Warum machen wir das nicht einfach?

Zukunft Wenn die neue Regierung nicht über die Zukunft redet, müssen es eben andere tun. In der Berliner Urania haben einige schon mal angefangen
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Warum machen wir das nicht einfach?
Dynamik, Aufbruch und eine Koalition von gestern. Über die Zukunft müssen solange andere reden

Foto:  Sean Gallup/Getty Images

Beinahe ein halbes Jahr hat sie gedauert, die Regierungsbildung nach der Bundstagswahl im vergangenen Herbst. Und herausgekommen ist nun doch nur wieder dasselbe wie vorher, eine Große Koalition unter Kanzlerin Merkel, die morgen nach langem Bangen endlich in ihrem Amt bestätigt werden wird. Es ist, da sind sich viele Beobachter und Kommentatoren einig, eine Koalition von gestern, ein nur noch nachhallender Abgesang der im Grunde längst an ihr Ende gekommenen Ära Angela Merkels, die sich nur mit letzter Kraft noch einmal an ihr Amt zu klammern vermochte. Statt der wenigstens noch etwas frischen Wind versprechenden Experimente einer Jamaika-Koalition oder einer Minderheitsregierung, statt der bis zuletzt in Teilen der SPD so sehnlich erhofften “Erneuerung” der Partei nun eine erneute alte Groko mit immerhin einigermaßen ausgetauschtem Personal. Der einzige Trost der auch Erneuerung des Landes Erhoffenden dürfte der sein, dass wohl auch keine andere der nach dem Wahlergebnis vom Herbst realistischen Regierungskonstellationen die wirklich wichtigen Zukunftsfragen irgendwie beherzter angegangen wäre als die Groko.

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Umso wichtiger ist es, dass andere diese Zukunftsfragen weiter stellen. Einige von diesen Zukunftsfragern versammelte der Wissenschaftsjournalist Manfred Ronzheimer vorvergangene Woche mit der Frage “Sind wir bereit für die Zukunft?” in der Berliner Urania. Deren Direktor Ulrich Bleyer nannte in seiner Einführung ihre Projekte “die drei wichtigsten Bausteine einer Zukunftsgestaltung”, und auf Gestaltung liegt hier eine Betonung. Denn “Zukunft ist kein Schicksal”, so zitierte Stefan Brandt, Leiter des neu entstehenden Futuriums, “Haus der Zukunft”, einen der Säulenheiligen der Zukunftsforschung, Robert Jungk. Dabei ist das Futurium, nach seiner provisorischen Eröffnung mit einem Tag der offenen Tür vergangenen Herbst, auch selbst noch ein Stück Zukunft. Im Mai werden die drei Ausstellungsschwerpunkte vorgestellt, ”unser künftiges Verhältnis zur Technik, zur Natur und zu uns selbst”, die dann aber erst im Frühjahr 2019 mit der endgültigen Eröffnung des Hauses dauerhaft zu sehen sein werden.

Ähnlich kompliziert wie dieser “Eröffnungs-Fahrplan” ist die Gesellschafterstruktur des Hauses. Immerhin eine Initiative der Bundesregierung, sind auch zahlreiche Stiftungen, Forschungsgemeinschaften und große Wirtschaftsunternehmen beteiligt. Entsprechend soll das Futurium zugleich Museum, Labor, Forum und Bühne der Zukunft sein. Verhandelt werden sollen ”große Themen der Zukunft wie Digitalisierung, Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung, Klimaschutz und Nachhaltigkeit”. Am Ende gehe es aber, so Brandt, doch vor allem um die einfache Frage: “Wie wollen wir leben?”, die das Futurium gemeinsam mit der interessierten Öffentlichkeit ergründen will.

Eine Landkarte für die Zukunft

Wie wir leben werden, hat sich die ganz ohne öffentliche Gelder auskommende Initiative D2030 gefragt, die mit Methoden der Zukunftsforschung Szenarien für Deutschland im Jahr 2030 entwickelt und so eine “Landkarte für die Zukunft” gezeichnet hat, die erst einmal vor allem der Übersichtlichkeit wegen auf Deutschland beschränkt bleibt. Diese Landkarte, die Mitinitiator Klaus Burmeister in der Urania vorstellte, hat die Form eines Diagramms, dessen Achsen zwischen den Polen ”global/offen” und ”regional/eingegrenzt”, sowie zwischen ”materialistisch/’ich‘-orientiert” und ”nachhaltig/’wir‘-orientiert” aufgespannt sind. Die Szenarien changieren entsprechend zwischen dem “spurtreuen” Weiter-so aus globalisiertem Materialismus – mit drei mal mehr, mal weniger optimistischen Varianten – und einem Gegenszenario aus ökosozial-nachhaltiger Abschottung, einer Art grünem Regionalismus.

Dazwischen liegen das nicht ganz unpassend braun gekennzeichnete Szenario eines individualistischen Protektionismus, aber ihm gegenüber auch wieder drei Varianten “neuer Horizonte”, in denen vor allem Politik und Zivilgesellschaft durch Vielfalt gestärkt werden, statt an ihr zu zerbrechen. Natürlich benötigt diese stark abstrahierte Landkarte auch eine ausführliche Legende, in der die einzelnen Szenarien detailliert beschrieben werden. Burmeister wies darauf hin, dass alle Ergebnisse der Initiative für jeden frei im Netz verfügbar sind. Wer es aber darüber hinaus noch ausführlicher haben möchte, kann ab nächster Woche auch das Buch Deutschland neu denken im Oekom-Verlag kaufen.

Die Krise der Demokratie als Chance nutzen

Dass in der Bewertung der Szenarien im Rahmen eines Online-Dialogs wenig überraschend die “neuen Horizonte” als “Wunschraum” erschienen, daran konnte auch die Generalsekretärin des WBGU, Maja Göpel, als Vertreterin des Generationen-Manifests anschließen. Ihrer Meinung nach herrsche ein breiter Konsens darüber, was die relevanten Zutaten für eine lebenswerte Zukunft seien. Umso ratloser werde sie aber angesichts der Frage: “Warum machen wir das dann nicht einfach?” Freilich hatte Göpel hier auch einige pointiert formulierte Antwortversuche parat: In unserer Diktatur des Jetzt seien die Kurzfristigkeit der Politik und die Paralyse der Demokratie letztlich einer Ökonomisierung geschuldet. Wo die Politik wie ein Unternehmen unter dem Zwang stehe, jedes Quartal Gewinne zu erwirtschaften, bleibe eben kein Raum mehr für Zukunftsinvestitionen.

Auf diese Situation will das Generationen-Manifest antworten, das bereits 2013 vor der Bundestagswahl mehr als 100.000 Menschen unterschrieben haben. Nun sind noch einmal 120.000 dazu gekommen. Sie alle fordern von der Politik, den Generationenvertrag als “die älteste Übereinkunft der Menschheit” ernst zu nehmen und sich, etwa bezüglich Frieden und Klima, auch ernsthaft um das Wohlergehen künftiger Generationen zu sorgen. Wenig verwunderlich, dass Göpel auf Ronzheimers Frage hin im neuen Koalitionsvertrag eine solche Sorge eher nicht entdecken konnte. Die AfD habe den ohnehin äußerst schwerfälligen Zukunftsdiskurs vollends paralysiert. Ihr Erfolg verschleiere letztlich auch die eigentliche Notwendigkeit eines Strukturwandels: Die ökonomischen Machtverhältnisse müssten verschoben werden. Im Zuge einer allgemeinen Politisierung müssen wir die gegenwärtige Krise der Demokratie als Chance zu nutzen versuchen.

Im Publikum stieß diese Perspektive auf einige Skepsis, ob das denn überhaupt noch möglich sei. So wundert auch die Antwort auf Stefan Brandts Abschlussfrage nicht. Er beschrieb das Vorhaben des ehemaligen Google-Mitarbeiters Anthony Levandowski, unter dem Namen “Way of the Future” eine allwissende KI-Gottheit zu entwickeln, um eine neue Religion auf sie zu gründen. Würden wir eine solche neue Gottheit etwa der altbekannten Groko vorziehen, fragte Brandt ins Publikum. Das dann vielleicht doch eher nicht. Stattdessen schlug Klaus Burmeister vor, den Zukunfts- und Transformationsdiskurs lieber selbst in die Hand zu nehmen. Er appellierte an seine Podiumskollegen, ihn gemeinsam weiterzuführen, vor allem aber nicht nur beim Diskutieren stehenzubleiben, sondern auch zum Machen überzugehen. Ja, warum eigentlich nicht?

Dieser Text erscheint auch im Rahmen der neuen Blog-Reihe demokraDienstag auf demokratiEvolution

12:56 13.03.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tom Wohlfarth

Politische Theorie, Kultur- und Sozialphilosophie; Autor und Blogger: www.tom-wohlfarth.de
Tom Wohlfarth

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