Tom Strohschneider
17.10.2011 | 11:25 43

Unsäglich albern

Occupy Waren das nun Kapitalismusgegner oder Wutbürger? War es erst der Anfang oder schon das Ende? Nach den Protesten wird ganz fest umarmt und belehrend gewarnt

Man muss Joachim Gauck wirklich dankbar sein. Wer eine Debatte über Alternativen zum real existierenden Kapitalismus „unsäglich albern“ nennt, wem zu den Occupy-Proteste nicht viel mehr einfällt als der Hinweis, diese würden „schnell verebben“, der hilft anderen dabei, sich Klarheit zu verschaffen.

Erstens über SPD und Grüne. Die wollten also einen Mann zum Bundespräsidenten machen, der im wachsenden Unmut über die Verhältnisse offenbar nichts anderes erkennen will als falsche Sehnsucht nach einer Politik à la DDR, in der ja auch schon „die Banken besetzt waren“. Dümmlicher hat im Angesicht der Krise noch kaum jemand das Primat der Märkte gegen das der Politik verteidigt. Sozialdemokraten und Grüne, die in den vergangenen Tagen die Proteste begrüßten und, sogar ein wenig selbstkritisch, für mehr Regulierung plädierten, werden sich gefreut haben. Es sei zweifelhaft, „zu glauben, dass unsere Einlagen sicherer wären, wenn die Politiker in der Finanzwirtschaft das Sagen hätten“, beharrt hingegen Gauck auf altem Denken - während europaweit Politiker Steuermilliarden in Bewegung setzen, um eine Finanzwirtschaft zu stützen, die ohne öffentliche Hilfe längst keine Einlagen mehr hätte.

Gaucks Distanzierung von den Occupy-Protesten hat einen zweiten Vorteil: Sie hilft der gerade in Gang kommenden Bewegung, sich über den eigenen Charakter bewusst zu werden. In der Mediendemokratie entscheidet über den Bestand eines Impulses oft das von ihm ausgelöste Echo. Und mit seinen Äußerungen hat der einstige Bürgerrechtler gezeigt, dass die „Verständnis-Phalanx“ keineswegs so breit ist.

Ohnehin sollte man nicht jede anerkennende Bemerkung auch als Zustimmung zu den Motiven der Protestierenden interpretieren. Er wolle das „ernst nehmen“, sagt der Bundesfinanzminister. Man dürfe aber nicht zu weit gehen, sekundieren die Kommentatoren. Allzu große Demos würden doch nur zu noch schlimmeren Regierungen führen, schreiben die einen. Keinesfalls solle sich die Bewegung „von den berufsdemonstrierenden Sozialismus-Nostalgikern vereinnahmen“ lassen, warnen die anderen. „Heute sind es die so genannten Finanzeliten, morgen alle 'Kapitalisten', und danach ist es womöglich das ganze System. Solchen Anfängen zu wehren, verlangt viel Aufklärung über den Zusammenhang von Freiheit, Wohlstand und freier Marktwirtschaft.“

Schwierige Debatten

Die alternative Potenzialität der Proteste macht offenbar denen Sorge, die von einer anderen Welt nichts halten. Richtig ist aber auch, dass sich politische Nachhaltigkeit nicht von allein einstellt. Die Protestierenden werden kaum umhin kommen, noch schwierige Debatten zu führen, etwa über die blinden Flecken einer allzu banalen Bankenkritik, über konkrete Alternativen, über Bündnisprobleme und die Frage, wie weit man selbst gehen muss, um andere wenigstens ein paar Zentimeter vor sich herzutreiben. Die Proteste „machen zusätzlichen Druck in Richtung auf eine weitergehende Bankenregulierung und die Disziplinierung der Finanzmärkte“, meint die Frankfurter Allgemeine. Das ist, bei aller Skepsis, nicht nichts. Aber selbst solche, nicht einmal besonders weit gehenden Schritte, wird die Politik kaum von alleine vollständig gehen.

Womit man wieder beim rot-grünen „Präsidenten der Herzen“ angekommen wäre. Verebben die Proteste schnell? Das wird davon abhängen, wie groß die Bereitschaft ist, sich auf etwas einzulassen, das noch keine fertigen Formen hat, über dessen Tendenz nicht schon entscheiden ist. Der „Protest ist nicht rechts und er ist nicht links“, befindet Heribert Prantl in der Süddeutschen. Es komme darin beides zum Ausdruck – die „Empörung über soziale Ungerechtigkeit, das ist ein altes linkes Thema“, aber auch „die Sehnsucht nach einem starken Souverän“, die „ebenso ein konservatives, rechtes Thema“ sei. Die meisten der 40.000 vom Samstag würden sich „nicht als Kapitalismusgegner“ sehen, glaubt auch die Tageszeitung.

Leute wie Joachim Gauck wollen, dass das so bleibt. Wer anders im Sinn hat, wer spätestens nach vier Jahren Krisenpolitik zu der Überzeugung gekommen ist, ein paar neuerliche Reparaturmaßnahmen reichten nicht mehr aus, der müsste am kommenden Samstag die nächste Gelegenheit nutzen, das einzubringen. Dann findet in Brüssel der EU-Gipfel zur Eurokrise statt. Für beide Termine gilt: Darauf zu warten, dass andere „das Richtige“ tun, wäre wirklich „unsäglich albern“.

Kommentare (43)

Agent Provocateur 17.10.2011 | 15:17

... und mit einem neokonservativen Hardliner wie Joachim Gauck, einem McCathy 2.0, für den "Freiheit" ein höheres Gut ist als Solidarität und der von diesem ganzen sozialen Gedöns wenig hält, wollten SPD und Grüne Merkel aus dem Amt jagen!

Über Wochen hat man die Linke dafür verantwortlich gemacht, dass ihr "Kandidat der Herzen" (BILD: Yes, we Gauck) nicht Bundespräsident wurde, obwohl man nie eine eigene Mehrheit hatte und obwohl von vornherein klar war, dass die Linke niemals einen Kandidaten wählen würde, der Agenda 2010, Hartz IV und Kriegseinsätze der Bundeswehr befürwortet. Dieser medial geschürte Gauck-Hype im Internet war rational gar nicht nachzuvollziehen.

Wahrscheinlich haben ihn ausgerechnet diese jungen Leute unterstützt, die er jetzt als "unsäglich albern" beleidigt. Wer aber jeden vermeintlichen Hoffnungsträgern und jedem medialen Zeitgeist hinterherhechelt, sei es Gauck, Guttenberg oder jüngst die Piraten, ohne sich mit diesen Leuten näher zu beschäftigen, ist an Dummheit aber auch nur schwer zu überbieten.

Als ich neulich den 20jährigen Veranstalter dieser Occupy Frankfurt Bewegung gesehen hab, ist es mir allerdings auch anders geworden - null Ahnung von der Materie, aber Hauptsache als "Wutbürger" und "Berufsdemonstrant" dagegen. Das blinde Huhn hat zwar dieses mal ins richtige Töpfchen gegriffen (dafür lohnt es sich in der Tat zu streiten), aber wenn dieser Protest intellektuell nicht besser unterlegt ist und das Ganze mehr in eine Karnevalsveranstaltung ausartet, sehe ich auch hier schwarz. Ich hab größere Hoffnung, dass sich im Mutterland des Kapitalismus in nächster Zeit etwas Entscheidendes tut. Auf Deutschland hoff ich wenig. Da halt ich's mehr mit Heine.

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Ehemaliger Nutzer 17.10.2011 | 16:00

Ein rechter Bürgergauckler:
"Nichts lässt Menschen mehr verkümmern als Verweigern von Verantwortung, als Verantwortungslosigkeit".
Damit meint er ALG2-Bezieher und "Integrationsverweigerer" und nicht etwa Boni-Jäger unter den Bankern, die damit mehr "verdienen" als ihre Unternehmen an Steuern zahlen.
Enrichez vous! Die Lohn- und sonstige Zwangssteuerzahler werden es verantwortungsvoll blechen, systemrelelevantmäßig, das walte der Gott des tausendsek.-schnellen Geldes und Gauck ist sein bürgerrechtgesalbter Prophet.

Schade, dass GrünSPD ihn nicht als Bundespräsidenten durchbringen konnten, er hätte ihnen peinlich gut zu Gesicht gestanden.

konyhakert 17.10.2011 | 17:38

@agent provocateur

was heißt hier "besser intellektuell unterlegt"

ich denke, sie haben noch nicht verstanden, daß es dieses mal nicht darum geht, daß EINER oder eine gruppe eine idee erfindet und diese dem rest der gesellschaft als neuen vorschlag unterbreitet. also ein bereits gekochtes essen vorsetzt. und wir alle müssen es dann auslöffeln. bis zum ende.

nein, hier geht es darum, selbst das essen zu kochen. und dabei ist jeder beteiligte gefragt.
um mal das bild zu verlassen, ist jedeR aufgefordert, nachzudenken über die fragen, die diese zeit uns stellt. die asambleas aber sind dazu gedacht, in gemeinsamen diskussionen über mögliche lösungen nachzudenken. keiner hat momentan die ultimative lösung. und es wird auch noch viel diskutiert werden müssen, bis wir in der lage sind, welche zu entwickeln.

das aber ist der kern dieser bewegung. darüber hat bisher noch kein einzige zeitung beschrieben.

sie, genauso wie wohl die meisten anderen, erwarten immer nur fertige patentrezepte. die aber gibt es gar nicht. und wer behauptet, solche zu haben, der ist vermutlich ein scharlatan.

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der-menschen-einer 17.10.2011 | 18:35

Unsäglich albern ist es aber auch, von der Partei DIE LINKE einen politisch wirksamen konstruktiven Beitrag zu erwarten, vielleicht aber auch nur naiv.

Wer die jüngste Gelegenheit dazu verfolgt hat, als es darum ging, die EX-Stasi-Mitarbeiter aus der BStU zu entfernen, weiß wovon ich spreche.

Auch wenn TS das anders sieht, solange DIE LINKE mit ihrer unrühmlichen Vergangenheit nicht offen umgeht und weiter so rum eiert, bekommt sie keinen Fuß auf den Boden, und das ist auch gut so.

davidjordan 17.10.2011 | 18:36

Interessant fand ich, wie über die Occupy-Bewegung am Sonntag auf den Seiten der FAZ berichtet wurde. In dem Artikel von Hendrik Ankenbrand und Patrick Bernau (beide unter 35) wurden einzelne Demonstranten und ihre Beweggründe, sich dem Protest angeschlossen zu haben, vorgestellt (www.faz.net/aktuell/demonstrationen-in-deutschland-angst-vor-dem-untergang-11494323.html). Dazwischen eingeschoben fanden sich Verweise auf verschiedene Statistiken und die Hartz-Gesetze. Diese Verweise sollten zeigen, wie gut es uns eigentlich geht und wie sehr die Demonstranten von eigentlich nicht mehr als von unbegründeter Angst getrieben worden seien. Mal davon abgesehen, dass man nur die richtigen Statistiken zitieren muss, um sein Weltbild zu untermauern (und es gibt Tonnen von Statistiken, die das genaue Gegenteil von dem zeigen, was Ankenbrand und Bernau behaupten), war es nichts anderes als eine reine Diffamierung der Protestierenden! Und gerade der Verweis darauf, dass sich da der Mittelstand auf die Straße gewagt hat, dem es ja eigentlich wunderprächtigt geht! Gerade wenn der Mittelstand, der ja früher Adenauer (und davor Hitler) gewählt hat, auf die Straße geht, ist es ein Zeichen dafür, dass da etwas im Staate nicht stimmt. Und wenn da Ängste sind, sollen, ja ,müssen die Ernst genommen werden. Aber ja: Wenn wir alle Smartphones von Apple haben, kann es uns ja gar nicht schlecht gehen, wie Ankenbrand und Bernau meinen. Wie dumm kann man nur sein, Wohlstand nur mit materiellen Wohlstand gleichzusetzen? Es wird wirklich Zeit, dass man nicht nur darüber diskutiert, was dem Menschen Sicherheit gibt und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht, sondern auch darüber, was den Menschen zufrieden und glücklich macht. Aber wie Tom Strohschneider in einem Text von diesem Wochenende geschrieben hat, scheint darüber ja schon auf Parlamentsebene diskutiert zu werden. Hoffentlich wird auch was daraus, denn ein System, das nur noch durch das Machen von Schulden und noch mehr Schulden am Laufen gehalten wird, kann auf Dauer nicht funktionieren. Kredit hält die Welt am Laufen. Aber wenn die Kredite ausgehen, weil es keinen Kredit mehr gibt? Wenn überall nur Angst ist oder sich eben zeigt, dass die Werte, auf die man baute, gar keine sind, sondern nur Phantome? Im Zeitalter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs können wir noch nicht einmal mehr Papiergeld essen. Es ist gut, dass sich die Leute bewegen und auf die Straße gehen. Es ist hoffentlich ein Anfang zu etwas Neuem.

claudia 17.10.2011 | 19:45

Ein Anfang zu etwas Neuem kann es werden, wenn die Diskussionen an Bürgermikrofonen immer weiter gehen. Aus erster Empörung kann weitergehendes Denken werden, wenn man sich nicht von den jetzt wieder blitzschnell und gewohnt oberflächlich vorgebrachten verbalen „Zugeständnissen“ der Obrigkeit einlullen lässt.

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>>Wenn wir alle Smartphones von Apple haben, kann es uns ja gar nicht schlecht gehen, wie Ankenbrand und Bernau meinen. Wie dumm kann man nur sein, Wohlstand nur mit materiellen Wohlstand gleichzusetzen?
Das ist keine Dummheit, sondern wohlkalkulierte Demagogie: Die mit „wir“ nicht gemeint sind, lesen die FATZ nicht. Die sie lesen, fühlen sich eher angesprochen und sagen: „Hmm, auch wieder wahr. Gut dass wie die FAZ haben, die uns wieder mal sagt, wie es wirklich ist“. Was die schreiben, ist kalkuliert. Man muss sich klarmachen. Dass die Lohnschreiber die gut bezahlten Jobs nicht hätten, wenn sie wirklich die merkbefreiten Spontis wären, als die sie sich darstellen.
Hier kennen wir das doch vom „Hausdemagogen“ Blome.

In München hatte ich übrigens nicht den Eindruck, dass vorwiegend „Mittelständler“ da waren. Mehr ganz „einfache“ Angestellte, habe einige Bekannte und ehemalige Kollegen getroffen.

luddisback 18.10.2011 | 12:38

@matto
nur zum beispiel, der wulff neulich bei verdi zu gast:
www.verdi.de/ueber-uns/bundeskongress/reden-grussworte/++co++efcd8344-e15a-11e0-4210-0019b9e321e1

"„Was wäre unser Land ohne Gewerkschaften?“ Diese Frage stellte der Bundespräsident an den Anfang seiner häufig von den Delegierten beklatschten Rede. Und er gab auch selbst die Antwort: „Wir wären ärmer. Materiell und ärmer an Gemeinsinn und Engagement. Die Gewerkschaften haben einen wesentlichen Anteil an der Erfolgsgeschichte unseres Landes.“ ...
Der Präsident rechnet den Gewerkschaften „einen wesentlichen Anteil an der Stabilität unserer Demokratie, am wirtschaftlichen Erfolg und am Gelingen unserer Sozialen Marktwirtschaft“ zu."

stabilitaet unserer demokratie? wessen wirtschaftlicher erfolg? was ist gelungen, das soziale? die marktwirtschaft? was er sagt und was da zwischen den zeilen steht, angesichts des von den gewerkschaften nicht verhinderten abbaus von sozialen errungenschaften, des gesunkenen lohnniveaus, der realen zunahme prekaerer arbeitsverhaeltnisse usw. stellt ihn natuerlich in eine linie mit gauck, und die grossen gewerkschaften gleich mit.

mcmac 18.10.2011 | 13:55

Nur am Rande, für's Protokoll...

Super-GAUck, die Elche die Kritik:

"[...]Wer sich an den Beginn der gesamtdeutschen Arbeit Gaucks erinnert, kann nicht übersehen, dass er dieses schwierige Amt überaus selbstgerecht gegen jene DDR-Bürger ausgeübt hat, die sich dem System freiwillig oder aus opportunistischen Gründen nicht verweigert hatten. Er genoss als protestantischer Pfarrer sehr wohl Privilegien des Regimes. Seine Kinder durften ausreisen, die Stasi stufte ihn in seinen letzten Amtsjahren als dem System halbwegs angepasst ein, wie Akten belegen. Er werde "unser Nest nicht beschmutzen" soll er der Stasi gesagt haben, wie deren Unterlagen berichten.[...]"

„Stern“ vom 29. Juni 2010 [ungültiger link]

dadaunlimited 18.10.2011 | 14:27

es spielt garkeine rolle wer hier was wahrhaben will, die bessere welt will gelebt werden - und sie ist möglich wenn man nur will.
sogesehen ein grandioser anfang mit dem schon sehr viel gewonnen wurde, es werden nämlich die richtigen fragen gestellt. ob da nun linke oder rechte protestieren is doch völlig unerheblich. es bleibt festzustellen, daß kein volksvertreter in der lage war die drängenden probleme unserer zeit in dieser form anzugehen: völlig losgelöst von jeglicher ideologie, die ja doch nur den blick auf die realität verzerrt.

war das jetzt nen kopfstand?

claudia 18.10.2011 | 14:28

Ach ja, SPD/Grien hatten den Agenda 2010-Befürworter Gauck aus der Mottenkiste geholt, um ihren Lobbyisten zu beweisen, dass sie nach wie vor fest auf dem Boden der Berstelmann-Agenda stehen.
Die Bupräwahl war halt einfach eine Gelegenheit. In den Tagen danach haben sie noch ein bisslerl rumgeheult, dass die Böse Linke die Auferstehung des Messias verhindert hat, dann wurde das Thema Gauck still entsorgt.

canguilhem 18.10.2011 | 14:35

"Unsäglich albern". Wer oder was ist nicht unsäglich albern. Als ich am Samstagnachmittag in Frankfurt vor der EZB stand, mich mit einem Protestler der Occupy-Bewegung unterhielt, verstand, versuchte zu verstehen, gegenhielt, mitging, beschlich mich das gleiche Gefühl: "Unsäglich albern". Ich rechne dem jungen Mann sein Aufstehen an, sein Eintreten, sein Einstehen, aber wofür, das konnte er mir nicht erklären. Seine Freunde, die argumentativ zur Hilfe eilten, ebenfalls nicht. Am Rande von Occupy Frankfurt war es ein Event zur besseren Samstagnachmittaggestaltung in der Oktobersonne. Anschließend wolle man noch zur Buchmesse gehen. Das ist kulturelles sowie soziales Bewusstsein und die Besetzung als Gesellschaftsspiel in einem. Das perfekte Überraschungsei des Gutmenschentums.

Was wird besetzt? Das Bankenviertel. An einem Samstag. Das macht Sinn. Wenn es ohnehin geschlossen ist. Wenn kein Börsianer da ist, sondern auf der Buchmesse. Das ist "unsäglich albern"!

Warum richtet sich Occupy gegen die Bankenwelt? Weil sie so herrlich bequem und in jeder Stadt zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen ist? Weil es ein neues Feindbild ist? Endlich wieder David gegen Goliath? Aber ist die "monströse Bankenwelt" überhaupt der richtige Gegner? Ich denke, dass sich die Wut im Grunde genommen gegen die Politik richten muss, die von einer Banken-Lobby getrieben wie ein Tanzbär durch die Manege getrieben wird. Die Bankenwelt nimmt sich nur den Freiraum, den sie bekommt, von willfährigen Politikern, die in den Aufsichtsräten von Sparkassen und Banken sitzen, und um die Pfründe ihres Instituts fürchten. 2008 hätte meines Erachtens Occupy mehr Sinn gemacht, als eitle Zocker die Wirtschaftswelt in die Krise stürzte. Aber heute? Ist es nicht so, dass Geschäftsbanken marode Staaten (warum genau sind diese marode?) mit Geld versorgten, damit deren politische Elite weiter wurschteln und wirtschaften konnten. Damit Renten ausgezahlt und Hilfe gewährt werden konnten. Dass die Politik trotzdem weitermachte, als wäre nichts geschehen, ist nicht das Versäumnis der Banken, sondern eine besondere Form von "unsäglich albern". Oder ignorant.

claudia 18.10.2011 | 14:38

Und beim Bundesverband der deutschen Banken sagt er:
„Wir wären ärmer. Materiell und ärmer an wirtschaftlicher Führung und Engagement. Die Banken haben einen wesentlichen Anteil an der Erfolgsgeschichte unseres Landes.“ ...

Beim Verband deutscher Jäger sagt er:
„Der Wald wäre ärmer. Ärmer an vitalem Leben, an Gemeinsinn und Engagement für die Natur. Die Jäger haben einen wesentlichen Anteil an der Erfolgsgeschichte unseres Waldes.“ ...

usw usf

claudia 18.10.2011 | 15:18

Und abermals schliesst sich der Kreis:
>>Ich denke, dass sich die Wut im Grunde genommen gegen die Politik richten muss, die von einer Banken-Lobby getrieben wie ein Tanzbär durch die Manege getrieben wird...

Selbstzitat:
>>Schuld sind die Politiker. Die sind schuld, weil sie mit "Parteispenden" von Firmen/Wirtschaftsverbänden und "Beraterveträgen" sanktionsbewehrte Transferleistungen annehmen. Sankionsbewerhrt, weil eine jährliche Spende, wie auch die "Beraterveträge" jederzeit beendet werden können, wenn die Partei/der/die Abgeordnete nicht spurt.
Also sollten wir die Lobbyisten abwählen. Die sind aber nicht wählbar, denn wir würden sie ja gar nicht wählen, wenn sie zur Wahl stünden. Also appellieren wir an die Politiker, doch einfach mal nicht der kapitalistischen Lobby zu gehorchen, um den Kapitalismus nicht in die Krise zu treiben, worauf sie natürlich nicht hören, weil sie auf das Geld von Kapitalisten scharf sind.

Jetzt habe ich nicht gezählt, wieviele Katzen sich da wieder in wieviele Schwänze gebissen haben.
Aber so wie oben beschrieben nehme ich die zikularen Diskussionen wahr.

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Wenn wir erst mal gemerkt haben, dass wir viele Millionen Menschen sind (global Milliarden) und dass Millionen Menschen sehr viel mehr können und wissen als Billionen Piepen, dann können wir zu konkreten Schritten übergehen.

Momentan haben wir noch Angst vor der Erkenntnis, dass die politische und wirtschaftliche "Führung" ohne die vielen Millionen Menschen, die sie mit verbundenen Augen am Gängelband herumführt nur ein Popanz ist.

Nicht auf Milliardäre, ihre Manager, ihre Bankdienstleister und ihre Lakaien in Regierungen kommt es an. Sondern auf uns.
Falls WIR das Volk sind.

Die Gründe der Angst vor eigener Courage kann man abbauen. Dann haben wir eine Chance, konstruktiv zu werden.
Ich halte Kundgebungen mit Bürgermikrofon für eine geeignte Therapie zum Abbau der Konditonierung, die in unseren Köpfen wirkt.
Egal, was irgendwelche Gauckler drüber sagen.

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der-menschen-einer 18.10.2011 | 15:50

Ich fürchte auch, dass diese "Events" bei schönen Herbstwetter nichts als über Trojaner-Netzwerke organisierte Flashmobs sind, zumindest für die meisten, der Teilnehmer.

Von einem Durchhaltevermögen wie bei K21/S21 in Stuttgart dürfte man wohl nur träumen.
Spätestens mit dem Wintereinbruch ist wohl Schluss mit Lustig.

Da hätten einige Blogger mal mehr Geduld aufbringen sollen, ehe sie sich so weit aus dem Fenster lehnten.

sinclair_babbitt 18.10.2011 | 16:57

Ich ärgere mich auch über die dümmlichen Kommentare von Gauck - aber wer hätte etwas anderes erwartet? Und vor allem: Wollen wir uns nicht mit wichtigerem beschäftigen? Mit Verlaub: Angesichts dieser Absonderungen von Gauck ist jeder Furz, der in einem der Camps gelassen wird, berichtswürdiger! Nein, jetzt mal ernst: ich persönlich halte Berichterstattung von einer aufblühenden, aber ja, doch handlungsfähigen weltweiten Bewegung und vor allem inner-linke Diskussionen für viel interessanter! Deshalb höre und sehe ich so gerne Democracy Now!, den vollständig unabhängigen Sender aus New York:

www.democracynow.org/tags/occupy_wall_street

luddisback 18.10.2011 | 21:04

@claudia
ich fand nicht so aufregend, dass er all das gesagt hat, ich fand nur peinlich, dass er dafür heftigen applaus erntete. ich hätte mich geschämt als gewerkschafter für so ein lob aus so einer richtung, angesichts der situation. auf jeden fall hätte ich nicht klatschen können, denn das war genau genommen eine ohrfeige, und wer das nicht sieht, der sieht es eben nicht.
aber all das ist off-topic. hier ging es um gauck, den weltmeister im "freiheit"-pro-minute-sagen.

Emma in Uniform 18.10.2011 | 22:54

@davidjordan

Schöner Kommentar, obschon

"Wenn wir alle Smartphones von Apple haben, kann es uns ja gar nicht schlecht gehen, wie Ankenbrand und Bernau meinen"

eben genau der unkritische mittelständische Konsum von Ich-Geräten wie u.a. "Smartphones" beweist wie "schlecht" es um uns bestellt, wie lahm, verantwortungs- und fühllos wir sind, dass wir ein kleinkindisches Haben-Und-Sich-Wohlfühlen-Wollen
(Flash Chill) kilometerweit über die Entrechtung, Ausnützung und monopolistischer Erpressung stellen.

Right on!

claudia 19.10.2011 | 07:21

>>Ich ärgere mich auch über die dümmlichen Kommentare von Gauck - aber wer hätte etwas anderes erwartet?
Eben.
Desgleichen die Versuche von "Ätzengel" Gabriel und ein paar anderen Clowns, sich als "Spitze der Bewegung" darzustellen. Wenn sie es nicht täten würden wahrscheinlich Parteispenden gestrichen.

>>Und vor allem: Wollen wir uns nicht mit wichtigerem beschäftigen?
Davon sollten wir uns nicht abhalten lassen durch die professionellen Volksbetrüger, das sehe ich auch so. Breite Diskussionen anzufachen über erwartbare Reaktionen von oben ist kontraproduktiv.

lebowski 21.10.2011 | 14:52

Wenn ich das richtig sehe, war doch wohl die evangelische Kirche in Zonistan die Erfinderin aller albernen Protestformen.
Von Mahnwachen über Friedensgebeten bis zu Podiumsdiskussionen: man hat die Stasi-Schergen so lange zugebetet bis die entnervt die Waffen gestreckt haben.
Ich könnte das auch nicht gut haben, von einem evangelischen Pfarrer wie Gauck permanent mit Nächstenliebe belästigt zu werden.