Tom Wohlfarth
09.02.2017 | 18:52

Welt ohne Ordnung

Zukunft Der Philosoph Armen Avanessian hat am Strand von Miami ein Buch geschrieben und dort die Zeichen einer künftigen Weltordnung entdeckt: einer Welt ohne Ordnung

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Tom Wohlfarth

Welt ohne Ordnung

Spekulativer Strand

Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

Was vermag gegenüber den vielfachen Krisen dieser dunklen Zeit noch die Philosophie? Was tut der heutige Intellektuelle, während die Welt vor die Hunde und die westlichen Demokratien baden gehen? Richtig: Er geht selber baden. Aber nicht um dem Untergang zu entfliehen, sondern um ihn besser zu sehen und ihm etwas entgegenzusetzen. Also nicht am Baggersee um die Ecke, sondern in Miami Beach. Das lässt dann außerdem auch den heutigen urbanen Bildungsprekär nach Richard Florida fast noch einmal wie Florida-Rolf erscheinen.

In diesem Fall handelt es sich um den Philosophen und Literaturtheoretiker Armen Avanessian, der glücklicherweise vom ArtCenter South Florida für einen Künstler gehalten wurde, das ihn deswegen vergangenen Herbst zu einer artist residency nach Miami einlud. Daraus ist nun das Buch Miamification entstanden. Für Avanessian, der eine Zeit lang etwa jeden Monat ein Buch herausgegeben hat und seit den erfolgreichen Merve-Bänden #Akzeleration und #Accelerate als Promoter des Akzelerationismus recht viel in der Welt herumfährt, ist es das erste eigene Buch seit einigen Jahren. Und eben das ist eine Hauptfrage von Miamification: Wie kann man zwischen prekärem Jetset und digitaler Bohème eigentlich noch philosophische Bücher schreiben?

Denn auch wenn Avanessian, folgt man ihm auf Facebook, Twitter oder Instagram, als viel gefragter Vortragender, Autor und Herausgeber erscheint, lässt sich damit nur schwer genug Geld verdienen. So ist man gezwungen, von Auftrag zu Auftrag zu hetzen, hat zum eigentlichen Arbeiten keine Zeit, und wenn man dann einmal wieder Zeit hat, ist man ausgebrannt oder von Facebook abgelenkt und kommt so auch zu nichts. Ein Glück also, dass zumindest die moderate Zwangssituation eines internetlosen Interkontinentalflugs auf Avanessian noch aktivierend zu wirken vermag, indem sie in ihm einen „Wunsch nach Standortbestimmung“ weckt.

Transformative Tropen

Damit beginnt Miamification ähnlich wie Avanessians letztes Buch Überschrift im universellen Transit- und Transformationsraum, in der ‚Ruhe in Bewegung‘, im zum-Stillsitzen-Gezwungensein einer längeren Reise (damals war es ein Zug von Berlin nach Wien, aber da gibt es ja inzwischen leider auch schon WLAN). Mit Überschrift, einer radikalen Universitätskritik (auch wenn das Konzept „Kritik“ von Avanessian selbst als dem kritisierten akademischen Paradigma zugehörig kritisiert wird), besiegelte Avanessian seinen Ausstieg aus dem Unibetrieb, der nun also eben die Situation hervorgebracht hat, aus der heraus Miamification entstanden ist.

Und glaubt man dem Autor, entstand das neue Buch ohne Plan, allein aus dem Bedürfnis heraus, die eigenen Arbeitsbedingungen positiv zu wenden, produktiv werden zu lassen und ein post- oder para-akademisches Philosophieren zu entwickeln, das sich nicht in depressiver Vergangenheitsverwaltung erschöpft: „Wie all den nostalgischen Vergangenheitsgenossen mit einer etwas fröhlicheren Zeit- oder genauer: Zukunftsgenossenschaft begegnen, die den Ablenkungen und Asynchronien unserer Existenzweisen etwas abgewinnen kann, ja von diesen lernt? Wie die angebliche Differenz zwischen lebensweltlicher Konkretion und theoretischer Abstraktion nicht nur notdürftig überbrücken, sondern belegen, dass die eine die andere intensiviert?“

Strand und Schreibtisch

Also ab an den Strand und ins wilde Leben! Man kann hier allerdings schon einmal anmerken, dass dieses Setting also zumindest das Prekäre der Arbeitsbedingungen vorübergehend abgeschüttelt haben wird. Denn Avanessian schreibt nicht morgens um fünf nach durchzechter Nacht, weil er um acht im Büro oder wieder im Flieger sein muss, sondern weil er um neun mit seiner Freundin (die ist nämlich auch dabei) schwimmen geht. Die Schreib- und Arbeitsinseln liegen also nicht in einem Meer von anderer Arbeit, sondern im karibischen Ozean der Muße. Da kann man schon auch mal ein bisschen weniger schlafen. Die Muße sei dem Autor natürlich gegönnt, wir freuen uns ja, dass sie dieses Buch hervorgebracht hat. Die Frage ist eben nur, ob es auch ausschließlich im Flieger, von Vortragsreise zu Vortragsreise, also unter wirklich prekären Bedingungen hätte entstehen können. (Das Geld für Avanessians residency stammt immerhin aus einem großen Immobilienverkauf des ArtCenter, also aus eben dem neoliberalen Komplex, dem die Kreativen ansonsten auch die Mit- oder gar Hauptschuld an ihrer Misere zu geben gewohnt sind.)

Also erst einmal noch an den Schreibtisch (auch wenn der in Wahrheit ein zu kleiner Küchentisch ist), wo dann doch der größte Teil des Buchs geschrieben wurde - auch wenn Avanessian immer wieder auch unterwegs noch Notizen in sein iPhone tippt. Aber damit dennoch ab ins Konkrete, Lebensweltliche. Denn davon nimmt Avanessians schreibendes Nach-und Vorausdenken, irgendwo zwischen Tagebuch und Selbstgespräch, Essay und Reisebericht, immer wieder seinen Ausgang. Etwa von den flackernden Fernsehschirmen im Flieger oder von den sozialen Netzwerken, die morgens eben als erstes auf dem Computerbildschirm erscheinen. Die digitalen Profile und Algorithmen werfen dann gleich an Tag 1 eine der bestimmenden Fragen des Buches auf: die nach unserer Zeitlichkeit.

Zeitkomplex

Avanessian hat vergangenes Jahr zu diesem Thema das Buch Der Zeitkomplex. Postcontemporary herausgegeben. Seine Hauptthese: Wir leben in einer aus Zukunft bestimmten, gegenwartslosen Zeit, und das nicht nur irgendwie metaphorisch. Phänomene des „Präemptiven“ in Finanzmarkt, Polizeiarbeit, Militärstrategie und Onlinehandel schaffen eine Gegenwart aus der – meist algorithmischen – Vorwegnahme der Zukunft. An der Börse bestimmt die Spekulation auf zukünftige Entwicklungen die heutigen Preise; präemptiver Militärschlag (preemptive strike) und Polizeiarbeit machen einen bloßen Verdachtsmoment zu einer Wirklichkeit, auf die reagiert wird, als sei sie schon real; Onlinehändler wie Amazon entwickeln aus unserer gesamten Netzaktivität ein algorithmisch-präemptives Persönlichkeitsprofil, das jetzt schon weiß, was wir morgen kaufen werden wollen.

In Miami sieht sich Avanessian nun noch einmal Steven Spielbergs Film Minority Report von 2002 an, in dessen literarischer Vorlage Philip K. Dick die präemptive Polizeiarbeit schon 1956 vorhergesehen hatte, und warnt vor der restriktiven Version des Zeitkomplexes: Es wird hier ja immer nur vorhergesagt, was dann am Ende eben doch nicht passiert. Einer solchen postdemokratischen Auslegung des Zeitkomplexes versucht Avanessian dessen Gewinnung als Möglichkeitsraum entgegenzustellen: Es gehe darum, die Zukunft nicht immer nur als Bedrohung wahrzunehmen (wie es etwa auch in der medialen Präemption von Schreckensszenarien geschehe), sondern ihre positive Potenzialität poetisch-spekulativ auszuschöpfen.

Geologische Science fiction

In der Darstellung des Zeitkomplexes sind die meisten Themen von Miamification nun bereits angedeutet. Zur Sicherheit sind sie übrigens auch alle schon auf dem Buchcover genannt: von Big Data bis Carbon Democracy, von Postkapitalismus zu Technopolitik, von Uber und Non-Arbeit zum Finanzfeudalismus und selbstverständlich zu Trump. Diese Themen werden natürlich nicht annähernd erschöpfend behandelt, aber auch nicht nur assoziativ evoziert. Sie verdichten sich schließlich im Bild der Stadt, „in und mit“ der („aber nicht über“ die) dieses Buch geschrieben wurde. In der „geologischen Science fiction“ von Miami bekommt der Zeitkomplex einen Ort.

„Eine boomende und ständig im Entstehen begriffene Stadt […], die so gut vermarktbar ist, weil sie sich verlässlich an den höchsten Bieter verkauft.“ Die dezentral-chaotische (Un-)Organisationsstruktur der immer werdenden Einwandererstadt, die am südlichen Rand der westlichen Welt auch vom Klimawandel schon katastrophischer betroffen ist als etwa Kalifornien (wie Avanessian durch Hurricane Matthew am eigenen Leib erfährt), – dieses Miamiprämoniert die zukünftigen globalen Machtstrukturen und die schwindende Rolle der USA darin, die bislang kein einzelner Nachfolger zu übernehmen bereit oder fähig erscheint. Das meint Miamification.

Präemptive Poiesis

Aber auch abgesehen von Miami gibt es ein Motiv, dass viele der Themen im Buch zusammenhält: das des Poetischen oder der poiesis. Avanessian wendet sich damit gegen das herrschende ästhetische Paradigma, das sich im sinnlich Wahrnehmbaren erschöpft und etwa Politik auf ihren zumeist boulevardesken Schau- und Sensationswert reduziert. Für Avanessian kann aus bloß sinnlicher Wahrnehmung, aisthesis, kein aktiver Widerstand entstehen. Dazu bedürfe es eines po(i)etischen Zugangs zur Welt. Das begönne etwa bei einer nicht nur provokationshysterischen Aufblasung, sondern vielmehr sprach- und narrationstheoretischen Analyse der Trumpschen Twitteraktivitäten und ihres präemptiven framing.

Sein eigentliches Ziel aber hätte ein solcher poetischer Ansatz darin, nicht nur restaurativ auf das Framing anderer zu reagieren, sondern eigene Frames und mögliche Zukünfte zu entwerfen, spekulativ, fiktional, aber dadurch dennoch Wirklichkeit erzeugend. So lautet ja auch die Grundbedeutung der griechischen poiesis: Herstellen, Machen. Wie Trump – und gegen ihn – also selbst zum Macher, oder besser zum Bessermacher, werden.

Rekursion statt Reflexion

In einem engeren Sinn bedeutet Poetik für Avanessian aber auch das Schreiben über und das Über-und Neuschreiben des eigenen Ich, das Schreiben über Ich, Rekursion statt Reflexion. In Überschrift nannte er das „Poetik der Existenz“, die man ihrer ethischen Dimensionwegen wohl auch eine „Poethik“ nennen könnte (Avanessian selbst spricht von Ethopoiesis). In Miamification ist das ein Denken und Schreiben, das aus dem eigenen Erleben einen existenziellen Auftrag zum poet(h)isch-spekulativen Handeln ableitet.

Das ist nicht wenig. Und wird auch nicht weniger dadurch, dass darin von wenigem viel die Rede ist. Denn es kommt fast alles darin vor. Auch wenn Avanessians rekursiver Reisebericht dadurch natürlich ein Buch ist, das weitergeschrieben werden will, das zu keinem Ende kommen kann, das an seinem Ende wieder an einem Anfang steht. First we take Miami, then we take Berlin… Zum Beispiel am 2. März, wenn Avanessian in der Buchhandlung Walther König an der Miami-, nein: Museumsinsel sein Buch vorstellen wird.

Dieser Text erscheint demnächst auch bei demokratiEvolution.

Armen Avanessian, Miamification, Merve 2017, 136 S., 12 €.

Buchvorstellung am 2. März, ca. 19 Uhr, Buchhandlung Walther König an der Museumsinsel, Burgstraße 27, 10178 Berlin.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.