Thüringen lässt uns in den Abgrund blicken

„Dammbruch“ Für die Ereignisse im Freistaat scheint kein Wort zu groß. Es wird in der deutschen Politik ein „Vorher“ und ein „Nachher“ geben
Thüringen lässt uns in den Abgrund blicken
Liberal, rechtsradikal, scheißegal

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Politik ist oft schwer zu ertragen, weil sie so langsam ist. Weil nicht genug passiert, jedenfalls nicht in der von der Vernunft gebotenen Radikalität und Schnelligkeit. Fäden ziehend klebt Politik dann an vergangener Wirklichkeit. Wo Klimakrise, Ungleichheit, globale Probleme nach schnellster Korrektur rufen, kann diese Zähigkeit einen um den Verstand bringen. Weil der Verstand ja längst und sicher zu wissen glaubt, was nun richtig und dringend geboten ist: Kurswechsel jetzt!

Und dann geht es auf einmal ganz schnell, es tun sich radikale Brüche auf. Entscheidungen werden von den nächsten überholt, noch bevor man sich mit den vorigen vertraut machen konnte. Politische Lawinen werden ausgelöst. Politik stürzt ins Tal, die handelnden Akteure mitreißend und den Zuschauern am Rande des Abgrunds manche Sicht nehmend. Seit dem vergangenen Mittwoch, dem Fanal von Thüringen, rast sie, die Politik, und sie macht viele auch rasend. Das hat etwas Gutes. Während im Landtag von Erfurt noch damit gerungen wurde, das Geschehene zu begreifen, zogen die ersten Demonstrantinnen schon vor dem Haus auf: Kein Paktieren mit den Rechtsradikalen! Ihnen folgten viele, überall. Der Versuch einiger Politiker von CDU und FDP, Steine aus der Brandmauer nach rechts zu schlagen, ließ dieses Bollwerk erst einmal stärker werden. Es waren der zivilgesellschaftliche Aufschrei, die öffentliche Empörung, das keineswegs nur von links zu vernehmende laute „Nein“, welche die Politik antrieben, die „Schande von Erfurt“ einzudämmen und sie letztlich, soweit das geht, rückgängig zu machen.

Der Publizist Robert Misik hat zwei Fragen zu den Thüringer Ereignissen und ihren Folgen gestellt: „Ist das nun ein Skandal und eine Schande? Oder vielleicht doch eher ein Grund zum Feiern?“ In der Woche seit der Wahl von FDP-Mann Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten für einen Tag haben viele ihre Antworten auf den ersten Teil gefunden. Von „Dammbruch“ war immer wieder die Rede, vom „Tabubruch“, von einer neuen Weimar-Krise, vom Pakt „Bürgerlicher“ mit dem Faschismus, von Hitler und Papen, von braunrechten Parteien – und damit war nicht die AfD gemeint. Es klang nach Untergang, roch nach „verbrannter Erde“, wie ein Kommentar überschrieben war.

Und ja, verdammt, es geht um so viel, da erscheint kein Wort zu groß, keine Kritik zu laut, kein Vergleich zu gewagt. Einerseits. Weil es aber dieses Einerseits gibt, fällt es nicht leicht, das Andererseits ebenfalls auszusprechen, jenem Unbehagen Ausdruck zu verleihen, das sich eben auch eingeschlichen hat seit dem Mittwoch von Erfurt. Ein verstörtes Gefühl, weil da auch Begriffe gegen die Gefahr von rechts in Anschlag gebracht werden, die keine Steigerung mehr möglich machen: Kann es wirklich nicht schlimmer werden, und wenn doch, was sagen wir dann? Eine das Nachdenken belastende Verunsicherung, weil es doch gerade dann am nötigsten ist, Komplexität auszuhalten und zu differenzieren, wenn dies – wie nach Erfurt – am schwersten fällt: Bieten Twitters Like-Logik und hektisches Zuwortmelden dafür die richtige Form?

Die Sorge darum, wohin unterschiedslose politische Verurteilung derer führen kann, die oft zu Gesamtschuldigen zwangskollektiviert werden: Brauchen wir aber jetzt und künftig nicht gerade auch diejenigen in CDU und FDP, die der Höcke-Komplizenschaft ihrer Parteien widersprochen haben? Es wird, so viel zu sagen kann man wagen, in der deutschen Politik ein „vor Thüringen“ und ein „nach Thüringen“ geben. Wann dieses „nach Thüringen“ beginnt, ist noch offen. Wie es aussehen wird, hängt auch davon ab, wie wir reagieren – am Rande des Abgrunds: So deutlich wie nötig, aber niemals nur rasend und immer mit Verstand.

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14:25 12.02.2020
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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Ausgabe 44/2020

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