Liberale Märchen

Essaysammlung Der indische Intellektuelle Pankaj Mishra kritisiert hellsichtig die westliche Weltsicht
Liberale Märchen
Mishras Essays verstehen sich als notwendiges Gegenmittel zu diesem Stupid-White-Mansplaining

Foto: Nina Subin

Man ist sich nicht immer ganz sicher, ob Pankaj Mishra nun vor allem die eklatante Missachtung nicht-westlicher Perspektiven durch die globale „Mission“ der liberalen Demokratie anprangern will oder doch eher die Blindheit von zum Beispiel einem Ta-Nehisi Coates für die emanzipatorische Feigenblattpolitik eines Barack Obama. Vor der Lektüre von Freundliche Fanatiker ist man zunächst ein wenig enttäuscht, dass Mishras erstes Buch seit seinem Bestseller Das Zeitalter des Zorns (2017) nicht als neue große Monografie daherkommt, sondern als eine Sammlung von Essays, die er in den vergangenen mehr als zehn Jahren für diverse Zeitungen geschrieben hat. Doch die Beiträge des Bandes sind so einschlägig zusammengestellt und vom Autor eingeleitet, dass man sie fast als geschlossene Abhandlung lesen kann, die die Themen und Thesen seiner zeitgleich entstandenen Bücher bestens ergänzt.

Einen roten Faden dafür liefert der US-Theologe Reinhold Niebuhr, der 1957 die großen Totalitarismen Faschismus und Kommunismus von den „kleineren Bösewichtern der Geschichte“ abgrenzte: Zu Letzteren zählte er vor allem „die freundlichen Fanatiker der westlichen Zivilisation“, die im vermeintlich wohltätigen Export von Demokratie und Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg letztlich eine Fortsetzung ihres Imperialgehabes unter den Bedingungen des Postkolonialismus verfolgten. Die Frage nach der Größe historischer Bösartigkeit wirft Mishra schließlich auch selbst auf, wenn er darauf verweist, dass Hitlers rassistischer Nationalismus nicht zuletzt vom britisch-amerikanischen kolonialen Imperialismus inspiriert war.

Mishra geht es hier keineswegs um Holocaustverharmlosung, sondern darum, größere historische Zusammenhänge aufzuzeigen. „Es waren der Wettlauf um Territorien und Rohstoffe, den britische Sklavenhalter und Kolonialisten begannen, und das nachfolgende internationale Wettrennen, (…) die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts so singulär gewalttätig machten.“ Und es gehört freilich zum Anteil der Westalliierten, besonders „Angloamerikas“, dass ihnen das lückenhaft-geschönte Narrativ als Sieger zweier Weltkriege und des Kalten Kriegs noch immer viel zu oft geglaubt wird. Vor allem nach dem „Ende der Geschichte“ 1989 habe es für den Backlash einer neoimperialistischen Fortschrittserzählung des Westens kein Halten mehr gegeben.

Der gute alte Imperialismus

Mishra illustriert das etwa an den publizistischen Umtrieben des britischen Historikers Niall Ferguson, der rund um den Einmarsch der USA im Irak 2003 begann, offensiv für eine Neuauflage der Segnungen des Imperialismus zu werben. Was er der Welt auch sonst gebracht hat – Ausbeutung, Bürgerkriege, Völkermorde –, wird in diesem Dunstkreis nicht so häufig erwähnt oder kurzerhand zum „notwendigen Übel“ erklärt.

Mishras Essays verstehen sich als notwendiges Gegenmittel zu diesem Stupid-White-Mansplaining, auch im Verweis darauf, wodurch viele asiatische Länder nach 1900 in Wahrheit ihren Wohlstand haben steigern können. Denn allen liberalistischen Märchen vom „ostasiatischen Wunder“ zum Trotz waren es nicht Demokratie und freie Märkte – die erfahrungsgemäß ihren Platzhirschen am meisten nutzen –, sondern „staatlich gelenkte Modernisierung und ökonomischer Protektionismus“, die für die Vorkriegs- und Nachkriegswirtschaft Ostasiens (und Deutschlands) bedeutend waren.

Mishras wohlinformiertes Loblied auf die Weltgeschichte des starken deutschen Sozialstaats hingegen nützt uns aus heutiger Sicht wenig, wenn dieser sich angesichts der Covid-Pandemie als handlungsunfähiger erweist, während Angloamerika nach zwischenzeitlichem „Wanken“ wieder zur impfimperialen Tatkraft zurückgefunden hat.

Ist das etwa schon ein Teil der „unerlässlichen Selbsterziehung“, die die „wankenden Staaten“ vor dem längst weit offen stehenden „Abgrund der Geschichte“ bewahren könnte? Es wird wohl wieder Zeit für einen neuen Essay!

Info

Freundliche Fanatiker. Über das ideologische Nachleben des Imperialismus Pankaj Mishra Laura Su Bischoff, Michael Bischoff (Übers.), Fischer 2021, 304 S., 24 €

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06:00 27.05.2021
Geschrieben von

Ausgabe 24/2021

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