Beat Beat Brandenburg

Kino Das Achtung Berlin Filmfestival wirkt stellenweise wie ein Forum für Uni-Abschlussfilme über Beziehungsprobleme. Doch es gibt bemerkenswerte Ausnahmen
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Eingebetteter MedieninhaltHandy wegwerfen im Grünen, eine Urszene des jungen deutschen Kinos

Unter all den zahllosen Berliner Filmfestivals hat das Achtung Berlin Festival, das vergangene Woche zu Ende ging, sich die eigentlich schöne Aufgabe gestellt, junges Kino aus Berlin und Brandenburg zu präsentieren. Dass dieses Unterfangen aber gelegentlich wie ein exklusives Festival für Abschlussfilme der beiden großen örtlichen (sowie einiger anderer) Filmhochschulen anmutet, liegt nur teilweise in der Natur der Sache. Denn es gibt in der Region natürlich auch eine rege freie Szene, die größtenteils ohne akademische Infrastruktur auskommen muss. Von den zehn Filmen im Spielfilm-Wettbewerb lässt sich dieser Szene am ehesten noch einer zuordnen, und zwar Mandy – Das Sozialdrama von Aron Craemer, der am Ende sogar zwei lobende Erwähnungen erhalten hat, nämlich für die Produktion (Craemer selbst mit Hauptdarstellerin Mandy Rudski und Oliver Kolb) und die Schauspielerin Nadine Dubois. Craemer ist mit Jahrgang 1968 freilich der Älteste im jungen Kino, und sein Film hat mit Eva Bay immerhin auch ein diesjähriges Jurymitglied (Mittellang/Kurz) im Cast.

Das Festival eröffnen durfte aber Luise Brinkmanns Beat Beat Heart, ihr Abschlussfilm an der Internationalen Filmschule Köln, der der restlichen Filmwoche auch thematisch einen gewissen Ton vorgab: Junge Großstadtaussteiger bearbeiten in den Brandenburgischen Wäldern ihre vielfältigen Liebeswirren. Nicht fehlen dürfen dabei ein Generationenkonflikt und die wohldosierte Selbstreflexivität auf das Thema Film/Theater. Denn wo die nach einer schmerzhaften Trennung zu ihrer Tochter (Lana Cooper) aufs Land geflüchtete Mutter (Saskia Vester) schließlich ihr provisorisches Bett aufgestellt bekommt, ist die Bühne eines neu aufzubauenden Lichtspieltheaters, in dem nach dem unvermeidlichen Happy End dann auch wieder Liebesfilme gezeigt werden dürfen.

In pochenden Funkzellen

Einen deutlichen Wiedergänger hat der Eröffnungsfilm in dem weiteren Wettbewerbsbeitrag Rakete Perelmann, Oliver Alaluukas‘ Abschlussfilm an der Filmuni Babelsberg. Hier sucht die frisch getrennte Jen Trost in einer kommunardischen Theatergruppe in der Uckermark und gerät, gespiegelt durch Ibsens Hedda Gabler auf der Bühne, zwischen zwei Männer. Entsprechend der Vorlage endet das Ganze diesmal immerhin böse (wenn auch nicht ganz so wie in der Vorlage). Die Stadtflucht beginnt aber mit der recht unoriginellen Seebestattung desjenigen Objekts, das wie kein zweites die urbane Netzwerkgesellschaft der Gegenwart symbolisiert, vor der hier die Flucht ergriffen wird: dem Mobiltelefon.

Eine parallele Szene gibt es in dem Kurzfilm In pochenden Zellen, mit dem Richard Kranzin sein Studium an der Beuth Hochschule Berlin abschloss. Auch hier klopft es gewaltig in den Herzen und Körperzellen der vier großstädtischen Ausreißer (schön ordentlich zwei Männchen und zwei Weibchen), aber irgendwann eben auch in den Funkzellen eines Handys, über das eine einengende Freundin den gerade seine Liebe für einen Mann entdeckenden Friedrich an die zurückgelassen geglaubte Unfreiheit erinnert. Doch auch die Freiheit wird als Zwang inszeniert, Friedrich wirft sein Handy nämlich nicht freiwillig ins Wasser des Naturschutzgebiets Barnim, sondern sein Geliebter hat es ihm weggenommen. Weil der ihn aber für seine alte Identität nicht mit einer neuen Liebe entschädigen kann, tritt Friedrich aufgebracht wieder den Heimweg an. Am Ende sind sie alle allein, jede*r auf einsamer Rückkehr in die Zivilisation. Vor dem Scheitern dieser Flucht aber gab es hier, wie in den genannten großen Geschwisterfilmen, pochende Beats und viel orgiastisch nackte Haut.

Pseudoporno vs. Paartherapie

Wie das gesamte Festival wurde übrigens jedes der vier Kurzfilmprogramme von einem solchen Herzklopfen- also Beziehungs- und/oder Partnertauschfilm eröffnet. Den Anfang machte die pseudopornöse Persiflage dieses Themas, (Le) Rebound der Kalifornierin Laura Beckner, in dem die (welch eine Überraschung!) frisch getrennte Claudia, gespielt von Beckner selbst, auf einem wunderschönen französischen Chateau eben einen solchen sucht und gleichzeitig nicht sucht. Denn eigentlich braucht sie beim Sex Vertrautheit. Nach langer Ziererei und einem glücklosen Vierer mit Partnertausch wird sie aber schließlich doch davon überzeugt, dass man auch Fickfreunden vertrauen kann. Auch dieser toll fotografierte Film bietet den beiden Frauenfiguren zahlreiche Gelegenheiten, ihre schönen Brüste in die Kamera zu halten. Auf (vor allem männliche) Geschlechtsteile wartet man allerdings vergebens, daran ändert auch die (Film im Film!) gescheiterte Inszenierung eines Blowjobs im Schlosspark nichts. Unter dem prätentiösen Pornoflair schlummert schließlich doch eine peinvolle Prüderie.

Ganz anders der Kurzfilm Spieleabend von Katharina Antonia Popov, wie (Le) Rebound einem der wenigen Festivalfilme ohne akademische Netzwerke, auch wenn Popov bereits 2015 mit ihrem ersten Langspielfilm Viertelmonat beim Achtung Berlin lief. Nacktheit ist in Spieleabend zwar omnipräsent, dies aber paradoxerweise nur in Form von fleischfarbenen Ganzkörperanzügen, die die sechs Figuren (diesmal drei Paare) den ganzen Film über tragen. Es geht also bei diesem dreifach gefilmten Speeddating letztlich weniger um körperlich-sexuelle als um seelische Nacktheit und zugleich um Anonymität. Und was auf dem Filmplakat wie die Vorschau eines flotten Wannen-Sechsers (pun intended) anmutet, entpuppt sich letztlich als Therapiegespräch. Denn es geht hier ausnahmsweise mal nicht um die verführerischen Wirren des sich-Trennens und Neuverliebens, sondern um die Mühen des Zusammenbleibens (dies anscheinend ein Vorrecht des Nicht-Erstlingsfilms, wie etwa – wenn auch nach arg konstruiertem Plot mit anderem Ausgang – ebenso im Gewinner-Langspielfilm Die Hannas von Julia C. Kaiser, die dazu den Preis für das beste Drehbuch bekam). Denn auch wenn im ernsten Spiel die Konflikte schonungslos zutage treten, bietet diese Öffnung am Ende zumindest die Möglichkeit einer erneuten Annäherung.

Stilwille vs. Mumblecore

Spieleabend liefert mit seiner fast klassisch anmutenden Form, etwa der absoluten Einheit von Raum und Zeit, aber auch mit seinen experimentellen Elementen: der Ganzkörperverfremdung, den Cross-Cuts sowie der konsequenten Selbstreflexivität der sich hier ununterbrochen selbst und gegenseitig filmenden Kameras, auch formal ein erfrischendes Gegengewicht zu seinen Realismus vorspiegelnden Geschwistern. Er kommt dabei dennoch dem realen, alltäglichen Leben näher als die meisten pseudoauthentischen Mumblecore-Inszenierungen.

Einen ähnlich großen Stilwillen beweist Jakob Fischer (Filmuni Babelsberg) mit Von neun bis elf. Das verdächtige Sujet einer Abifahrt an die Ostsee inszeniert er als Petit Prerow Hotel mit Sanatoriumscharakter, das vergessen hat, seine Antidepressiva zu nehmen. Die etwas überspannte Hannah muss sich ein Zimmer mit der Außenseiterin und Buchleserin Flora teilen, obwohl sie die eigentlich gar nicht mag. Der als einziger noch erlebnishungrige Nico wartet in der verlassenen Lobby vergeblich auf seinen gipsbeinigen Zimmerkameraden Theo und auf das Ende des Dauerregens. Theo aber hatte nach der Trennung von Hannah versucht sich umzubringen und will jetzt nichts sehnlicher als nochmal mit ihr zu reden. Hannah freilich will davon nichts wissen, und während sich damit die einen, die sich sicher einiges zu sagen hätten, im Zimmer anschweigen, kommen in der Lobby die beiden anderen ins Gespräch, die, weil sie sich eben nicht viel zu sagen haben, bisher nie miteinander gesprochen haben. Auch wenn Figuren und Stimmung vielleicht etwas zu holzschnittartig und plakativ geraten sind, ist Fischer die Atmosphäre dieser Abifahrt doch insgesamt beeindruckend bedrückend gelungen.

Noch einen Schritt weiter geht freilich Fischers Unikollege Maximilian Villwock mit seinem Gewinnerkurzfilm Panda III. Die Geschichte eines schwulen Liebespaars, dessen Wege sich nach einem gemeinsamen Autodiebstahl wieder trennen, erzählt er ganz ohne Worte nur durch die Sprache seiner neohopperschen Bilder von leuchtender Verlassenheit. Das ist Filmkunst in einem emphatischen, ursprünglichen Sinn und insofern auch preiswürdig.

Lernt erstmal Drehbuchschreiben!

Der Rezensent hätte den Hauptpreis allerdings doch lieber bei der herrlich skurrilen, neo­surrealistischen absurde-Welt-Vision Milch Kaputt 3 Papier von Tim Kochs gesehen, der damit sein Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin abschloss. Kochs erzählt die nun bekannte Geschichte von Freundschaft, Liebe und Angst auf völlig unkonventionelle Weise mit großartigen Bildern in brandenburgischen Tarkovskij-Traumlandschaften mit gephotoshoptem märkischem Matterhorn und Therapiesitzungen im nicht nur sprichwörtlichen Kleiderschrank, dass man ihm dann auch die Gasmaske verzeiht, die hier immerhin einen weit weniger überflüssigen Auftritt hat als in Beat Beat Heart. Kochs könnte sich nun freilich über den dieses Jahr zum ersten Mal vergebenen Preis für den "mutigsten Kurzfilm" freuen, - wenn der nicht ausgerechnet mit einem Drehbuch-Seminar beim Sponsor Filmgeist dotiert wäre, als sollte mutig letztlich bedeuten: Lernt doch lieber erstmal Drehbuchschreiben! Dabei war eben das fertige Drehbuch von Jonas Lindt erst der ursprüngliche kreative Impuls für diesen Film.

Aber immerhin gab es überhaupt zwei Kurzfilmpreise, sogar zweieinhalb, wenn man den Preis für den besten Dokumentarfilm mittellang/kurz dazuzählt, der dieses Jahr allerdings an den mittellangen Film Garten der Sterne über einen etwas anderen Friedhof in Schöneberg ging, den die freien Filmemacher Stéphane Riethauser und Pasquale Plastino auch selbst produziert haben. Dieser Film beleuchtet damit ein neben der Liebe weiteres großes Thema dieses Festivals: den Tod. Beide auf einmal behandelt sehr eindringlich ein weiter mittellanger Spielfilm, Hans Henschels beeindruckender Was ich dir noch sagen wollte (Filmuni Babelsberg). Aber seit wann wären denn Liebe und Tod nicht die größten Themen jeglicher Kunst?

Wo bleibt die Politik?

Es gab freilich daneben zum Glück noch andere, zum Teil auch abseitigere Themen, etwa Esteban Riveras äußerst faszinierenden Kurzfilm Firmamentum Continuitas über eine erstaunliche Zusammenarbeit zwischen Vatikan und Sowjetunion über die gleichnamige Enzyklika Pauls VI (Universität der Künste, Berlin). Oder den bereits preisgekrönten Psychothriller Freddy/Eddy von Tini Tüllmann, die am Ende neben der besten Regie auch den Preis für die beste Produktion bekam, die sie ohne Uni (dafür mit prominenter Besetzung) und ohne Geld (außer 75000 Euro aus eigener oder Papis Tasche) selbst gestemmt hatte.

Auffällig ist allerdings ein gewisser Mangel an politischen Themen, besonders bei den Spielfilmen, wo allenfalls mal das unvermeidliche Thema Migration behandelt wurde. In der unscheinbaren Dystopie von Spieleabend explodiert immerhin unbeachtet in den Radionachrichten in einem fiktiven Stadtzentrum eine Atombombe (eine schöne Anspielung an den Radioversprecher am Anfang von Und täglich grüßt das Murmeltier). Vor allem aber die Dokumentarfilme boten etwas mehr Abwechslung. Nora Fingscheidts Ohne diese Welt etwa, ihr Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg über eine Mennoniten-Kolonie in Argentinien, der bereits den Max-Ophüls-Preis gewann, zeigt einmal, was echte Weltflucht ist. Diese Aussteiger müssen ihre Handys nicht erst wegschmeißen, denn ihre Religion verbietet ihnen neben Fernsehen und Radio sogar einen Festnetzanschluss.

Und was soll man auch jammern? Es gab auf diesem Festival viele gute, einige herausragende Filme zu sehen. Und auch wenn der Anteil an weniger gut vernetzten, unabhängigen FilmemacherInnen noch größer sein könnte, sind einige von ihnen immerhin auch unter den Preisträgern vertreten. (Dass aber 50 Prozent aller gezeigten Filme von Frauen gedreht wurden, darf indes uneingeschränkt bejubelt werden. Es sei denn, das Festivalteam selbst bräuchte irgendwann gar eine Männerquote: Es besteht zu 90 Prozent aus Frauen, bei allerdings zwei männlichen Chefs.) Das Achtung Berlin Festival für junges Kino aus Berlin und Brandenburg ist mit seinen 13 Jahren selbst jung und hat zum Wachsen und Reifen noch Luft nach oben. Und das sollte auch gut so sein.

19:07 03.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tom Wohlfarth

Politische Theorie, Kultur- und Sozialphilosophie; Autor und Blogger: www.tom-wohlfarth.de
Tom Wohlfarth

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