Wir sind nicht so anders

Literatur Shida Bazyars Roman „Drei Kameradinnen“ erzählt eindrücklich von (post-)migrantischem Leben

Wie die Welt aussieht, hängt von der Perspektive ab. Sieht etwa eine Frau in den Fernsehnachrichten zufällig einmal drei weiße Frauen das Weltgeschehen kommentieren, könnte sie sich freuen, dass hier drei Personen aus einer benachteiligten Gruppe prominent zu Wort kommen. Eine andere Frau könnte sich dagegen ärgern, dass es wieder Vertreterinnen einer privilegierten Gruppe sind. Wenn allerdings in diesem Beispiel die Topnachricht der Prozessauftakt gegen eine rechtsextreme Terrorgruppe darstellt, in dem die Hauptangeklagte eine weiße Frau ist, die für zahlreiche Morde an nicht-weißen Menschen mitverantwortlich ist, liefert das einen kleinen Hinweis darauf, welche Perspektive hier die relevantere sein könnte.

Shida Bazyar verknüpft in Drei Kameradinnen meist beide Perspektiven in einer: die von nicht-weißen Frauen in einer mindestens restpatriarchalen weißen Mehrheitsgesellschaft. Und doch wird auch diese Perspektive von Anfang an infrage gestellt: Nicht nur Opfer von Ausgrenzung und Benachteiligung soll eine von Bazyars Protagonistinnen sein, sondern selbst terroristische Täterin, die „islamistisch“ motiviert das Haus eines Neonazis angezündet habe – wie eine dem Roman vorangestellte Zeitungsnotiz mutmaßt. Bazyars Erzählerin Kasih versucht nun in der Nacht nach dem Brand die wahre Geschichte ihrer wegen Tatverdachts festgenommenen Freundin Saya zu erzählen, bevor „die Presse“ ihre eigene Version davon berichten wird. Die imaginierten Leser:innen sollen dabei in ihrem Zuschreibungsdenken gehörig verunsichert werden. „Ihr wartet auf den Moment, in dem ich erkläre, wer von uns aus welchem Land kommt. (...) Ich sage euch dazu nichts, denn: Wir sind nicht so anders als ihr.“

Kasih, Saya und Hani sind in einer Hochhaussiedlung am Rande einer westdeutschen Kleinstadt aufgewachsen und haben alle ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus gemacht. Hani wurde damals erfolgreich vom Gymnasium ferngehalten. Kasih ist nach ihrem Studium arbeitslos und der Erniedrigung im Jobcenter ausgesetzt. Saya lebt inzwischen im Ausland und gibt politische Workshops für Jugendliche. Kurz vor der Brandkatastrophe kommt sie zu Besuch nach Deutschland zurück, um mit ihren Freundinnen die Hochzeit einer alten Bekannten zu feiern.

Bazyar entfaltet aus dieser Wiederbegegnung mit zahlreichen Rückblenden ein eindringliches Porträt (post-)migrantischen Lebens in Deutschland, aber auch vom Erwachsenwerden und Jungsein überhaupt. Besonders stark ist ihr Text in den Alltagsszenen, der Begegnung mit der Familie des (weißen) Freundes, dem Gespräch mit einer inkompetenten Chefin. Die verschiedenen Perspektiven entschädigen für einige allzu pauschale feministische und antirassistische Ausfälle, die freilich stets mit großem Effekt vorgetragen – und oft genug auch selbst relativiert – werden.

Die Fronten verschwimmen

Einen späten Höhepunkt bildet Sayas Schlagabtausch mit dem erwähnten Neonazi, in dem deutlich wird, dass es neben einseitiger rassistischer und geschlechtlicher Abwertung auch etwas gibt, das beide verbindet: die Erfahrung sozialer Deklassierung. Dieser Punkt kann als Sprungbrett für eine finale Wende dienen, die die ganze Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen durcheinanderbringt, auf deren wichtigster vielleicht eine Erkenntnis durchschimmert: Die harten identitären Fronten im Kampf der drei Kameradinnen um Anerkennung sind nicht nur erzwungenes Mittel zum Zweck, um in diesem Kampf zu bestehen. Sie sind auch Teil des erkenntnisstiftenden Spiels mit Perspektiven, das Shida Bazyar bravourös beherrscht.

Info

Drei Kameradinnen Shida Bazyar KiWi 2021, 349 S., 22 €

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06:00 03.08.2021
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Ausgabe 38/2021

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