Das Kind in uns

Literatur Thomas Hettche erzählt die Geschichte der „Augsburger Puppenkiste“ als Roman
Das Kind in uns
Dies sind die langhalsigen Furien des Höllenfürsten Pluto aus dem Stück „D. Joannis Fausti“

Foto: Stefan Puchner/dpa

Wissen Sie: In jedem Menschen lebt ein Kind, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig. Und dieses Kind, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft, dieses Kind in uns bedeutet bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft.“ So lässt der Autor Thomas Hettche in seinem Roman Herzfaden den Schriftsteller Michael Ende vielleicht dessen gesamten Kern formulieren.Denn dieses Kind in uns allen ist vermutlich die wichtigste Leser:in, die Hettche mit seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman der Augsburger Puppenkiste im Sinn hat, der gleichwohl kein Kinderbuch für Erwachsene ist.

Hettche erzählt die Geschichte von Deutschlands berühmtester Marionettenbühne – und geradezu einer bundesrepublikanischen Institution – als Geburt des Puppentheaters aus den Schatten des Zweiten Weltkriegs. Damals mussten die Kinder viel zu schnell erwachsen werden, und die Erwachsenen hatten Mühe, auch nur ihre äußere Haut zu retten. Umso wichtiger, dass die Puppenkiste sich um die inneren Kinder zu kümmern unternahm.

Sie sind geheime Verwahrer

Es ist das Ende der Kindheit für die acht- und neunjährigen Töchter der Augsburger Schauspieler Walter und Rose Oehmichen, als der Vater im Spätsommer 1939 in den Krieg muss. Doch an der Front entdeckt er neben all dem Schrecklichen auch die heilende Kraft des Puppenspiels für geschundene Soldatenseelen und baut, ab 1940 wieder zu Hause, gemeinsam mit Frau und Töchtern sein erstes Marionettentheater. Dieser „Puppenschrein“ verbrennt 1944 bei einem Bombenangriff, wird aber 1948 als „Augsburger Puppenkiste“ wieder eröffnet und schließlich ab 1953 im gerade erst auf Sendung gegangenen deutschen Fernsehen landesweit bekannt.

Eingebettet hat Hettche diese entlang der historischen Daten erzählte Geschichte von Oehmichens Theater in eine Handlung, die zwar in der Gegenwart spielt, dafür aber noch märchenhaftere Züge trägt als die verbürgte Historie. Ein junges Mädchen verirrt sich nach einer Vorstellung der Puppenkiste auf den dunklen Dachboden des berühmten Hauses in der Augsburger Spitalgasse. Es schrumpft dort auf Marionettengröße und trifft all die fantastischen Freunde seiner Kindheit wieder, für die es sich eigentlich schon längst zu alt gehalten hat. Vor allem aber trifft es dort auf die längst verstorbene Tochter Walter Oehmichens, Hannelore, genannt Hatü, die das Theater mit berühmt gemacht hat und nun seine Geschichte erzählt.

Diese komplex und kunstvoll ineinander verschachtelte, im Buch durch verschiedene Textfarben kenntlich gemachte Erzählkonstruktion ermöglicht es Hettche, die Geschichte in mehrfach gebrochener Weise aus Erwachsenen- und Kinderperspektive zugleich zu erzählen. Die Marionetten werden dabei sowohl zu Trostspendern als auch zu geheimen Verwahrern der für Kinderaugen nur halb zu verstehenden Schrecken des Krieges. Die beiden Puppen, die der Vater aus der Gefangenschaft mitbringt, sind bezeichnenderweise ein Storch – symbolischer Lebensbringer – und ein Gevatter Tod. Und Hatüs erste eigene Marionette, die sie in der Kinderlandverschickung schnitzt, ist ein Kasperl mit Hakennase und furchterregendem Grinsen, unbewusst hat Hatü antisemitische Klischees eingezeichnet.

Die besondere Magie des Theaters besteht für Walter Oehmichen darin, dass die Puppen nicht wie Schauspieler nur eine Figur spielen, sondern mit dieser Figur identisch sind. Zumindest wenn ihnen über die unsichtbaren Fäden Leben eingehaucht wird. Der wichtigste Faden, lehrt er seine Töchter, ist der „Herzfaden“: Erst der „Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht“. Und diese kriegsversehrten Herzen berühren die Oehmichens mit ihrer Puppenkiste, in der sie zunächst Märchen aufführen, von Anfang an. Doch dem besonderen Ensemble aus Trümmerkindern, das Walter Oehmichen für sein Theater um sich geschart hat, reichen die alten Märchen bald nicht mehr. Sie wollen etwas auf die Bühne bringen, das wirklich mit ihnen und ihrer Gegenwart zu tun hat – und finden es schließlich in Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz: Die Geschichte um einen abgestürzten Fliegerpiloten und einen einsamen, überirdischen Jungen bescherte der Augsburger Puppenkiste 1951 den endgültigen Durchbruch.

Modernes Erlösungsmärchen

Und sie finden es später in Michael Endes Jim Knopf, in dem es zwar eine Auseinandersetzung mit einer sonderbaren Form von Rassenideologie unter bösen Drachen zu geben scheint, der aber ganz bewusst statt auf Drachentöter lieber auf Verwandlung und „Reeducation“ setzt. Endes Roman wurde 1961 von der Puppenkiste zur ersten deutschen Fernsehserie adaptiert.

Diese für sich schon mehr als romantaugliche Nachkriegs-Erfolgsgeschichte veredelt Hettche noch mit einem modernen Erlösungsmärchen, in dem außer dem Kriegskasperl und den beliebten Helden der Puppenkiste (etwa noch Urmel und Kalle Wirsch) auch ein auf dem Dachboden der Fantasie passenderweise empfangloses iPhone eine Rolle spielt. Wie Thomas Hettche hier die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und ihrer Gründer:innen mit den Geschichten ihrer hölzernen Bewohner und mit einem modernen Märchen verknüpft, das ist hochspannend, hinreißend – und das ist große Kunst. Die märchenhafte Erzählung eignet sich übrigens bestens auch fürs Hörbuch. Wer in der Audio-Ausgabe des Argon-Verlags für die (kürzere) Rahmenhandlung das heisere Krächzen Christian Brückners erträgt, wird dadurch umso mehr durch die bezaubernde Valery Tscheplanowa als Erzählerin von Hatüs Geschichte belohnt.

Info

Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste Thomas Hettche KiWi 2020, 288 S., 24 €

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06:00 30.09.2020
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Ausgabe 43/2020

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