Schrödingers Horst

Form und Substanz Während Angela Merkel rechtzeitig ihren Rückzug aus der Politik angekündigt hat, wartet man bei Horst Seehofer noch vergebens darauf
Schrödingers Horst
Bei Horst Seehofer weiß man nicht genau, ob er sich im Zustand des Rücktritts oder des Nichtrücktritts befindet

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Erwin Schrödinger hat uns das schöne Gedankenexperiment hinterlassen, bei dem eine Katze in einer Kiste sowohl lebendig als auch hinüber sein kann. Zum selben Zeitpunkt. Theoretisch. Die Sache ist, wie in der Quantenmechanik eigentlich alles, recht kompliziert. Hier genügt es, zu wissen, dass dabei ein instabiler Atomkern eine Rolle spielt, der innerhalb einer bestimmten Zeitspanne mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt.

Womit wir bei Horst Seehofer wären: instabil, zerfallend. Das trifft es ganz gut. Politisch gesehen. Jedenfalls weiß man bei dem CSU-Mann schon länger nicht mehr genau, ob er sich gerade im Zustand des Rücktritts oder des Nichtrücktritts befindet. Welche Bedeutung der Anfang der Woche gefallene Satz des Innenministers hat, er werde jenes Amt weiter ausüben, von dem er bereits schon einmal zurückgetreten und zugleich nicht zurückgetreten war, könnte nicht einmal ein Nobelpreisträger wie Schrödinger genau erklären.

Lässt man einmal unter großer Anstrengung beiseite, was man über und gegen Seehofer sonst noch sagen müsste, rückt sein quantenmechanisches Verhalten als eine besondere Variante der politischen Herrschaftssicherung in den Blick: Aufforderungen an Seehofer, wegen schlechter Wahlergebnisse, noch schlechterer Performance im Innenressort und kaum weiter zu steigernder Schlechtigkeiten im großen AfD-Ähnlichkeitswettbewerb zurückzutreten, prallen am Schrödinger’schen Zustand eines Politikers ab, von dem eigentlich niemand mehr genau weiß, ob er nun gerade und wovon dann doch nicht zurückgetreten ist.

Das Gebaren des 69-Jährigen dreht sich um zwei Punkte, für die man keine Quantenmechanik bemühen muss: Da sind Bayern und ein landespolitischer Wettstreit, den zu verfolgen auch ein bundesweites Publikum verurteilt ist, das immerzu Nachrichten darüber sehen muss, in denen Seehofer auftaucht.

Vor allem aber kreist der CSU-Mann bundespolitisch um Merkel, alles ist gegen sie gerichtet, mindestens eine Reaktion auf sie. Die CDU-Chefin hat ihren Rückzug vom Parteiamt verkündet und erklärt, dennoch Kanzlerin bleiben zu wollen. Daraufhin war überall zu lesen, Seehofers Umfeld habe darauf hingewiesen, dieser sei „wahnsinnig erleichtert“, nicht „auch auf Merkels Männerfriedhof gelandet“ zu sein.

Über dieses eifrig weiterverbreitete Bild, das nicht zuletzt auf das Frauenverständnis der Kolporteure verweist, soll hier nicht viel gesagt werden. Es ließ aber einen alsbaldigen Doppelrückzug des Ingolstädters nicht mehr wahrscheinlich erscheinen, wenn dieses Wort bei Seehofer überhaupt noch erlaubt ist. Medien meldeten dies und das, aber über die wirkliche Situation in Seehofers Kiste weiß auch die beste Recherche nur: Es könnte sich um Rücktritt, Nichtrücktritt und womöglich auch um beides zugleich handeln.

Wer nun glaubt, anmerken zu müssen, dass auch von Merkels Zukunftsabsichten bis Ende Oktober niemand eine Ahnung hatte, wird den Unterschied dennoch sehen können: Während die eine keine andere Möglichkeit mehr sah, ihre Ämter noch „in Würde zu verlassen“, als den überraschenden Rückzug, war es der andere, der fortlaufend dafür gesorgt hatte, Angela Merkel in eine solche Lage zu bringen, und dessen Auftreten dem Begriff der Würde Hohn spricht. Die SPD hat Anfang der Woche erklärt, Horst Seehofer solle „jetzt Haltung“ zeigen. Man könnte sagen, genau das tut der Mann seit Monaten. In seiner Kiste, in einem – auch dieser spielt in Erwin Schrödingers Gedankenexperiment eine Rolle – über-lagerten Zustand. Das hat nichts mit Haltbarkeit zu tun, aber es passt.

Tom Strohschneider war Redakteur des Freitag , arbeitete dann kurz bei der taz und von 2012 bis 2017 als nd -Chefredakteur

06:00 19.11.2018
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