Kalter Krieg

Filmkritik Nach dieser Interpretation von "Cold War", der neue Film von Pawlikowski, ist der kalte Krieg zwischen Ost- und Westeuropa auch heute noch aktuell.
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Schon mit dem Titel steigt man in ein fremdes Land ein. Englischsprachige Filme behalten ihre Originaltitel inzwischen nicht selten auch in den deutschen Kinos, doch in diesem Fall schleicht sich das Englische durch die Übersetzung aus dem polnischen Original herein. Und das ist kein Zufall. Pawel Pawlikowski (“Ida”) ist einer der wichtigsten Filmemacher im heutigen Polen, ein Land, das sich sehr rapide ändert. Es wäre etwa unrealistisch von einem Filmmacher zu erwarten, ein Werk über die Vergangenheit des eigenen Landes zu erschaffen, ohne dass es über diese Vergangenheit hinausgeht und die Gegenwart betrifft.

Der Film beginnt mit einer schönen Collage polnischer Dorffiguren, die Volkslieder singen und spielen. Die Musik ist das deutlichste Merkmal im Film steht für die Identitäten der Charaktere, ihre Änderungen und Krisen. Doch was für eine Identität präsentiert sich durch Volkslieder? Im Polen der Fünfziger Jahre scheint sie eine lokale, vor-nationale Identität zu sein. Diese Volkslieder entwickelten in Dörfern, in Landschaften, unter den Sprechern ähnliche Dialekte und ähnliche Sprachen. Diese Lieder überschreiten die modernen Grenzen der Nationalstaaten.

Es fängt mit dem Schnee an, der keine Grenze kennt, und eine Jahreszeit, die eine Periode folgt, wo alle Grenzen überschritten und bedeutungslos gemacht wurden. Die Musik am Beginn des Filmes ist die naive Identität, die mit den Wurzeln, den Bäumen und den Flüssen eines Ortes verbunden ist und keine andere Grenzen kennt. Ihre Themen sind demzufolge universal, wie Liebe oder das Leben im Dorf.

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Die Aufteilung Europas und der Welt in zwei gegenseitige politische Einheiten hat auch die Identitäten auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs neu definiert. Mit dieser Neudefinition beschäftigen sich die Seiten ehemaligen Feinde bis heute, fast 30 Jahren nach der Wende. Der Prozess der Neudefinition zeichnet sich durch die stetige Bewegung aus. Trotz der schwarzweißen Farbe der Bilder sollte man seine Graustufen wahrnehmen. In dieser scheinbar klassischen Liebesgeschichte versteckt sich noch eine Erzählung zwischen den Zeilen und im Schwarzweißen Hintergrund, nämlich ein Märchen über ein Land in einer Identitätskrise. Was also hat es mit dem englischen „Cold War“ als Titel auf sich? Ein offensichtlicher Grund dafür ist der Idiomstatus des Ausdrucks “Cold War”. Die Bezeichnung eines Zeitraums in der politischen Geschichte Europas und der Welt ist ein Hinweis darauf, dass es hier mehr als einen Film über eine dramatische Beziehung zwischen einer Sängerin und einem Klavierspieler geht.

Naivität ist auch für die Hauptfiguren am Anfang ihrer Geschichte charakterisierend, die Pawlikowski lose an der Geschichte seiner Eltern orientiert. Zula (Joanna Kulig) ist eine Dorfbewohnerin, die für einen Platz in einem traditionellen Gesangsensemble vorsingt. Wiktor (Tomasz Kot) ist Dirigent und leitet das Auswahlverfahren. Er verliebt sich in das Mädchen, das vorsingt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, deren kitschige Erscheinungen wieder und wieder darauf hinweisen, dass es eigentlichum etwas anderes geht. Nach einem Auftritt in Ostberlin vor dem Bau der Mauer beschließen die beiden, zusammen in den Westen zu fliehen. Am vereinbarten Treffpunkt jedoch erscheint Zula nicht. Wiktor geht allein in den Westen und erreicht schließlich Paris. Nach einigen Jahren sehen Zula und er sich dort wieder. Trotz der Hilfe von Freunden aus der Pariser Bohème scheitern alle Versuche, das sie das seit dem Vorsingen begleitende Lied zu einer französischen Chanson zu verwandeln. Die Entfremdung von ihrem eigenen Lied lässt sie verzweifeln, und Zula beschließt, zurück nach Polen zu gehen.

Was hat aber diese Geschichte mit heutiger Polen zu tun? Eine mögliche Antwort wäre, dass die einfache lokale Identität des Filmanfangs gewaltsam verändert wird. In einem Land, in dem das politische Klima immer weiter nach rechts rückt und in dem immer stärker die nationale Identität betont wird, ist es schon ein Statement. Mit jedem Verbiegen im Zuge dieser „ursprünglichen“ Identität wird sie blasser und verschwindet schließlich. Gleichzeitig werden aber ihre Versuche, einen Platz in der Geschichte zu erlangen, langsam gewalttätiger. Da versteckt sich die Allegorie zu der politischen Situation im Land heute und des Prozesses, der sie dorthin geführt hat.

Kurz nach dem Anfang der Zusammenarbeit Casting wird das Ensemble dazu gezwungen, stalinistische Inhalte in die Liedtexte zu integrieren. Plötzlich ist die Kunst nicht mehr lokal oder dörflich, sondern repräsentiert Stalin und den sowjetisch-sozialistischen Aussagen. Das stellt einen ersten Schritt im Untergang ihrer Identität dar. Leider ist es nur ein Schritt von vielen. Mit der Transformation in den Westen wechseln die Musikinstrumente von den traditionellen Streichinstrumenten zu Jazzinstrumenten wie Schlagzeug, Bass und Blasinstrumente. Der neue Klang der Musik spricht Bände. Die polnischen Wörter klingen fremd, Zula ist wie eine Migrantin in ihrem eigenen Lied. Dann kommt das Unvermeidliche: Die Wörter werden übersetzt, aber nicht einmal wörtlich – sondern neue französische Wörter mit neuer Bedeutung infiltrieren durch die „Übersetzung“ das Lied. Als polnische Minderheit in dem Lied ist die Sängerin nun allein.

Jetzt kommt man endlich zu der Relevanz der Verwandlungen eines Paares und eines Liedes zu der politischen Lage in Polen. Obwohl der Film Figuren in den Fünfziger Jahren beschreibt, macht er Abläufe verständlich, die Polen und andere Länder über einen viel längeren Zeitraum durchlebt haben. Genau wie die Metamorphose eines Volkslieds beginnt man die Erzählung mit dem stalinistischen Kommunismus. Offensichtlich fängt die Geschichte der polnischen Identität viel früher an, aber auch die Geschichte des Volkslieds – eine Handlung muss ja zeitlich begrenzt sein. Stalin erlaubt also noch lokale traditionelle Formen, aber fordert zugleich die komplette Auslöschung des Inhalts. Bestimmte besondere Eigenschaften durften die verschiedenen Länder der Sowjetunion noch behalten: die Sprache, scheinbar eigene Leute in der Regierung, Staatssymbole usw. – diese sind aber alle nur Form. Wenn es zum Inhalt kommt, musste Polen wie die anderen Mitglieder der Sowjetunion mit Moskau übereinstimmen.

Nach der Wende erfolgt die “Integration” dieser Länder in den kapitalistischen Westen. Die Bewegung Solidarność, die jahrelang mittels finanzieller Hilfe von den USA und öffentlicher Unterstützung der katholischen Kirche überlebt hat, übernahm die Regierung. Und was wäre verständlicher als ein solcher Rückzug in den Freien Markt nach einer traumatischen jahrzehntelangen Erfahrung mit dem, was sich als die andere Seite der politischen Skala ausgibt? Das polnische Vertrauen in den früheren Neunziger galt also dem Neoliberalismus. Er hat angefangen, den Charakter des Landes zu ändern, zu kapitalisieren. Sobald Wiktor, Zula und ihr Lied, wie das Post-Wende-Polen, in den Westen gezogen werden, verlieren sie noch ein Stück aus dem Volkslied. Es geht weniger um die Authentizität und Verbindung zu der dörflichen Herkunft, sondern – wie man von der Repräsentation des Westens in der Geschichte erwarten mag – um Zula besser dem französischsprachigen Publikum zu verkaufen.

Nun muss Zula zufrieden sein. Sie hat ihre Schallplatte, sie teilt eine Wohnung mit ihrem Geliebten in Paris, und kriegt Komplimente für ihr Singen wo immer es geht. Doch schon am Abend der Präsentation ihrer Single schmeißt sie symbolischerweise die Schallplatte auf die Straße. Diese beiläufige sehr kurze Szene enthält die ganze Geschichte der Enttäuschung des Ostens gegenüber dem Westen. Zula wurde im kapitalistischen Paris auf ein verkäufliches Produkt reduziert. Der Erwerb einer Identität in Paris bedeutet den Verzicht auf das letzte Stückchen von Identität die noch vom Kommunismus übrig geblieben ist.

Wenn ich in diesem Land of Dreams auf meine Verkäuflichkeit reduziert werde, sagt uns Zula, will ich das überhaupt nicht. Dieses Ich will ich nicht.Die einzige Möglichkeit für diejenigen, die zu viel für diese Verwestlichung geopfert haben, ist, zurückzukehren, „zurück nach Polen“. Und genau hier kommt die Aktualität des Filmes im heutigen Polen ins Spiel. Zula und Wiktor kehren zurück, nur um wieder enttäuscht zu werden. Die neue Identität, die sie nach ihrer langen Reise beim Zurückkommen entdecken, ist nicht mehr die naive lokale vornationale Identität von damals. Sie ist nun verseucht, nationalistisch, und im Grunde auch ihnen fremd, die nach “Polen, 1949” suchen. Der Klavierspieler und die Sängerin verstehen endlich, dass sie mit beiden Versionen von Zugehörigkeit unzufrieden sind. Nicht mal mit der, die den Selbstwert mit finanziellem Potential zusammensetzt und nicht mit der, die nur ein Simulakrum ist für das, was es damals gab. In dieser Situation gibt es nur einen Ausweg.

13:03 20.11.2018
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