Mediale Idiotie

Twitter Horst Seehofer will twittern. Das ist zeitgemäß. Bevor wir uns jetzt das Maul zerreissen, lohnt ein Blick auf die Effekte des Formats
Mediale Idiotie
Heikelste politische Gemengelagen werden auf ein persönliches Gefühl reduziert: „great“ oder – noch öfter –: „sad“

Foto: Drew Angerer/Getty Images

Horst Seehofer will twittern. Am Ende des Monats soll es soweit sein. Das ist folgerichtig. Und selbst, wenn er sagt, das nicht wie Donald Trump tun zu wollen, sehen die Algorithmen das schon anders: Sucht man auf Twitter nach „Horst Seehofer“, erscheinen inmitten all der Fake- und Satire-Accounts, die in den vergangenen Monaten aus dem Boden gesprossen sind, als einzig reale Adressen die beiden des US-Präsidenten.

Auch Seehofers emotiver Politikstil der rechtslastigen, missverständlich-unmissverständlichen Sprüche passt gut zu einem Kurznachrichtendienst, der durch Trump auf eine nicht nur politisch neue Ebene gebracht wurde. Und schließlich ist seine Entscheidung zum Zwitschern wie bei Trump verknüpft mit Kritik an klassischen Medien. Dass Seehofer Trumps Generalangriff relativiert und nur diejenigen kritisiert, die ihn angreifen, zeigt dabei ein vielleicht noch eklatanteres Missverständnis von Pressefreiheit.

Trump hat das „Framing“ perfektioniert, die Rahmung von „alternativen Fakten“ oder „Wahrheiten“ (nur echt im Plural!), die „Fake Media“ (amerikanisch für „Lügenpresse“) verfälscht wiedergäben. Doch nicht nur bei Rechten haben klassische Medien massiv Vertrauen verloren. Das liegt wohl auch an einer Überforderung vieler Bürger angesichts der Komplexität einer Welt, die die „Eliten“ nicht mehr in einfache Modelle zu bringen vermögen, über die man dann abstimmen möchte. 280 Zeichen bieten willkommene Komplexitätsreduktion: Heikelste politische Gemengelagen werden auf ein persönliches Gefühl reduziert: „great“, oder noch öfter: „sad“. Trump regiert per Twitter nicht als politischer Repräsentant, sondern als Privatperson, was man auch daran sieht, dass der offizielle Twitteraccount des 45. Präsidenten der USA vor allem durch eins auffällt: keine Tweets. Von Trumps Privataccount wurde seit März 2009 knapp 40.000-mal getweetet.

Das verstärkt einen Effekt, der sich bei der Kommunikation über Social Media im allgemein beobachten lässt. Kommunikation über Twitter, Facebook, Instagram & Co. trägt – auch da, wo sie sich schriftlich äußert – starke Züge der gesprochenen Sprache (‚written spreech‘ nennen das Linguisten). Diese Vermischung von gesprochener Sprache und schriftlichem Medium gab es schon einmal, am Übergang der oralen zur Schriftkultur vor etwa dreitausend Jahren. Ihre Spuren finden sich in vielen antiken Texten, etwa noch den Homerischen Epen. Ihr Kennzeichen ist eine Sprache voller Wiederholungen, Epitheta („der tapfere Soldat“, „der pfeilschnelle Achill“, „crooked Hillary“) und direkter Ansprachen oder auch Angriffe: die Sprache Donald Trumps.

Privatisierung der Politik bedeutet aber auch Abschottung und Renationalisierung, wie sie im gesamten Westen zu beobachten ist. Sie ist eine Reaktion auf die ökonomische Privatisierung vergangener Jahrzehnte, die im amerikanischen Rust Belt oder in strukturschwachen Teilen Deutschlands die Wählerklientel Trumps oder der AfD erst geschaffen hat. Bei denen kommen der private Präsident, und vielleicht auch ein privater Innenminister, der sich zum 69. Geburtstag über 69 Abschiebungen freut, gut an, weil sie den „Abgehängten“ das Gefühl vermitteln, als private Subjekte etwas zu gelten, wo man sie ökonomisch und politisch rechts liegen gelassen hat.

Man kann das als „große Regression“ verstehen oder darin eine Reaktion auf regressive, neofeudale oder postdemokratische Tendenzen im gegenwärtigen System erkennen. Die lassen sich weder durch Donald- oder Horst-Witze abtun, noch dadurch, Reaktionäre als „Idioten“ zu diffamieren. Idiôtai sind und waren stets nichts anderes als Privatpersonen ohne politische Verantwortung. Verantwortungslosigkeit aber lässt sich nicht durch weitere Entmündigung bekämpfen, sondern nur indem einer privatisierten Gesellschaft wieder eine politische Stimme verliehen wird.

Bei der politischen Privatisierung geht Seehofer womöglich weiter als Trump. Was sich bei diesem in einem neuen Nationalismus zeigt, äußert sich hier als Regionalismus. Nachdem die Bajuwarisierung des Bundes auf zu viel Gegenwind stieß, scheint Seehofer sich nach dem Freistaat zurückzusehnen. In der politisch-privaten Heimat ist es halt am schönsten, vor allem wenn man dann ungestört twittern kann.

06:00 10.08.2018
Geschrieben von

Tom Wohlfarth

Politische Theorie, Kultur- und Sozialphilosophie; Autor und Blogger: www.tom-wohlfarth.de
Tom Wohlfarth

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