Replik zu Augsteins Artikel: Selenskyjs heroischer Widerstand vernebelt vielen das Hirn

Ukraine Was ist Ihnen lieber und näher: Wo möchten Sie (derzeit) lieber leben, wenn Sie wählen müssten: in Moskau oder in Berlin? Wohin würden Sie fliehen, wenn Sie müssten? Wo könnten Sie weiterhin schreiben, was und wie Sie schreiben?

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Ihre Freitag-Redaktion

Lieber Herr Augstein,

seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine verfolge ich Ihre Kolumnen in diesem Medium, weil ich verschiedene Sichtweisen erfahren will. Heute habe ich mich angemeldet, um Ihre Texte auch kommentieren zu können.

Mir ist unverständlich, warum und wie Sie sich fortwährend umständlich an der Ukraine, ihrem Präsidenten, dem schwierigen Prozess der postsowjetischen Transformation hin zu einer uns ähnlichen und verstehbaren freiheitlich-demokratischen Grundordnung abarbeiten. Wie Sie sich klagend, besserwisserisch und neunmalklug über die deutschen, durchaus facettenreichen und differnzierten Reaktionen auslassen.

Es ist doch selbstverständlich, dass wir als Deutsche auf den ersten Angriffskrieg seit dem von uns Deutschen begonnenen II. Weltkrieg reagieren MÜSSEN. Ein Patentrezept gibt es dafür nicht. Verirrungen, moralische und emotionale, dürfen doch nicht gegen ehrliche, empathische und ethische Gründe ausgespielt werden. Das, was seit 5 Wochen in Europa passiert, ist ein singuläres, außerordentliches Ereignis von weltweiter Tragweite. Die Konsequenzen werden unser Zusammenleben, unsere Existenz auf Jahre beeinflussen.

Was ist Ihnen lieber und näher: Ein eindeutig und transparent demokratisch gewählter Präsident, der in Kiew bleibt und Meinung macht und kämpft für seine Sache oder ein eindeutig intransparent gewählter Präsident, der imperial, faschistisch, nationalistisch, vulgär, lügend, mit nuklearen Waffen drohend ein anderes Land ruiniert?Wo möchten Sie (derzeit) lieber leben, wenn Sie nicht nur wie eine durchschnittliche ukrainische Familie wählen müssten: in Moskau oder in Berlin? In welchem Land gibt es die Freiheit und sogar überhaupt die Möglichkeit, über die eigene Geschichte und die Zukunft zu diskutieren, zu streiten und eine andere Meinung öffentlich zu vertreten: in der Ukraine oder in Russland? Wohin würden Sie fliehen, wenn Sie müssten? Wo könnten Sie weiterhin schreiben, was und wie Sie schreiben?

Ihre Kolumenen wirken mehr als persönlicher Entlastungsversuch, von eigenen blinden Flecken und Leerstellen abzulenken. Sich nicht selbstehrlich und reflektierend mit den aktuellen Ereignissen und neuen politischen Realitäten auseinanderzusetzen. Um relativierend nicht Ross und Reiter durchleuchten und kolumnistisch kritisieren zu müssen.

Ein Beispiel: Sie weisen dem derzeitigen Polen und Ungarn eine größere Nähe zu Russland zu (und untergraben perfide damit das europäische Projekt, die EU), unterschlagen aber geflissentlich aber wohlwissend die komplizierte, generationengreifende, Rückschläge implizierende Transformation solcher Staaten. Nicht zu allen Zeiten seit 1990/1991 regierten Orban und die Kaczyńskis, und sie werden auch nicht für immer regieren. Aber diese Länder haben wenigstens die Wahl und die Chance zum Wandel, weil sie in der EU (und in der NATO) sind. Sie diskreditieren damit auch jedwede demokratische Protestbewegungen und ihre Opfer, die aus der Mitte dieser Gesellschaften kamen, um die sowjetische Diktatur und den russischen Imperialismus nicht erwähnen zu müssen. Hat es vielleicht zumindest einen guten Grund, warum diese Länder in die EU (und in die NATO) wollten?

Mit herzlichen Grüßen

Wolfram Baier

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Geschrieben von

Tom

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