Zu spät für Pessimismus

CO2-Bombe Gelbe Holzkreuze und ein Protest aus der ­Mitte der Gesellschaft. Ein Besuch in ­Brandenburg

Auf dem Weg nach Neutrebbin fährt man an Dutzenden von ihnen vorbei: gelbe Zeichen aus gekreuzten Latten. So dünn besiedelt die Gegend sein mag, in Sachen Widerstand gegen die Kohlendioxid-Verpressung lassen sich die Brandenburger nichts vormachen. Wer kein Holz-Mahnmal in die Einfahrt stellt, hat ein Transparent herausgehängt. Oder fährt zur Kundgebung nach Beeskow. Immer vorbei an den gelben Kreuzen.

Vor ein paar Tagen erst haben dort mehr als 2.000 Menschen gegen unterirdische CO2-Lagerstätten in der Region demonstriert – in einer Kreisstadt mit gut 8.000 Einwohnern. Umweltschützer hatten den „Dicken Turm“ erklettert, die Freiwillige Feuerwehr war da, eine Schülerkapelle spielte. Vor der Bühne stand der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von Marwitz, die örtliche Linken verteilten Luftballons und der SPD-Bürgermeister sprach von parteiübergreifender Einigkeit. Irgendwann fiel natürlich auch das Wort vom „Protest aus der Mitte der Gesellschaft“.

Nicht nur in Beeskow und Neutrebbin ist das in diesen Wochen mehr als eine Phrase. Die Sorgen vor den Risiken eines CO2-Lagers sind so groß wie der Frust über die Politik. In Potsdam, regiert eine rot-rote Koalition, welche die CCS-Technologie als „wichtige Option“ ansieht und sich zumindest für ihre Erprobung stark macht. Die Linkspartei, die im Wahlkampf noch dagegen war, ist schier zerrissen. Als ihre Wirtschaftsminister Ralf Christoffers einen Vorstoß zur Verkürzung des Klagewegs gegen CCS-Projekte machte, tobte nicht nur die Ökologische Plattform. Selbst die eigene Landtagsfraktion distanzierte sich und Christoffers musste einräumen, die „emotionale Betroffenheit“ in der Bevölkerung falsch eingeschätzt zu haben.


Natürlich weiß der Minister, dass es nicht bloß um Gefühlslagen geht, sondern um Interessen. Ohne CCS-Technologie steht die Braunkohleverstromung in der Lausitz auf dem Spiel – und mit ihr ein Wirtschaftsfaktor. Wenn ab 2013 die Zertifikate für den CO2-Ausstoß voll bezahlt werden müssen, fallen die Erlöse in den Keller. Es sei denn, das Kohlendioxid kann bei Neutrebbin oder Beeskow in die Erde gepumpt werden. Vattenfall hat zwar angefangen, seine Politik zu überdenken. Die Laufzeitverlängerung für Atomkraft setzt den Braunkohlestrom zusätzlich unter Wettbewerbsdruck. Bisher aber bleibt das Unternehmen auf Kurs, sogar neue Tagebaue sollen erschlossen werden.

Dann werden wieder Dörfer abgebaggert, und wieder steht das Schicksal der Einheimischen gegen mehrere Tausend Jobs im Land, die direkt oder indirekt vom schwedischen Energiekonzern abhängen. Menschen gegen Menschen, Landschaft gegen Gewerbesteuer. Auch das gehört zum Brandenburger Streit um die CCS-Technologie.

In Neutrebbin und Beeskow haben sie derweil die nächsten Aktionen gegen die „CO2-Bombe“ geplant. Denn der Tag X wird kommen, wissen die Bürgerinitiativen. Jener Tag, an dem Vattenfall die Erkundung beginnt – auf dem Land der Bauern, den Grundstücken der Anwohner, in „der Mitte der Gesellschaft“.

Auf der Kundgebung in Beeskow vor ein paar Tagen haben sie sich Mut zugesprochen. „Für Pessimismus“, rief da einer von der Bühne, „ist es jetzt zu spät.“

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Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden

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