauf ja immer wieder neu. und nicht selten bei ergattertem projekt unter noch schlechteren bedingungen (die denen der zielgruppen oft gar nicht unähnlich waren). solche arbeitsbedingungen hätte ich mir früher nie träumen lassen, daß dies einmal einreißen würde.

czimmer 06.08.2010 | 16:15

Tja, da habe ich beim Zitatklauen nicht gut aufgepasst. Allerdings: "Wenn Klassenkampf in Amerika geführt wird, gewinnt meine Klasse klar." - Jahresbrief an die Investoren seines Fonds "Berkshire Hathaway", 2003, berkshirehathaway.com
(Original engl.: "If class warfare is being waged in America, my class is clearly winning.") - Mich erstaunt immer wieder diese totale Hybris dieser Leute, deswegen hatte ich dieses Zitat gewählt.

h.yuren 06.08.2010 | 16:30

auch meinen dank, lieber tom.
wenn bill gates philanthropische neigungen zeigt, warum nicht? solange die verhältnisse so bleiben, wie sie sind, ist das ja besser als nix.
das springen von der einen ebene, der individuellen, zur anderen, der gesellschaftlichen, verwirrt nur.
es ist so, wie du sagst: die verhältnisse, die verteilung des reichtums betreffend, müssen schnell verändert werden, angefangen mit angemessenen steuern.
doch die vertreter des angeblichen souveräns wissen in der regel nicht, die steuergelder so zu verwalten und zu verteilen, dass es der allgemeinheit nützt. vgl. die berichte der rechnungshöfe.
steuerpolitik und wirtschaftsunordnung haben die wirkung eines glücksspiels. wenige treffer und hauptgewinne über der großen masse der nieten und trostpreise.

Querdenker 06.08.2010 | 19:06

Das "Vermögen" der Herren, insofern es überhaupt auf realen Werten basiert, sollte komplett aufgelöst werden, 50% zu Lebzeiten, 50% nach dem Tod - das wäre am gerechtesten und ökonomisch sinnvollsten. Kapitalismus ist doch nichts weiter als ein ganz legales Schneeballsystem.

Beispiel: Bill Gates besitzt 1,1 Milliarden Aktien von Microsoft (etwa 30 Mrd. US $). Die werden einfach vernichtet, wovon alle anderen Anteilseigner profitieren: große Fonds, Kleinaktionäre und Mitarbeiter.

Beispiel: Bargeld, Devisen, Staatsanleihen etc. werden ebenfalls geschreddert, die Staatsverschuldung der USA beträgt z.B. fast 13 Billionen Dollar.

groo 06.08.2010 | 19:57

ein paar Daten:

...
"Warren Buffet complained that he paid a 17.7% tax rate on his $46 million of taxable income in 2006, while his employees paid an average 32.9% tax rate (his receptionist's tax rate was 30%)."

Man beachte dabei "taxable income".
Man multipliziere das mal 30(Jahresmittel, frindlich gerechnet), dann kommt man auf ca 1,5Mia$ taxable income gesamt in diesen 30Jahren.

Sein Vermögen ist aber mehr als 20mal so gross als das!

Frage: wie geht das?
s.zB als erster Anker:
en.wikipedia.org/wiki/Warren_Buffett

Fairerweise muss man sagen, dass der "Michael Moore of the Rich" zumindest darauf hinweist, dass er das selber nicht für richtig hält.

und das kann ja wohl nur ein strukturelles Problem sein!

################################
Zweites Beispiel:

Microsoft/Gates:

'Citizen Microsoft'
...
"Seven years ago, Microsoft opened a small office in Reno, Nev., to collect the money it got from PC manufacturers that installed Windows and Office on the computers they sold. In the years since, Microsoft has sheltered more than $60 billion in royalty revenue in Nevada, a state with no corporate income tax..."
...
Artikel von 2004-- da:
www.seattleweekly.com/2004-09-29/news/citizen-microsoft.php/

Was lernen wir daraus?

groo 06.08.2010 | 20:17

ähem,

die werden nicht geschreddert sondern-wenn schon- in Rückkaufprogramme gestellt.

So einfach ist das nicht.
Weisst Du sicher auch.

Also was soll das?

Entweder eine klare (gerne auch NICHT systemkonforme) Vison, oder eine systemkonforme Lösung.

Das Problem ist doch, dass sich in allem mir bekannten systemkonformen Lösungen das grosse Kapital/Vermögen hinter den Kleinen versteckt.

Staeck--wie lang ists her? 30Jahre?:
"Man will euch Eure Häuschen in der Toskana wegnehmen"

Heute sinds die Pensionskassen, die in Spanien/Griechenland investiert sind, und über eine vorgeschobene Rentenangst des kleinen Bürgers die Grosspekulanten abschirmen.

Gut Querdenk!

Fritz Teich 06.08.2010 | 20:20

Ich glaube dass man, abgesehen von Besteuerung bis hin zur Enteignung, Erschiessung usw, daran ganz allgemein nur thematisieren kann, dass es der Milliardaer bleibt, der ueber den Einsatz des Geldes bestimmt.

Aus dem Haben eines Einzigen folgt eben die Verfuegung eines Einzigen.

Und wenn er sich entscheidet, die Entscheidung an ein von ihm bestimmtes Gremium zu uebertragen.

Fuer die Empfaenger wirkt sich das Geld oder was damit gemacht worden ist nicht anders als eine staatliche Entscheidung aus.

Staatliche Entscheidungen sind zwar, wenn auch nicht zueberall, vor allem nicht in allen armen Laendern ohne alles, Kommunikation etc, demokratisch legitimiert. Praktisch ist diese Legitimierung aber aeusserst duenn.

Auf der anderen Seite kenne ich mindestens ein Beispiel, wo sehr viel Geld fuer gute Sachen ausgegeben wird. Bill Gates war doch nicht der erste Philantrop und auch nicht der erste philantropische Milliardaer. Tom Koenigs war zwar kein Milliardaer, aber hat doch eine erklekliche Summe dem Vietcong gegeben. Das war sicher gut angelegt. Wer finanziert denn Wikileaks, wenn es nicht der CIA ist? Und so Sachen gibt es haeufiger. Ich moechte das Gremium sehen, dass oeffentlich tagt, demokratisch legitimiert ist usw, das solche Sachen wagen wuerde. Manschmal ist wirtschaftliche Freiheit und Willkuer auch sehr gut.

groo 06.08.2010 | 20:51

@FT,

finde ich sehr problematisch.
(Der 'Einzige' erinnert mich irgendwie an Stirner--der wahre Individualist ist Anarchist, aber sei's drum.)

Es ist doch so:
Die Reichen, früher die Mächtigen, schreiben als vages Kollektiv die Regeln für sich.

Britisches Sprichwort:
"Property makes Law" (to 90%, wenn ich mich recht erinnere).

Wenn du sagst:
...
"Bill Gates war doch nicht der erste Philantrop"
...
"Tom Koenigs war"
...

kann ich nur sagen, dass die Flausen der Begüterten -so oder so- doch nicht über das Schicksal von Gesellschaften entscheiden sollten --oder?

Meine aktuelle persönliche -kritische- Frage ist die:
Wenn ein verrückter Milliardär auf die Idee kommt, eine genetische Waffe entwickeln zu wollen, und dazu die Hälfte seines Vermögens spendiert--wie hindert man ihn daran?

Die kritische entry-Schwelle scheint mir noch nicht erreicht zu sein, aber ein kleines Genlabor geht heutzutage für 50K€ her,
und wenn man bedenkt, dass Destruktion allemal billiger ist als Konstruktion (nebenbei: persönliche Schätzung 1:1000 bis 1:1000 000 je nach Sicherheitsforderung),
sollten wir mal das Mäzenatentum in Relation zum Misanthropentum stellen.

DAS finde ich interessant!

j-ap 06.08.2010 | 21:04

Was lernen wir daraus?

Wollen Sie's wirklich hören?

Na gut:

Daß hier jemand die Kritik der politischen Ökonomie nicht im Allermindesten geschallt und also nicht begriffen hat, daß das »Kapital« zuerst eines ist, nämlich ein gesellschaftliches Verhältnis und keine Aufspaltung von notdürftig herbeiphantasierten Sphären, die man als Antagonismen zum Individuum nur irgendwie semiintellektuell eintüten müßte, um die Optionen auf der Hand liegen zu lassen.

Hinter diesem schiefen Differenzierungsgeplapper steckt nichts als strammer Autoritarismus, der zwar noch nie funktioniert hat, dafür aber allen billigen Ressentiments freien Lauf läßt und in seinem Kern über Trivialitäten der ganz besonderen Unart nicht hinauskommen kann: »Die einzige Form wirklich alternativer Wirtschaftspolitik wäre der staatliche Zugriff auf die Vermögen der Reichen und ihre Nutzbarmachung für Neuinvestitionen. Das nennt man Sozialismus.« (J. Elsässer)

'Sozialismus' dieser Bauart ist DGB plus Linkspartei, ist schwedischer Wohlfahrtsstaat und Reihenhaus-Paradies, ist stalinistisches Arbeitsethos und Gesinnungsterror; oder kurz: Herrschaft der Gleichen über sich selber als unbarmherzig strafender Ausschluß aller 'Asozialen', die um ihrer selbst willen aus dem grauen Schicksalszug der Volksgenossen ausscheren.

Nicht Staatssozialismus, nicht »Dritter Weg« und schon gar nicht Abkehr vom Individuum, sondern echter Ausgang aus Unmündigkeit ist das Ziel. Die allerdings entspringt nicht der dörflichen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft und auch nicht der Elendselbstverwaltung durch irgendwie linke Sozialmanager, die nichts anderes im Sinn haben als die Aufrechterhaltung der Ordnung im Elend.

Weil Kritik am Bestehenden die positive Aufhebung der Unmündigkeit zum Ziel haben sollte, kann sie nach Lage der Dinge nichts heftiger ablehnen als diese Verherrlichung personaler, direkter und kollektivierender Herrschaft, die das Individuum nur als eine bloß äußerliche, entweste Hülle seiner selbst zurückläßt.
Fritz Teich 06.08.2010 | 21:31


(Der 'Einzige' erinnert mich irgendwie an Stirner--der wahre Individualist ist Anarchist, aber sei's drum.)
>>

Das war mir klar, war mir aber egal bzw. fand ich hier ganz richtig. Einer im Gegensatz zu Allen.


die Flausen der Begüterten -so oder so- doch nicht über das Schicksal von Gesellschaften entscheiden sollten --oder?
>>

Flausen oder nicht, es kann auch eine Flause sein, die "Linken" zu waehlen. Und ich sprach von Willkuer. Ganz gemein. War aber ernst gemeint. Ich fand die Entscheidungen gut. Er hatte Lust darauf, den Vietcong zu unterstuetzen und konnte es tun. Er brauchte sich nicht zu rechtfertigen, er tat es einfach. Ob es wem gefiel war ihm ganz egal.

Fuer das Genlabor gibt es eine einfache Loesung. Wenn Bill Gates sein Geld den Taliban gaebe, saesse er sofort im Gefaengnis. Jedenfalls in den USA. Fuer andere Faelle gibt es den Gesetzgeber. Wenn Dir eine Investition nicht gefaellt, kannst Du sie ja verbieten. Aber grundsaetzlich find ich die Freiheit von Koenigs etc gut. Ueber mansche Sachen mag man im Detail streiten, aber besser als garnichts sind sie in jedem Fall. Wovon leben NGOs, wie illegitim sie auch sein moegen? Ok, schlechtes Beispiel, die meisten leben vom Staat, aber nicht alle.

Fritz Teich 06.08.2010 | 21:42

Misantropentum, mir faellt jener Anwalt ein, der die NPD finanziert hat. Ist das ein allgemeines Problem, das ueber die Probleme mit der NPD hinausgeht?

Tom K., war er ein allgemeines Problem, das ueber die Probleme mit dem Vietcong hinausging?

Denke, Problem waren nur die NPD und der Vietcong.

Danach gibt es vielleicht kein allgemeines Misantropenproblem. Es gibt nur Philantropen, die grundsaetzlich zu begruessen sind und in Einzelfaellen Probleme machen koennen.

j-ap 06.08.2010 | 21:43

Es wird wirklich immer surrealer.

Wenn ein verrückter Milliardär auf die Idee kommt, eine genetische Waffe entwickeln zu wollen, und dazu die Hälfte seines Vermögens spendiert--wie hindert man ihn daran?

Warum sollte man ihn eigentlich daran hindern, frage ich Sie? Wenn ein verrückter Milliardär die Hälfte seines Vermögens in die Entwicklung eines neuen Küchenmessers steckt, soll man ihn dann auch daran hindern, weil schließlich das neue Küchenmesser auch zum Massenmord befähigte?

Sollte man Sie vielleicht auch präventiv daran hindern, zu einem beliebigen Zeitpunkt ein Küchenmesser zu erstehen, weil man nicht sicher ausschließen kann, daß Sie dieses Küchenmesser nur deshalb erwerben, um damit anschließend einen Mord zu begehen?

Ich finde das nicht interessant, sondern grotesk, mit Verlaub.
Fritz Teich 06.08.2010 | 21:53


in Einzelfaellen
>>

Wobei diese, soweit es sich nicht um eine Atombombe usw handelt, nur fuer Einzelne oder Teile der Gesellschaft Probleme sind. Einige regten sich ueber die NPD auf, andere ueber den Vietcong, das ist aber ganz egal, solange sie kein Gesetz machen. Abgesehen davon gibt es ja auch noch die Presse und sonstige gesellschaftliche Sanktionen. Im Einzelfall. Alles andere ist nur Neid. Abgesehen von Besteuerung usw, s. o..

groo 06.08.2010 | 22:33

ich Sieze Sie mal,

Zitat:
...
"Warum sollte man ihn eigentlich daran hindern, frage ich Sie?"
...

Die Entwicklung eines "Küchenmessers" --das Paradigma der Ambivalenz der Techno-Entwicklung --Waffe-Nutzwerkzeug-- , mit der einer genetischen Waffe gleichzusetzen, ist doch etwas veraltet, oder?

Nur kurz:
Den Anteil an Psychopathen an den very-rich halte ich für ein vielfaches höher als bei den 'einfachen Leuten'.

Das multipliziert sich mit dem Kapital, das sie zur Verfügung haben.

Falls Sie ohne wenn und aber für eine Selbstzerstörung der Menschheit plädieren, wenn es denn mit den Interessen einer auch noch so kleinen Minderheit unter den Super-Rich übereinstimmt:

BITTE:
Erläutern Sie das mal.

Meine These:
NIEMAND sollte diese Möglichkeit haben!

Was leider ein Projekt für Jahrtausende zu sein scheint, die wir gemäss ihrer Denke garnicht erleben werden.

Gucken sie mal bei Gelegenheit bei der Longnow-foundation herein.

groo 06.08.2010 | 22:44

Anm:
die Kommentarfunktion scheint mir hier reichlich defekt zu sein.
Mein länglicher Kommentar ist verloren gegangen.

Also verkürze ich das:

Gehen Sie in sich, Herr J-ap!
Ich Bitte Sie!

Was das Groteske betrifft:
Da sind wir uns einig.

Nur ein Tip, bevor wir wieder mal die Waffen kreuzen sollten:

Achten Sie auf ihre Metaphern.
'Küchenmesser' sind ja wohl etwas backward, wenn es um die Segnungen des Fortschritts geht.

j-ap 06.08.2010 | 23:40

Also, groo, ich mache Ihnen mal einen — privaten und daher völlig unverbindlichen, aber ernstgemeinten —Vorschlag: Sie schalten gedanklich zwei, drei Gänge herunter und sortieren sich (in erster Linie bezüglich der doch etwas erhitzen Psycho-Diagnosen an eine unbestimmte Vielzahl von Menschen), anschließend unterhalten wir uns noch einmal ganz in Ruhe über die causa. In Ordnung?

Daß dieses Forum technisch ab und an herausfordernd ist stimmt zwar, das ist aber nach allem, was ich Ihnen berichten kann, lediglich eine Frage der Gewöhnung und der Geduld. Um- oder wieder wegziehen muß deswegen keiner, solange er sich an die hiesigen Gepflogenheiten zu halten bereit ist.

groo 07.08.2010 | 00:00

@j-ap,

eben antwortete ich noch auf einen Dialogversuch von Ihnen:
Fazit: Was tun?

Es scheint mir äusserst schwierig, mit ihnen -ähem- zu 'dialogisieren',

aber so ein mieses System wie hier macht das schier unmöglich.

Wenn ich/Sie einen Schlag setze(n), und morgen der Gegner den Schlag mitbekommen hat oder auch nicht, sollten wir wirklich eine andere Plattform suchen, oder?

Das ist doch lächerlich!

groo 07.08.2010 | 00:00

@j-ap,

eben antwortete ich noch auf einen Dialogversuch von Ihnen:
Fazit: Was tun?

Es scheint mir äusserst schwierig, mit ihnen -ähem- zu 'dialogisieren',

aber so ein mieses System wie hier macht das schier unmöglich.

Wenn ich/Sie einen Schlag setze(n), und morgen der Gegner den Schlag mitbekommen hat oder auch nicht, sollten wir wirklich eine andere Plattform suchen, oder?

Das ist doch lächerlich!

Tiefendenker 07.08.2010 | 00:01

@j-ap

...ich versuche das gerne aufzuklären...

„ Wie kann Tiefendenker aber implizit darauf abstellen, daß die Herrschaften diesen ihren materiellen Reichtum wegen fehlender eigener Arbeitsleistung gar nicht »verdienen«, gleichzeitig aber in Abrede stellen, daß es eine »moralische Ökonomie« gab und gibt, auf deren Basis solche Werturteile gefällt werden können?“

Weil da der Begriff „Ökonomie“ darin vorkommt. Damit ist – zumindest in den hier diskutierten Zusammenhängen – immer eine spezielle Form gemeint, nämlich die des Kapitals als gesellschaftliches Gesamtverhältnis, also „bürgerliche Ökonomie“. Richtig??? Vielleicht ist das also nur ein begriffliches Missverständnis zwischen uns.

„Ökonomie“ beinhaltet ja gerade die EINHEIT von Warenfetisch und Arbeitsfetisch. Ich versuche also ausdrücklich NICHT die Ware vom Standpunkt der Arbeit aus zu kritisieren, sondern beide zugleich als nicht natürliches Zwangsverhältnis abzulehnen. Wenn Sie mal auf andere Kommentare von mir hier beim Freitag achten, wird das bestimmt noch deutlicher.

Soweit brauchte ich aber nicht ausholen, um das Argument von creepy zu widerlegen.

Ich plädiere auch nicht für „soziale Gerechtigkeit“. Wie weit uns diese Idee gebracht hat, sehen wir ja heute. Das ist ein nostalgisches Relikt der 60er und 70er Jahre. Ich strebe vielmehr eine komplette Überwindung der heutigen Verhältnisse (also die des Kapitals) an, zugunsten eines Systems, welches in sich selbst schon sozial gerecht ist, anstatt immer nur zu versuchen das im Nachhinein über bürgerliche Politik wieder sozial verträglich gestalten zu wollen, was die Märkte zuvor an Ungerechtigkeiten geschaffen haben.

Ich denke und hoffe, dass dieser vollständige Ansatz dann nicht nur die Unmündigkeit überwindet, sondern auch jede Menge Platz für eine neue Ethik und Moral schafft. 100%ig weiß das natürlich heute niemand. Es spricht sachlich aber nichts dagegen.

@ womaninred

Danke für den Verweis auf den Gesundheitsbereich. Das Irrationale darin ist außerdem, dass man diesen Bereich gesellschaftlicher Reproduktion zwar formal der betriebswirtschaftlichen Logik unterwerfen kann, dennoch trägt das nichts zur Wertschöpfung bei, weil dadurch ändert sich ja nicht dessen Charakter als „unproduktive Arbeit“, d.h. er ist im Sinne der Marktwirtschaft nicht eigenständig kapitalbildend – wird in der modernen Wertetheorie genauer erläutert. Kann ich wie gesagt nur empfehlen sich mal damit zu beschäftigen... (exit-online.org)

j-ap 07.08.2010 | 00:18

Sehr geehrter Herr Theel,

ich habe es bislang immer mit der html-orthodoxen em >-Variante probiert, scheinbar funktioniert hier also beides.

Warum mir das Ende der Kursiva immer wieder abhanden kommt, ist schnell erklärt: Ich versehe den Text nämlich nach wie vor händisch mit den html-tags, hin und wieder (in letzter Zeit häufiger) versäume ich dann eben, diese auch wieder zu schließen. Es ist also einzig und allein mein Fehler.

Wobei ich schon der Meinung bin, daß eine Korrektur- oder wenigstens eine Vorschau-Funktion doch hilfreich und auch mittlerweile state of the art wäre.

Viele Grüße,
J. A.-P.

groo 07.08.2010 | 01:01

Nochmal:

und jetzt wird es bitter:

Was wir wollen, kann zwei Gründe haben:
a) Dass es UNS zufrieden macht, unabhängig vom 'Glück' der Anderen (Pursuit of happiness etc)
Die Regel ist: Du kannst niemanden lieben, wenn Du Dich nicht selbst liebst.
Dieser Dummschwatz ist besonders beliebt bei Christen.

b) dass es ANDERE zufrieden macht, und damit indirekt auch uns.
Das ist die Ego-death-Hypothese, zB Buddha.

Nun scheint es zwei Subspezies Mensch zu geben:
(Mein verdacht)

Die einen operieren über Egoismus, die anderen über Altruismus.

Der Egoist betrügt den andern wie er nur kann, und sein 'Opfer' ist nur eine oberflächliche Spielfigur.

Der Altruist scheint der geborene Looser zu sein.
Er wird sogar verachtet.

Ich stoppe mal hier.

Diese Bipolarität der Haltungen scheint mir --leider-- grundsätzlich zu sein.

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gill-bost 07.08.2010 | 02:38

Womit wir dann bei der Tafel wären ...

Supermärkte spenden (gegen steurerl. Abschreibung gesetzl. verkommender Lebensmittel) - die Tafel verkaufts (obschon billig). Tafel e.V. ist lediglich ein Mittler für dieses Prinzip.

"Was würden die Unterzeichner der Spenden-Erklärung sagen, wenn es statt ihrer Almosen ebenso kollektive wie wirksame Verabredungen gäbe, welche die Anhäufung solchen Reichtums gar nicht zulassen würden, in dem es die rechtlichen und machtpolitischen Voraussetzungen abschafft, ohne die er nicht entstehen könnte? Oder, erster Schritt, steuergesetzliche Zustände schafft, die für "Zurückverteilung" sorgen. "

Was aber, wenn sie einer solchen Verabredung zuvor kommen? Das hindert die sich Absprechenden doch nicht an der weiteren Planung einer solchen Absprache.

Aber im Grunde haben Sie ja recht:

www.die-soziale-bewegung.de/2009/vertafelung/10-3-09-Flugblatt-Vertafelung-ABSP.pdf

bgekoeln.ning.com/profiles/blogs/von-der-vertafelung-der

www.scharf-links.de/88.0.html?[cat]=47[pointer]=6[tt_news]=5463[backPid]=60=43ffe084a1

Unter: www.heise.de/tp/blogs/6/148129

steht zu lesen:"damit sich Reiche öffentlich (moralisch) verpflichten, mehr als die Hälfte ihres Vermögens zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod für humanitäre Zwecke zu spenden."

Aber nein, der Micheleuropäer braucht Gesetze für Alles und Jeden. Würde ein Gesetz daran etwas ändern. Was ist "größere" oder "bessere" soziale Gerechtigkeit? Finanzielle Gerechtigkeit? Finanzielle Gleichheit? --> Enteignung also? Mit einer Ungerechtigkeit kann man keine Gerechtigkeit beginnen.

Tiefendenker 07.08.2010 | 15:42

@groo

Danke für die Anregung. Das spielt da natürlich mit rein. Ganz klar.

Ich betrachte das daher auch nicht nur von der „modernen Wertetheorie“ aus (also systemisch), sondern zugleich unter dem Aspekt von Spiritualität, also sich bewusst zu sein, dass wir alle energetisch miteinander verbunden sind. Dazu folgende Zitat:

„Unser Glück ist unmöglich ohne das Glück der anderen.“ (Nikolai Grawilowitsch Tschernyschewski, 1828-1889)

Vielleicht ist es ja gerade nicht so, dass das Ego immer das per se negative Element sein muss und nur Altruismus das positive. Mein Ego hilft mir vielmehr zu erkennen, dass mein persönliches Glück wächst, wenn auch die anderen derartiges Glück empfinden. Schaffe ich es also letzteres für andere zu steigern, dann habe ich selbst etwas davon. Ich kann mich z.B. sicherer fühlen, weil die Kriminalität sinkt. Das versucht auch folgendes Zitat auszusagen:

»Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei reich zu werden..« (Clemens Brentano, deut. Schriftsteller, 1778-1842)

Ich bin überzeugter Atheist und erkenne auch, dass es viel Dummschwatz bei den Christen gibt. Aber ich denke dennoch, dass das für die Idee der allumfassenden Liebe (personifiziert in der Figur Jesus) nicht gilt. Das ist allerdings auch so ziemlich das Einzige was da stimmt. Was die daraus gemacht haben finde ich allerdings gruselig. Und mit Glauben hab ich es auch nicht so. Ich möchte es immer genau wissen.

Nun weiß ich natürlich auch, dass Egoismus meistens nicht so wirkt, sondern genau gegenteilig. Ich, ich, ich und daaannnn irgendwann die anderen...so nach dem Motto „Was kümmert mich das Elend der anderen.“ oder „Jeder ist sich selbst der Nächste.“

Davon kann ich folgendes ableiten: warum sollte ich dann ein System unterstützen oder auch nur verbal verteidigen, welches auf egoistischen Ansätze wie Habsucht, Neid und Gier als primäre Triebkräfte setzt? Das führt dann automatisch zu Konkurrenz. Dann wähle ich vielleicht doch lieber Altruismus, der letztlich zu Kooperation führt.

Aber wie gesagt – man kann selbst Egoismus auch anders interpretieren. Da grübel ich selbst noch drüber nach. Eine 100%ig schlüssige Antwort vermag ich momentan leider auch noch nicht zu geben.

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gill-bost 09.08.2010 | 00:59

Ist nicht die Vermittlung der Ansicht auch nur kraft Autorität denk- und machbar? Nehmen Sie die Statistik. Worin unterscheidet Sie sich von der Religion, die Gutes weist und Böses verabscheut. In wie viel mehr wäre eine solche Einsicht den richtiger. Mit Ihnen ganz eins hinsichtl. Moral. Aber vor ihr die Einsicht -d'accord- aber woher kommt nun wiederum diese? Das große "Ich-will" scheint mir angesichts seiner Umstrittenheit unwahrscheinlicher als das konkrete "Du-sollst". Wenngleich Gesetze schauerlich sind (ich sprach davon), so ist das Beispiel als (moral)gebende Instanz weitaus erträglicher als das mühselige Warten auf den bloßen Groschen. Was mich an Strohschneiders akutem Stolz, den er auch noch auf Dritte zu übertragen sucht, - anschwellen läßt, ist die Tatsache, daß er doch nicht sauber erklärt, wo der Schaden läge, wenn es doch geschähe...

Grundgütiger 12.08.2010 | 13:53

Mich stimmt immer optimistisch, das Karl Marx Hauptwerk das "Kapital" heißt, und nicht, der "Kapitalist".
Persönlicher Reichtum ist immer ein Versagen der Gesellschaft .
Sie hat Regeln aufgestellt, die es erlauben, Milliardär zu sein.
Wenn sie denn spenden wollen, gerne.
Hofft man doch so einer Debatte zu entgehen, wie man eigentlich an soviel Geld bekommen kann, und ob dies noch in diese Zeit passt.
Durch eigene Leistung kann man nicht reich werden. Ich wiederhole, Leistung.
Gut, Lotto ist eine Ausnahme.
j-ap, sie kennen so viele Fremdwörter. Ich bin immer wieder begeistert. Leider nutzen sie der Debatte wenig, sie kommt dadurch nicht voran.
In der jetzigen gesellschaftlichen Lage nutzen ihre Vorschläge nichts, es wäre ein Sprung in eine Zeit, die hoffentlich noch vor uns liegt.
Da muss meiner Meinung nach wirklich erstmal die Steuer etwas gerechter werden.
Die Abschaffung der Reichen wird sich noch etwas hinziehen.
Ich will hoffen, wir finden bis dahin einen Kompromiss.
Ach Creezy, ihren Pessimismus habe ich nicht. Füllen sie ihr sprachliches Kunstwerk doch mal mit Inhalt. "Blasierter Blödsinn" ist so wenig politisch, eher verzweifelt.

miauxx 12.08.2010 | 18:44

Das allerschlimmste an dieser Pro-Milliardärs-PR-Aktion ist, dass sie in den Medien überwiegend als "positives Beispiel gutwilliger Menschen" beworben wird und ob sie damit nicht ein Beispiel für mehr Abgabewillen Superreicher hierzulande sein sollte!
In den USA mag das ja normal sein. Dort ist es gang und gäbe, dass arrivierte Superreiche, Hollywood-Stars et al dann ihre Charity-Ader entdecken, jetzt ein guter Mensch werden wollen - auch als Buddhist oder Christ, oder beides.
In mir wehrt sich aber alles dagegen, eine plötzliche Synthese von Ausbeuter,- Marktbeherrscher, - und Giermentalität mit Philanthropie als problemlos, mit fließendem Übergang, anzusehen. Das betrifft auch das Stiftungswesen, ohne welches es in den USA wahrscheinlich gar keine soziale und kulturelle Fürsorge geben würde. Aber handeln diese uneigennützig?
Wir sollten uns in Deutschland diese "Resterampe-Mentalität" des angloamerikanischen Bereiches auf keinen Fall zum Vorbild machen, und Verfechtern wie der Bertelsmann-Stiftung oder Sloterdijk folgen!!
'Givin-Pledge', Stiftungswesen, Freiwilligensteuer ist ungefähr so, als wenn ich jemanden erst in eine schlammige Grube werfe und ihm dann sukzessive kleine Stöckchen zukommen lasse, aus denen er sich eine Leiter zum Heraussteigen bauen möge.
Soviel wollte ich noch hinzufügen.