Metaphysik aus der Zukunft

Fridays from Future Klimawandel, Digitalisierung, Drohnenkrieg: Unsere Gesellschaft leidet an Sinnkrisen, die sie verlernt hat, als metaphysische zu begreifen. Ein Philosoph gibt Nachhilfe
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Metaphysik aus der Zukunft
Der Drohnenkrieg ist für eine ganze Reihe von Avanessians Argumenten zentral (Symbolbild)

Foto: Joel Saget/AFP/GettyImages

Morgen ist es also so weit. Während die Bundesregierung in Berlin kurz vor dem UN-Gipfel in New York ihr lange erwartetes Klimakonzept vorstellen will, soll zeitgleich der „größte globale Klimastreik aller Zeiten“ stattfinden. Seit nunmehr fast einem Jahr gehen jeden Freitag weltweit Zigtausende bis Hunderttausende junge Menschen im Rahmen der Fridays-for-Future-Demonstrationen für ihre und für die Zukunft des Planeten auf die Straße. Es ist eine Zukunft, die den Herrschenden der Gegenwart weitestgehend abhanden gekommen zu sein scheint. Für sie zählt allenfalls noch, die Zukunft im Hier und Jetzt verfügbar zu machen, aber nicht, sie den zukünftigen Generationen möglichst unbeschadet zu überlassen.

Für den Philosophen Armen Avanessian ist eine solche Konkurrenz von Zeitlogiken das bezeichnende Phänomen einer Gegenwart, die „auf allen Ebenen an Sinnkrisen und Überforderungen“ leide, „die wir verlernt haben, als metaphysische zu begreifen“, also als über das Empirische hinausgehende. So sind für die Zukunft des Planeten keineswegs nur technologische Lösungen gefragt, denn der wissenschaftlich-technische Fortschritt allein kann die mit ihm einhergehenden metaphysischen Probleme nicht lösen. Im Gegenteil, er erzeugt laufend neue: Ob die Menschheit in einer Klimakatastrophe untergeht oder ob sie die individuelle Lebenszeit ins Unermessliche verlängert, wie es der „Transhumanismus“ verspricht: Sie wird in jedem Fall und in wachsendem Ausmaß mit Fragen konfrontiert, die sich empirisch nicht beantworten lassen.

Eine nachmetaphysische Metaphysik

Hier sei eine „Metaphysik für das 21. Jahrhundert“ gefragt, sagt Avanessian – und will mit seinem Buch Metaphysik zur Zeit eine solche liefern. Unausgesprochen tritt er damit auch der These von Jürgen Habermas entgegen, wir hätten heute gerade umgekehrt „zum nachmetaphysischen Denken keine Alternative“. Für Avanessian gilt dagegen: „Es gibt kein Denken außerhalb der Metaphysik, kein metaphysikfreies Denken.“ Denn wovon Habermas das nachmetaphysische abgrenzt, von antipluralistischem Ursprungs- und Identitätsdenken etwa, das würde Avanessian mit Kant eine lediglich dogmatische oder unkritische Metaphysik nennen. Avanessian dagegen versucht sich gewissermaßen an einer “nachmetaphysischen” Metaphysik.

Und obwohl ja die „Metaphysik“ nur eher zufällig so heißt (Aristoteles‘ Metaphysik stand in einer frühen Textsammlung einfach „hinter“ der Physik), geht Avanessian von einem grundlegenden Bezug zwischen Metaphysik und „Physik“, also Naturwissenschaft(en), aus. Allerdings nicht nur in dem oben genannten Sinn, dass der wissenschaftliche Fortschritt Fragen aufwirft, die nur die Philosophie zu beantworten versuchen kann. Vielmehr habe gerade auch die moderne Naturwissenschaft selbst „eine spekulative Dimension“: Atome, Mikroben oder Gene etwa wurden Teil der wissenschaftlichen Theorie und Praxis, lange bevor sie jemals jemand gesehen hat. Und doch ist es nicht zuletzt auch dieses spekulative Element, das unsere Gegenwart in tiefe Sinnkrisen gestürzt hat, in denen die stabil geglaubten Begriffe und Gesetze von Physik wie Metaphysik ins Wanken geraten sind. Diesen Begriffsbeben und theorietektonischen Verschiebungen will Avanessian anhand einiger klassischer Begriffe der Metaphysik nachspüren.

Die Anomalie ist der Normalfall

Nicht ohne Megalomanie versucht er, den gegenwärtigen Weltzustand auf 130 Seiten zu bannen. Dem ist begrifflich nicht immer leicht zu folgen. Und doch ist Avanessians Panorama eindrücklich, als das Bild einer Welt, deren (metaphysische) Kategorien auf den Kopf gestellt sind. So etwa das klassische Verhältnis von Substanz und Akzidenz. Denn bei den unserer Risikogesellschaft drohenden technologischen Unfällen, accidents, stehe eben nicht mehr nur Akzidentielles, Nebensächliches, auf dem Spiel – sondern die Substanz, das System als Ganzes. Das gilt für die Gefahr einer nuklearen Katastrophe wie für den Klimakollaps oder die systemimmanenten Störungen des Finanzapparats.

Hier ist überall die Anomalie zum Normalfall geworden, Avanessian spricht daher von Anormalien. Es sei nun aber gerade die falsche, weil illusorische Reaktion auf diese Anormalien und substantial accidents, anzunehmen, man könne diese Risiken durch mathematische Berechnung kontrollieren. Die Spanne einer solchen sich “in Allmachtsphantasien ergehenden Stochastik (...) reicht dabei von einseitig geführten Drohnenkriegen mit ihrem Versprechen, die Opferzahlen zu minimieren (...) bis hin zu risikominimierten, weil in ihren Vorauswahlen algorithmisch optimierten Paarbeziehungen.” Denn das metaphysische Potenzial des letztlich Unwägbaren seien schließlich gerade die Begegnung mit dem ganz Anderen und die Erfahrung absoluter Kontingenz.

Verpolizeilichung der Politik

Der Drohnenkrieg aber ist für eine ganze Reihe von Avanessians Argumenten zentral. Nicht nur bringt er in den klassischen metaphysischen Dualismus von Leben und Tod eine krasse Asymmetrie: der sichere Tod auf der einen Seite, seine Unmöglichkeit auf der anderen. Er dient auch zur Illustration des Kerns von Avanessians Metaphysik, den er den „Zeitkomplex“ nennt. Die alte Vorstellung einer linearen Zeit, die aus der Vergangenheit kommend durch die Gegenwart in Richtung Zukunft rollt, sei überholt. Heute komme die Zeit uns aus der Zukunft entgegen. Und das gilt nicht nur für Smart-Tech-Giganten wie Google oder Amazon, die zielstrebig daran arbeiten, uns heute schon anzubieten, was wir uns morgen wünschen könnten. Sondern es zeigt sich auch in der sogenannten „präemptiven“ Kriegsführung. Auf den ersten Blick gar nicht so leicht von ‚präventiven‘ Maßnahmen zu unterscheiden, sei sie doch deren genaues Gegenteil. Anstatt etwa durch kluges politisches Handeln das Entstehen kriegerischer Auseinandersetzungen tatsächlich zu verhindern (Prävention), werde im angeblichen Versuch, durch einen präemptiven Militärschlag einen Krieg zu umgehen, dieser im Grunde erst erzeugt. Seitdem Bush und Rumsfeld im zweiten Irakkrieg den preemptive strike zur bevorzugten militärischen Strategie erklärten, sei der „war on terror […] die politische Krankheit, für deren Heilung er sich hält.“

Die präemptive Zeitlogik besteht dabei in dem bislang nur aus der Science Fiction bekannten Szenario, dass vermeintliche Terroristen für Verbrechen bestraft werden, die sie noch gar nicht begangen haben, von denen aber angenommen wird, dass sie sie künftig begehen werden. Die präemptive Kriegsführung ist somit nicht nur Ausdruck einer Zeitlogik, die aus der Zukunft kommt, sie bedeute auch eine besorgniserregende „Verpolizeilichung der Politik“. Es geht hier, wie in den vielen weiteren Beispielen, die Avanessian analysiert – von der Nanotechnologie bis zum Finanzsystem – letztlich um extrem asymmetrisch vermachtete Verhältnisse, in denen einige wenige gesellschaftliche Akteure ein Zeitregime installieren, um die Zukunft in ihrem Sinn zu determinieren.

Keine Furcht mehr vor dem Fremden

So weit die Diagnose. Doch was setzt Avanessians Metaphysik in ihrem Versuch, den Horizont der Zukunft wieder zu öffnen, dem entgegen? Ein Arsenal neuer Begriffe. Und auch hier dürfte es nicht immer leicht fallen, Avanessian zu folgen, wenn er etwa der ‚deduktiven‘ Präemption eine ‚abduktive Prähension‘ gegenüberstellt. Zu skizzenhaft und unkonkret bleiben die Erklärungen oftmals. Und doch lässt sich hinter dem Begriffswald die Konzeption einer neuen Art des Denkens erkennen, als Alternative zum reflexiven Subjekt-Objekt-Denken (man könnte auch sagen: der instrumentellen Rationalität) der klassischen modernen Metaphysik. Ein spekulatives Denken, das die präemptiv determinierte Zukunft wieder öffnet, indem es neue Weltordnungen zulässt und schafft, anstatt nur alte Machtverhältnisse zu reproduzieren. Ein Denken aber auch, das sich auf das Finden und Erfinden von Alternativen konzentriert, statt im reflexiven Reigen der Kritik zu verharren. Denn: „Neues entsteht nicht im reflexiven Rückgang auf schon Vorliegendes oder Vorgedachtes, sondern nur durch weitere Verfremdung. Und die Spekulation lehrt uns, dass es ein Ende haben muss mit der Furcht vor dem Fremden“, auch und gerade im Politischen.

Metaphysik zur Zeit lässt sich somit zwar wohl nur als erfrischend unorthodoxe Einführung in die klassische Metaphysik lesen – nämlich qua Gegensatz –, sehr wohl aber als Einstieg in die Theorien des Spekulativen Realismus oder des Akzelerationismus, auf die Avanessian sich bezieht, – ein Stück weit aber auch als politisches Manifest. Das Buch ist damit zugleich eine Art Summe von Avanessians Arbeit der vergangenen Jahre geworden, was sich nicht zuletzt an der ungemeinen Gedankendichte auf engem Raum ablesen lässt. Aber man muss Avanessian keineswegs in allen Punkten bis ans Ende folgen oder auch nur all die sich bisweilen überschlagenden Begriffssalven genau verstehen, um aus seinem Buch eine anregende Perspektive auf die politisch-philosophischen Probleme der Gegenwart und Zukunft zu gewinnen.

Eine längere Fassung dieses Beitrags erschien zuerst bei demokratiEvolution.

Armen Avanessian, Metaphysik zur Zeit, Merve 2018, 136 Seiten, 12 €

09:09 19.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tom Wohlfarth

Politische Theorie, Kultur- und Sozialphilosophie; Autor und Blogger:www.tom-wohlfarth.de
Tom Wohlfarth

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