Wir sind Teil des Problems

IS Mit jeder Diskussionsrunde wird es mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit, dass unsere Hilfe gefragt ist. Es lohnt sich den Blick auf den Konflikt zu weiten.
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IS ist eine Folge des Irakkrieges. Erstens, weil durch den Krieg eine Radikalisierung stattfand. Zweitens, weil die Destabilisierung des Iraks ein Machtvakuum erzeugte. Die Destabilisierung ist eine Folge der Beseitigung Saddam Husseins. Saddam Hussein ist die Folge einer geopolitischen Strategie, die vorsah, amerikanische, bzw. westliche Interessen in ehemaligen Kolonialländern durch die Einsetzung und Unterstützung brutaler Diktatoren zu sichern. Diese Strategie folgte auf den Rückzug der ehemaligen Kolonialherren aus den heute so genannten Dritte-Welt-Ländern. Dadurch konnte man sicherstellen, dass diese Länder ihre Unabhängigkeit nur auf dem Papier erhielten.

"Saddam ist ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn", telegrafierte einst der zuständige CIA Agent nach Washington. Saddam war nicht der einzige "Hundesohn": der Shah in Persien, Mobutu im Kongo, Marcos auf den Philippinen, Suharto in Indonesien, Pinochet in Chile. Die Liste ist lang. Sie liesse sich noch fortsetzen. Gemeinsam ist diesen Herren, dass sie durch die Unterstützung der CIA und gegebenenfalls der Geheimdienste der ehemaligen Kolonialmächte an die Macht kamen, und sich durch deren fortgesetzte Unterstützung an der Macht halten konnten. Der Westen hat das nicht gerne getan. Es ging um die Freiheit, die Freiheit des Handels - also des eigenen Handels. Ob Bananenplantagen in Guatemala oder Öl im Irak, es gab viele gute Gründe für Europäer und Amerikaner in den meisten Länder in Afrika, Asien oder Südamerika eine unabhängige Entwicklung zu verhindern. Staatsführer, die das versuchten, die stolz, selbstbewusst und auf Augenhöhe mit dem Westen über Wirtschaftsbeziehungen reden wollten, wurden beseitigt. Lumumba, Mossadegh, Arbenz, Allende. Auch diese Liste ist lang.

Das ist seit dem Ende der Kolonialreiche die Politik des Westens, der Amerikaner und in deren Windschatten der Europäer. Kein Land darf von uns unabhängig sein. Horst Köhler hat es offen ausgesprochen "...dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren - zum Beispiel freie Handelswege...". Wobei er dabei nur das Bundeswehrweissbuch von 2006 zitierte. Dieses Sicherheitsverständnins, das wirtschaftliche Interessen miteinschliesst ist eine moderne Form des Kolonialismus. Den Menschen in diesen Regionen ist das auf irgendeine Art sehr wohl bewusst. Selbst wenn sie es vielleicht nicht in aller Deutlichkeit benennen können. Sie empfinden den Westen als Bedrohung, als Feind. Der Fanatismus hat seine Wurzeln und ist nicht vom Himmel gefallen.

In Diskussionen wird ständig nach den Gründen junger Menschen gefragt, sich dem IS anzuschliessen und brutale unmenschliche Grausamkeiten zu begehen. Gleich darauf stellt man fest, dass es irre Psychopathen sind, womit sich dann auch die Frage erübrigt. Im Internet schrieb einmal ein IS-Kämpfer, Amerika begehe einen Genozid an den Moslems. Das klingt erstmal haarsträubend paranoid. Wenn man aber an die hunderttausenden zivilen Opfer des Irakkriegs denkt, die, im Gegensatz zu den gefallenen Soldaten westlicher Staaten, nur selten erwähnt werden und an die tausenden, auch unschuldigen, Opfer von Hinrichtungen durch Drohnen, könnte man erkennen, dass diese paranoide Wahrnehmung ihre Grundlagen hat. Wir selbst nähren den Fanatismus. Statt ihn zu pathologisieren, sollte man nach den Ursachen fragen. Diese zu beseitigen bräuchte es keinen UN-Beschluss, nur einen klaren selbstkritischen Blick.

Während wir also jetzt ständig darüber diskutieren wie w i r helfen können, müssen wir uns als erstes klar machen, dass wir ein Teil des Problems sind. Dieses Problem zu beseitigen wäre eigentlich einfach. Wir haben es selbst in der Hand. Wir haben dieses Schlamassel angerichtet. Man könnte sagen wir arbeiten seit Jahrhunderten, seit der Kolonialzeit an diesem Schlamassel. Wir müssen bereit sein den Bürgern sogenannter Dritte-Welt-Länder wirkliche Eigenständigkeit zuzugestehen. Dazu muss man sich von dieser "modernen" Sicherheitsdoktrin, für unsere Arbeitsplätze ihr Blut zu opfern, denn nichts anderes bedeutet das Köhlerzitat, verabschieden. Wir müssen dafür in Kauf nehmen, dass sie sann möglicherweise in der Lage sein werden, selbst über ihre Rohstoffe und die Nutzung ihrer Böden zu bestimmen. Auch die Kolonialherrn bemäntelten ihre wirtschaftlichen Interessen damit, dass sie die "primitiven" Völker zu ihrem eigenen Besten zivilisierten. Wenn wir unsere Arroganz aufgeben, besteht eine gute Chance, dass sie uns nicht mehr hassen.

Noam Chomsky "Wirtschaft und Gewalt"

03:48 22.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Torsten Brandt

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