Wir wollen uns lebendig

Literatur Eva von Redeckers „Revolution für das Leben“ ist so pointiert wie poetisch – und zeigt, wie begeisternd Philosophie sein kann
Wir wollen uns lebendig
Eine ganz andere Art von Tanz führen die Aktivist:innen von Ende Gelände auf, als sie im Juni 2019 im Rahmen einer Fridays-for-Future-Demo am Braunkohle-Tagebau Garzweiler in goldenen Schutzanzügen die gigantische Grube stürmen, um dort inmitten von Riesenbaggern ausgelassen zu tanzen

Foto: Future Image/Imago Images

Wenn es etwas gibt, worüber sich derzeit viele Menschen einig sind, dann, dass wir in besonderen Zeiten leben. Und in diesen besonderen Zeiten wird der italienische Marxist Antonio Gramsci häufig zitiert: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ Gramsci bezog sich damit in den 1930ern auf seine Theorie der kulturellen Hegemonie im Kampf gegen den Faschismus. Heute wird das Zitat meist auf die Hegemonie des Neoliberalismus seit 2008 und auf die Frage angewendet, warum die gesellschaftliche Linke dieser anhaltenden Krise anscheinend nichts Belastbares entgegenzusetzen vermag. Die neueste, bislang dramatischste Krankheitserscheinung hält die Welt bekanntlich seit Anfang des Jahres in – oder besser gesagt: außer Atem.

Die Philosophin Eva von Redecker zitiert Gramscis Satz in ihrem neuen Buch Revolution für das Leben nicht. Versucht sie doch mit ihrer Philosophie der neuen Protestformen eher umgekehrt zu zeigen, dass „das Neue“ nun endlich doch zur Welt gekommen ist. Redecker meint damit Protestformen, die sich heute gegen den globalen Kapitalismus nicht einfach nur als eine mehr oder weniger ungerechte Wirtschaftsform positionieren, sondern als einen systematischen Zusammenhang umfassender Lebenszerstörung.

Es ist mein Eigentum!

Am augenscheinlichsten tut das derzeit die Bewegung Black Lives Matter, die das bedrohte schwarze Leben bereits im Namen trägt. Aber auch die lateinamerikanischen Feminist:innen von Ni una menos (spanisch für „Nicht eine weniger“) kämpfen gegen Gewalt an Frauen und Femizide unter dem Slogan „Wir wollen uns lebendig“ („Vivas nos queremos“). Wogegen sich schließlich die Aktivist:innen der seit 2018 weltweit boomenden Klimaschutzbewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion wenden, ist nicht die Lebensbedrohung einzelner gesellschaftlicher Gruppen, sondern die manifeste Gefährdung des gesamten Lebens auf dem Planeten.

Was all das mit dem Kapitalismus zu tun hat, kristallisiert sich in dem, was Redecker Sachherrschaft nennt: die historische Singularität des modernen Eigentumsverhältnisses als eines der absoluten Verfügungsgewalt. Diese ist nicht zuletzt dadurch gekennzeichnet, dass der Eigentümer sein Eigentum auch nach Belieben zerstören darf. Redecker nennt als Beispiel hier eine berühmt-beklemmende Traumszene aus Fjodor Dostojewskis Roman Schuld und Sühne, in der der Bauer Mikolka ein lahmendes Pferd in einem Wutanfall totprügelt: „‚Es ist ja mein Eigentum!‘, kreischt Mikolka, die Brechstange in der Hand“ – und lebend hat ihm das lahme Pferd nun mal nichts mehr genützt.

Redecker deutet die Entstehung des modernen Privateigentums als Entschädigung für verlorene Privilegien im Untergang der Feudalherrschaft: unumschränktes Grundeigentum für die ehemaligen Lehnherren, und für die meist von ihrem Land vertriebenen ehemaligen Leibeigenen immerhin eine neue Art von Sachherrschaft, die an Menschen: die moderne Sklaverei und die patriarchale Ehe (sowie ihre heutigen Phantomerscheinungen). All dies bündelt sich schließlich zu einem System kapitalistischer Verwertung, das – wie wir heute wissen – nicht nur auf der brutalen Ausbeutung von Menschen, sondern auch der skrupellosen Plünderung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten beruht. Redecker, die in den 1980er und ’90er Jahren auf einem der ersten Biohöfe Schleswig-Holsteins aufwuchs und heute in einer Landkommune in Brandenburg lebt, vermag die im Klimawandel sichtbar werdenden Folgen dieser Zerstörungsdynamik gegenüber einem Jahrmillionen alten natürlichen Gleichgewicht in plastischer Weise anschaulich zu machen, mit einer bildreichen, geradezu poetischen Sprache, die literarische Beispiele und persönliche Erlebnisse virtuos mit argumentativer Präzision und philosophischer Begriffsarbeit verknüpft. Das Lebenssatte und Kunstfertige ihrer Sprache spiegelt sich auch in der Form des Buchs. Redecker beschreibt den kapitalistischen Abstieg in vier Kapiteln von „Beherrschen (Eigentum)“ über „Verwerten (Güter)“ und „Erschöpfen (Arbeit)“ bis „Zerstören (Leben)“. In der Mitte steht, grafisch abgesetzt, das Kapitel „Revolution“, aus dem Leben, Arbeit, Güter und Eigentum wieder neu, gerettet und regeneriert, solidarisch und umsorgt, hervorwachsen.

Doch auch die Revolution selbst ist etwas Neues und anders als bisherige, etwa die Französische Revolution. Denn während diese in der besitzstandswahrenden Abschaffung alter Privilegien zugleich das „Privateigentum heiligte“, so auch die angebliche neue Demokratie nur zu einer der Besitzenden machte und dadurch die zerstörerischen Exzesse des modernen Kapitalismus erst ermöglichte, will die neue Revolution zugleich mit den politischen auch die ökonomischen Verhältnisse grundlegend verändern. Dies soll aber gerade nicht in einem plötzlichen Umsturz geschehen, sondern in dem, was Redecker in ihrem Buch Praxis und Revolution (Campus 2018) „interstitiellen Wandel“ genannt hat, einen Wandel in und aus den „Zwischenräumen“ des gegenwärtigen Chaos heraus. „Eine Revolution für das Leben (…) basiert auf einem Leben für die Revolution“, einer stetigen Veränderung der alltäglichen Lebensmuster.

Die meisten der Protestbewegungen, die Redecker in ihrem neuen Buch vorstellt, versuchen sich so an einem Vorschein des veränderten Lebens. Die Feminist:innen von Ni una menos etwa nehmen in ihrem Frauenstreik, den Redecker mit dem „aktiven Generalstreik“ der anarchistischen Tradition vergleicht, eine „andere Arbeit“ vorweg. Das Modell ist hier die historisch als weiblich klassifizierte Reproduktionsabeit – Pflege, Sorge, aber auch Verpflegung, Versorgung etc., sprich: grundlegendste Infrastruktur –, die zu Pandemiezeiten endlich auch als in dem Sinne „systemrelevant“ erkannt wird, dass sie überhaupt nicht passiv bestreikbar ist: Das Leben würde buchstäblich zusammenbrechen. Also kann diese Arbeit nur aktiv bestreikt werden, mit Volksküchen, Streikgeld, Nachbarschaftshilfe, Solidarität. Der „aktive Reproduktionsstreik (…) fordert eine Gesellschaft, in der alle Arbeit Reproduktionsarbeit ist und alle Reproduktionsarbeit frei. ‚Wir streiken‘ heißt dann im Grunde: ‚Wir arbeiten längst anders. Ihr müsst nur noch aus dem Weg gehen.‘“ Und wenn schließlich eine tanzende, konservative Gegendemonstrantin nicht bepöbelt, sondern mit Bella-ciao-Gesang gefeiert wird, „unterscheidet sich doch genau daran ein solidarisches von einem faschistischen Kollektiv: dass in seiner Mitte selbst noch seine Gegner sicher tanzen können“.

Umsichtiger Kommunismus

Eine ganz andere Art von Tanz führen die Aktivist:innen von Ende Gelände auf, als sie im Juni 2019 im Rahmen einer Fridays-for-Future-Demo am Braunkohle-Tagebau Garzweiler in goldenen Schutzanzügen die gigantische Grube stürmen, um dort inmitten von Riesenbaggern ausgelassen zu tanzen. Für die Proteste der Klimagerechtigkeitsbewegung bedeutet Vergesellschaftung gerade nicht, „dass das Zeug jetzt allen gehört“ und nur gerechter verteilt werden muss, sondern vielmehr einem „Gezeitenwerk von Jahrmillionen“ gerecht zu werden und die Kohle im Boden zu lassen. „Weltwahrung“ nennt Redecker das auch. Und so wie sie zugeben muss, dass sie selbst schon auch Bauchkribbeln bekommt, wenn sie daran denkt, einen solchen Riesenbagger zu manövrieren (wenn auch natürlich lieber zur Renaturalisierung), juckt es die Leser:innen in den Beinen, wenn Redecker die bunten, solidar-demokratischen Aktionen von Ende Gelände beschreibt.

„Die westliche revolutionäre Tradition mit ihren Kategorien von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit hat eine Leerstelle von der Größe des Globus“, resümiert Redecker und fordert mit ihrem „umsichtigen Kommunismus“, Menschen nicht nur als soziale, sondern auch als lebendige Wesen aus dem sachherrschaftlichen Korsett des Kapitalismus zu befreien. Dass so etwas möglich ist, zeigen die schon jetzt „weltwahrenden Zwischenräume“ innerhalb der bestehenden Herrschaft auf eindrucksvolle Weise. Doch darf es dabei freilich nicht stehenbleiben. Hier gibt Redecker allerdings zu, dass revolutionäre Strategie letztlich schwieriger sein dürfte als revolutionäre Philosophie. Wenn diese Philosophie allerdings so pointiert und poetisch, erschütternd und ermutigend, so begeisternd, (im besten Sinne) belehrend und belebend ist wie die Redeckers, dann will (und kann) man sich keine revolutionäre Strategie mehr ohne sie vorstellen.

Info

Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen Eva von Redecker S. Fischer Verlag 2020, 320 S., 23 €

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06:00 15.10.2020
Geschrieben von

Ausgabe 43/2020

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