Al W. Bore

KOMMENTAR Amerikas Zählmarathon

Computer sind doof, und Menschen betrügen. Amerikas Demokratie scheint sich zum Gespött der Welt machen zu wollen. Doch das Lachen bleibt den Wählern in God's own country langsam, aber sicher im Halse stecken. An diesem Wochenende ist Thanksgiving. Da warten auf den geplagten Durchschnittsamerikaner ein paar Tage Urlaub - ein kostbares Gut im Wirtschaftswunderland - und der berühmte Truthahn mit Kürbiskuchen. Nicht jedermanns Geschmack, aber eine Tradition, die sich niemand mit Politik verderben lassen möchte. Deshalb sollte - und wird wohl auch - bald Klarheit darüber herrschen, wer ab Januar im Oval Office Platz nehmen darf.

Der Mann kann einem in jedem Fall Leid tun. Er wird nichts zu lachen haben und noch weniger bewegen können. Nicht mal im berühmten ersten Jahr, das bisher noch jedem Präsidenten zustand, um seiner Amtszeit einen politischen Stempel aufzudrücken, bevor die nächste Kongresswahl und danach die Vorbereitung zur eigenen Wiederwahl ihm taktische Fesseln anlegt.

Aber vielleicht wollte das Wahlvolk es ja auch nichts anders. Die Wirtschaft boomt, und kein Feind in Sicht - wozu da noch ein starkes Weißes Haus? Der Spruch vom mächtigsten Mann der Welt stammt aus den Zeiten des Kalten Krieges. Davon verabschieden sich die Amerikaner nun auf ihre Weise - und kehren so zu den Wurzeln ihrer politischen Mentalität zurück. Die waren von je her weniger nach außen, denn nach innen gerichtet. Jetzt, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, erlebt der alte Streit zwischen beispielgebender Vorbildfunktion und aktivem Messianismus eine Neuauflage. Konnte Bill Clinton die antikommunistische Kreuzzugsmentalität wenigstens zu Beginn seiner Amtszeit noch nutzen, um für eine aktive globale Demokratisierungspolitik zu werben, steht Al Gore mit ähnlichen Gedanken im US-amerikanischen Kernland auf verlorenem Posten. Dort, wo George W. Bush seine sicheren Mehrheiten fand, ist das State Department im Zweifelsfall ein Agent auswärtiger Interessen und die Bundesregierung in Washington eine eher lästig-teure Angelegenheit. Jedenfalls bis zur nächsten Bedrohung oder Rezession. Solange beides jedoch nicht in Sicht ist, drängt die politische Klasse von links und rechts zur wärmenden Mitte. Kein Wunder, wenn es dort knapp hergeht und am Ende gewinnt, wer dem Volk am scheinheiligsten in den Hintern kriecht. "Brown nosing" heißt dieser Vorgang auf gut Amerikanisch. And the winner is: Al W. Bore!

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