Der Wumm der Gemeinschaft

Lufthansa-Streik Die Gewerkschaft ver.di kämpft nicht nur für höhere Löhne

Als am Montag mit Beginn des Streiks von ver.di nicht sofort der komplette Flugverkehr der Lufthansa stockte, war eifrig Frohlocken in den Medien: Der Arbeitskampf sei eine "Luftnummer", die Streikposten seien allenfalls "Folklore". Man hatte sich zu früh gefreut. Schon am Dienstag blieben Dutzende Maschinen der Kranich-Linie am Boden.

Abgesehen davon geht es ver.di gar nicht unbedingt darum, möglichst viele Flüge zu verhindern. Wirtschaftlich getroffen wird die Lufthansa auch, wenn sie Wartung und Bordverpflegung wegen des Streiks von Drittfirmen einkaufen muss. Auf die schlechte Presse, die mit Bildern von sitzengebliebenen Urlaubern Stimmung gegen Gewerkschaften macht, kann die Arbeitnehmerorganisation gut verzichten. Denn im Tarifstreit bei der Lufthansa steht für ver.di nicht nur die Beteiligung der Beschäftigten am Erfolg der Fluglinie auf der Tagesordnung - sondern auch Selbstbehauptung in einer veränderten Gewerkschaftslandschaft.

Um sagenhafte 422 Prozent explodierte der Gewinn des Unternehmens im ersten Quartal 2008; im vergangenen Jahr war dieser bereits auf 1,378 Milliarden Euro gewachsen. Freuen konnten sich darüber nur die Aktionäre, denen die Ausschüttung erhöht wurde. Den Beschäftigten drohte der Lufthansa-Chef vor Streikbeginn dagegen indirekt mit Stellenabbau. Sieben Euro Gewinn pro Passagier seien nicht ausreichend, "um unser Wachstum zu finanzieren und Ihnen Arbeitsplatzsicherheit zu geben", schrieb Wolfgang Mayrhuber in einem offenen Brief an die Mitarbeiter. Die Warnung verfing: Das Unternehmen habe "ein gutes Angebot gemacht. Das mit einem Streik zu beantworten, finde ich unmöglich", ließ sich eine Lufthanseatin zitieren.

Sie hätte nachrechnen sollen: Angesichts der Rekord-Inflationsrate von 3,3 Prozent im Juni blieben bei dem Konzern-Angebot effektiv nur 0,5 Prozent Gehaltsplus. Ver.di reicht das nicht. In vielen Krisen hätten die Mitarbeiter aus Rücksicht auf das Unternehmen verzichtet, ihre Produktivität sei in den letzten Jahren um fast ein Drittel gestiegen. Nun, heißt es bei der Gewerkschaft, die 9,8 Prozent für zwölf Monate fordert, "sind endlich mal die Beschäftigten dran".

Mit einem hohen Abschluss könnte die Großgewerkschaft zudem wieder Boden gegenüber kleineren Berufsorganisationen gutmachen - und so versuchen, den Trend hin zu Spezialistenvertretungen zumindest aufzuhalten. Die Branche steht dafür beispielhaft: Piloten werden von der Vereinigung Cockpit vertreten, um die Flugbegleiter kümmern sich neben ver.di die Organisationen Kabinenklar und UFO. Letztere dominiert sogar, ein Abschluss von ver.di für diese Beschäftigtengruppe stehe deshalb "unter dem Vorbehalt einer Zustimmung durch unsere Gewerkschaft", sagt der UFO-Tarifexperte Joachim Müller. Die ver.di-Forderung hat man bereits als zu niedrig kritisiert, die UFO-Verträge laufen bis Ende des Jahres, dann will man 15 Prozent für das Kabinenpersonal fordern.

Aber eben nur für diese "Funktionselite", wie Müller sie nennt. Man könne als Spartengewerkschaft "sehr viel mehr Druck ausüben. Das hat das Beispiel der Piloten gezeigt oder zuletzt das der Lokführer". Bei ver.di sieht man das Problem und vermag, zwischen Organisationen wie UFO und "gelben Gewerkschaften" wie der in den Siemens-Skandal verwickelten AUB zu unterscheiden. Schließlich betreiben die einen als "Handlanger des Kapitals" eine Unterbietungskonkurrenz, während die anderen ihre exponierte Stellung im Sinne einer Überbietungskonkurrenz ausnutzen. Auch ist vielen DGB-Kollegen klar, dass die Entstehung von Berufsorganisationen außerhalb des Dachverbandes nicht zuletzt ein Resultat eigener Versäumnisse ist.

Ver.di-Chef Frank Bsirske kritisiert dennoch, dass Gruppen wie UFO "der Mehrheit die Solidarität" aufkündigen würden. Beim letzten Bundeskongress der Gewerkschaft warnte er zudem davor, dass nach ersten Erfolgen der Berufsorganisationen "die Ergebnisse schnell schlechter ausfallen als bei einem Vorgehen im Verbund", weil diese nicht mehr "genug gruppenspezifischen Wumm dahinter setzen können". Man hatte deshalb weiter auf Tarifeinheit. Die scheiterte bei der Lufthansa allerdings gerade erst an den divergierenden Interessen der Beteiligten.

Lange wurde die Regel "ein Betrieb, eine Gewerkschaft" hartnäckig hochgehalten. Doch ein Zurück in alte Zeiten ist nicht mehr denkbar. UFO organisiert heute nach eigenen Angaben mehr als die Hälfte der 14.000 Flugbegleiter allein bei der Lufthansa. ­Ver.di macht keine Angaben - womöglich aus gutem Grund: Angeblich haben nur 700 Kabinen-Beschäftigte bei der Airline eine Mitgliedskarte der Dienstleistungsgewerkschaft.

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