Arbeit am endlosen Berg

Tansania Bergführer und Träger sind die wirklichen Helden am Kilimanjaro

Das Schicksal der Träger und Führer am Kilimanjaro durchdringt nur selten einmal den Schleier aus Fernweh- und Bergsteiger-Romantik, doch ihre Situation ist beklagenswert, der Job lebensgefährlich. Organisationen haben begonnen, sich um die Guides und Porter zu kümmern, auch wenn sich vorerst nur wenig ändert.

Daudi Lyimo sitzt am Mawenzi Tarn in einer winzigen Blechhütte, die kein richtiges Fenster hat, aber jede Menge Löcher. Hier oben in 4.300 Metern pfeift der Wind ohne Pause durch die Ritzen. Die Wände sind schwarz vom Ruß der Feuer, an denen sich manchmal die Träger der Touristen wärmen. Das Team des Bergführers - sieben Wachagga aus Marangu und Moshi - wartet ein paar Meter weiter in einem Zelt, das Schlafplatz und Küche zugleich ist. Daneben campiert ihre "Kundschaft": zwei Deutsche auf dem Weg zum Kibo, dem Hauptgipfel des Kilimanjaro.

Jährlich pilgern Tausende Touristen zum Fuße des höchsten Berges auf dem afrikanischen Kontinent. Darüber, wie viele den 5.895 Meter hohen Gipfel erreichen, gibt es keine offiziellen Zahlen. Von den rund 25.000 Touristen, die es 2005 versucht haben, scheiterte etwa ein Drittel. Bei der TANAPA, der Nationalparkbehörde Tansanias, redet man nicht gern darüber. Mit Erfolgsgeschichten lässt sich besser werben. Denn der Berg, der unter dem Ansturm leidet, braucht die zahlungskräftigen Besucher: 60 Dollar zahlt jeder von ihnen am Tag, Geld für den TANAPA-Topf, aus dem auch am Kilimanjaro ein wenig Naturschutz betrieben wird.

Auch Daudi Lyimo braucht den Tourismus. Mit alpiner Romantik und westlicher Selbsterfahrung hat das wenig zu tun. Das Bedürfnis der Mzungus, der Weißen, den Berg zu besteigen, ermöglicht dem 47-Jährigen einen leidlichen Broterwerb, einen Knochenjob, über dessen Nützlichkeit man lange streiten kann - wenn man nicht darauf angewiesen ist. Wandern als Lohnschinderei. Zehn Jahre ist Lyimo inzwischen am Kilimanjaro unterwegs. Als er 50 Mal oben war, hat er aufgehört, zu zählen.

Wie viele Menschen in der Region vom Berg leben, weiß niemand so genau. An den Toren zum Nationalpark, etwa im Nordosten in Nalemoro, sitzen während der Saison Dutzende junger Männer und warten auf einen Job als Träger. 6.000 bis 8.000 Tanzania Shilling am Tag empfiehlt die Kilimanjaro Parkbehörde KINAPA als Lohn - nach derzeitigem Kurs sind das nicht einmal fünf Euro, die Guides bekommen etwas mehr. In einem Land, in dem fast 90 Prozent der Bevölkerung nur bis zu zwei Dollar am Tag verdienen, hört sich das zwar immer noch viel an. Doch die Träger sind nicht jeden Tag im Einsatz: Es gibt Regenzeiten, in denen der Tourismus brach liegt; es gibt eine harte Konkurrenz untereinander. Wer als Porter zehn Touren im Jahr macht, gehört schon zu den Besten. Fünf Touren, sagt Lyimo, sind normal.

Bedienen und bedienen lassen

Einmal auf dem Dach Afrikas stehen, das ist die Standardantwort der Touristen, wenn man sie fragt, warum es ausgerechnet der Kilimanjaro sein muss. Sportlicher Ehrgeiz, Abenteuerlust, Wanderfreude - es gibt viele Gründe und mindestens ebenso viele bleiben unausgesprochen. Ist es ein "hin zu", das jene, die es sich leisten können, in eines der ärmsten Länder der Welt fliegen lässt? Oder steckt eher ein "weg von" dahinter, eine Flucht aus dem Alltag in teuren Trekkingstiefeln und wasserdichten Jacken?

Der Nord-Süd-Tourismus hat Folgen, das ist seit langem bekannt, und wer auch nur mit etwas Skepsis auf die Welt schaut, macht sich vor solch einem Urlaub seine Gedanken. Vielleicht ist alles nicht ganz so schlimm, wie Hans Magnus Enzensberger einmal meinte: "Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet." Aber wo Trinkgelder zum festen Lohnbestandteil gehören, bleiben koloniale Dienstverhältnisse die Regel. Wenn man für eine Reise erst 6.000 Kilometer im Flugzeug zurücklegen muss, lässt sich kaum von ökologischer Nachhaltigkeit sprechen. Und auch wirtschaftlich betrachtet bringt der "reiche Tourist" den "armen Afrikanern" wenig ein.

Ein großer Teil der eingeflossenen Devisen verlässt die lokalen Ökonomien im Süden schon nach Tagen wieder: Steuern fließen nach Dar es Salam, Profite in die Taschen der Unternehmer, die meist aus Kenia oder dem westlichen Ausland kommen. In der Region am Kilimanjaro bleiben allenfalls die kärglichen Löhne der Porter, Guides und Nationalparkarbeiter, außerdem verpflegen sich die Bergteams auf den lokalen Märkten. Wenn nicht Sonderwünsche der Touristen dazu zwingen, auch solche Waren noch zu importieren. Manche Besuchergruppe lässt sich - wegen der Plumpsklos an den Hütten - sogar eine eigene Chemietoilette den Berg hoch tragen.

Bedienen und bedienen lassen, lautet ein Gesetz am Kilimanjaro. Wer seinen Plastikteller selbst ins Küchenzelt bringen will, erntet ein hartnäckiges "No, no, no!" Das Verhältnis zwischen Träger und Tourist ist bestenfalls fair im Umgang - Augenhöhe bildet sich der nur ein, der sie wünscht. Dem Kraftfeld aus bezahlter Freundlichkeit, echter Solidarität, kolonialer Struktur und wirtschaftlicher Abhängigkeit entkommt hier niemand. Wer es mit Geld versucht, macht es nur schlimmer.

Tom Kunkler, der den Kilimanjaro schon auf allen möglichen Routen bestiegen hat und in Moshi, einer 150.000-Einwohner-Stadt am Fuße des Bergs, ein Café betreibt, hat Touristen erlebt, die ihrem Guide nach der Tour 1.000 Dollar Trinkgeld in die Hand drückten. Ob aus monetärer Geltungssucht oder schlechtem Gewissen - das Ergebnis bleibt dasselbe. Wo Lehrer im Schnitt zwischen 50 und 75 Euro im Monat verdienen, lockt eine solche "Geste" ausgebildete Fachkräfte in die unsichere Tourismus-Branche und zerstört lokale Arbeitsmärkte.

Am Mawenzi Tarn, dem einzigen See am Kilimanjaro, ziehen schon wieder Wolken auf. Daudi Lyimo zeigt mit dem Finger in den eisigen Dunst und lacht. "Mlima ni kama Kinyonga" - der Berg ist wie ein Chamäleon. Das weckt Hoffnung auf eine Wetteränderung zum Guten. Doch die erfüllt sich nicht. Es fängt an zu hageln, Körner groß wie Smarties prasseln auf das Zelt. Rund um den Berg, den die Leute hier "den Dunklen" nennen, wird es weiß. Am Lagerplatz in 4.300 Metern verschwinden die T-Shirts und Socken, die Träger zum Trocknen auf den Fels gelegt haben, unter einer Eisdecke. Morgen früh soll die Gruppe über den Sattel zum Kibo gehen, dem Hauptgipfel des Kilimanjaro. Bis dahin frieren die Sachen zu Stein.

Im Nirgendwo

Es ist eines der größten Probleme der Porter: die Ausrüstung. Alte Halbschuhe, in denen Plastiktüten gegen die Nässe stecken; schwer trocknende Baumwollsocken mit großen Löchern; alte Jacken ohne Regenschutz. Wer Handschuhe und eine Mütze hat, darf schon froh sein. Für viele Träger sind die Touristen die einzige Bezugsquelle. Manchmal lassen die einen Poncho zurück oder einen Rucksack. Was man sonst gebrauchen kann, wird auf Märkten zusammengesucht, auf denen Abgetragenes aus den Kleidersammlungen der reichen Länder verhökert wird. Winterfestes erreicht die Region nur selten. Welcher Händler denkt schon daran, dass es auch in Afrika schneien kann. Der nächste Outdoor-Shop, in dem sich angemessene Ausrüstung für eine Tour auf einen fast 6.000 Meter hohen Berg besorgen ließe, liegt in Arusha, einer etwa 80 Kilometer entfernten Großstadt. Das Angebot ist für die Träger und Guides am Berg kaum bezahlbar.

Das hat Folgen, nicht selten tödliche sogar. Auf dem Sattel zwischen Mawenzi und Kibo erzählt Daudi Lyimo von den Gestorbenen des Kilimanjaro. Nicht von den zwei, drei Touristen, die hier Erschöpfung oder Selbstüberschätzung erliegen. Sondern von den ungezählten Trägern, denen der Berg das Leben nimmt. Besser gesagt: der Tourismus. Denn ohne "Kundschaft" würden die Wachagga die oberen Bergregionen nur selten betreten. Lyimo erzählt von Portern, die sich im Nebel verirrten und im Nirgendwo erfroren. Teilweise fand man die Leichen nicht. Andere stürzten ab, fielen der dünnen Höhenluft zum Opfer oder starben - die 30 und mehr Kilogramm schweren Lasten auf Kopf und Rücken - vor Erschöpfung.

Genaue Zahlen gibt es nicht. Im September 2002 sorgte der Tod von drei Trägern an einem einzigen Tag vorübergehend für ein paar Schlagzeilen. Die Kilimanjaro Guides and Porters Union sprach noch ein Jahr später von einer wachsenden Zahl tödlicher Unfälle. Und auch beim Kilimanjaro Porters Assistance Project (KPAP), einer 2003 gegründeten NGO, sorgt man sich. "Die Träger gelten als die heimlichen Helden des Kilimanjaro. Die Wahrheit aber ist, es handelt sich meist um verarmte Tansanier, die gezwungen sind, einen der schwersten Jobs zu machen, um ihre Familien zu ernähren."

Das Schicksal der Porter und Guides durchdringt nur selten einmal den Schleier aus Fernweh-Romantik, Werbebildern und Trekkingangeboten. Dabei kennt man ähnliche Probleme auch aus anderen Regionen des boomenden Höhentourismus, etwa dem Himalaja. Inzwischen haben sich einige Initiativen der Sache angenommen. Die International Mountain Explorers Connection etwa, die mit Freiwilligen Englischkurse für die Porter organisiert und Touristen berät. Organisationen wurden gegründet, die mit hiesigen Gewerkschaften vergleichbar sind. Ein wenig habe sich auch schon verbessert, meint man bei der International Porter Protection Group. Seit ihrer Gründung 1997 sei es immerhin "weniger üblich geworden, Träger zu sehen, die unzureichend ausgerüstet und untergebracht" seien.

Außerdem haben NGOs Empfehlungen für Gewichtsgrenzen und Mindestlöhne formuliert. Eingehalten werden die jedoch kaum, eine Überprüfung ist schwierig. An manchen Camps hängen Waagen, mit denen das Gewicht der Trägerlast überprüft wird. 15 bis 20 Kilogramm für die Touristen, fünf bis zehn Kilogramm eigene Ausrüstung empfiehlt die KPAP. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus.

Die Träger singen leise ihr Lied

Daudi Lyimo mahnt zur Eile. Auf dem weiten Plateau zwischen den Gipfeln braut sich neues Wetter zusammen. "Mlima ni kama Kinyonga." Erst in ein paar Stunden wird die letzte Station auf dieser Seite des Berges erreicht. In etwa 4.700 Meter Höhe liegt die Kibo Hut. Eine Steinhütte für die Touristen, die Träger und Guides schlafen in kleineren Nebengebäude, etwas weiter oben knattern die Zelte einer anderen Gruppe im Wind. Die kalte und dünne Luft lässt an Schlaf kaum denken.

Eine Stunde vor Mitternacht zieht sich Daudi Lyimo noch eine alte Jogginghose über, wickelt sich einen roten Schal um den Kopf und macht sich mit seinen beiden Deutschen auf den Weg. Auch andere Teams beginnen mit dem Aufstieg. Langsam, sehr langsam geht es eine Geröllhalde hinauf. Mit ihren Stirnlampen sehen die Gruppen von Ferne wie Glühwürmchen aus, die sich am Berg heraufwinden. Auf dieser Route sind es in dieser Nacht gut ein Dutzend Touristen, die das Dach Afrikas erreichen wollen. Nicht alle werden am Morgen erfolgreich ins Lager zurückkehren.

Die Träger, die bei eisiger Kälte in den Zelten auf die Rückkehr der Gruppen warten, um ihnen auf dem mehrtägigen Abstieg wieder Wasser, Verpflegung und Ausrüstung vorauszutragen, singen leise ihr Lied.

Kilimanjaro - mlima mrefu sana
ewe nyoka - mbona wanizungukaa /
wanizungukaa - wataka kunila nyama /
kulina nyama - mlima mrefu sana.

(Kilimanjaro - der endlose Berg / Du Schlange - warum belauerst du mich / umkreist mich - um mich zu essen / verschlingst mich wie Fleisch - du endloser Berg)

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