Der andere Kontext

FINKELSTEINS HOLOCAUST INDUSTRY In Amerika hält sich die Aufregung in Grenzen

Als die Anwälte aus Übersee zum ersten Mal in Bonn eintrafen, um mit der Bundesregierung über die Höhe der Entschädigungszahlungen für NS-Zwangsarbeiter zu verhandeln, war - nach den Fernsehbildern - auch an links-liberalen Stammtischen ein leichtes Grummeln nicht zu überhören. So hatte man sich deren Auftreten nicht vorgestellt: professionell und selbstbewusst, ihren Klienten bedingungslos verpflichtet - und kein Hehl daraus machend, dass der gut bezahlte Job für eine gerechte Sache auch den eigenen Ruhm mehren würde. Mit dem Anliegen der Kläger völlig solidarisch, störten sich viele hierzulande an dem auf Erfolg und Gewinn orientierten Advokaten-Typus aus der Neuen Welt, der ihnen nun in Gestalt jüdischer Opfervertreter entgegentrat. Mit solcher Art Anwalt und viel Geld könnte sich, so der leise Tenor, in Amerika auch ein O.J. Simpson vor der sicheren Verurteilung retten.

"Jüdisch und mächtig" - damit kann die deutsche Gesellschaft bis heute nicht umgehen - auch ihre Eliten nicht. Zu schwer wiegt die Befürchtung auch nur in die semantische Nähe einer "mächtigen jüdischen Weltverschwörung", gerückt zu werden, mit der die Nazis einst ihre Hoheit über die deutschen Stammtische gewannen. Zu drückend auch die Erinnerung an "zionistische Verschwörungen" als Vorwand für stalinistische Säuberungsexzesse im sowjetischen Machtbereich.

In Amerika war und ist das anders. Die "jüdische Lobby" stellt hier einen anerkannten Machtfaktor dar, vor allem in der Israel- und Nahostpolitik. Aber nicht nur dort - und genau hier setzt eine Kontroverse innerhalb der Jewish community an, die auch den weiteren Kontext der Finkelsteinschen Angriffe erhellt. Im Grunde genommen sind es zwei Fragen, die innerhalb der jüdischen Gemeinde Amerikas seit mindestens zwei Jahrzehnten Kontroversen auslösen.: Zum einen die nach ihrer Zukunft und dem Kern jüdischer Identität in den USA angesichts wachsender Säkularisierung und zunehmender Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden (cross-marriage). Hier hinein gehört auch die Debatte um den Holocaust als zentrales Element jüdischen Selbstverständnisses, inklusive der Kritik daran, die angesichts der über 2000-jährigen jüdischen Geschichte vor einer Verkürzung auf die Zeit der Shoa ebenso warnt wie vor einer Reduzierung auf die Rolle von Opfern und Überlebenden.

Die zweite Frage zielt auf dem Focus politischer Tätigkeit. Unstrittig ist, dass die schreckliche Erfahrung des Holocaust ein treibendes Motiv für das pro-israelische Engagement der Jewish community bildet - und in diesem Sinne auch instrumentalisiert wird. Israel als "single issue" hat Mobilisierungsfähigkeit, Macht und Mythos der jüdischen Lobby entscheidend befördert. Der Erfolg wäre jedoch ausgeblieben, würde das Anliegen in der amerikanischen Gesellschaft nicht auf einen fruchtbaren politischen und sozio-religiösen Boden fallen. Das Heilige Land ist den Bewohnern von "God's own country" alles andere als ein anonymer, abstrakter Begriff.

Allerdings knüpfen sich an die Idee einer gesicherten jüdischen Heimstatt höchst unterschiedliche Erwartungen. Teile der religiösen Rechten Amerikas verbinden mit einer sicheren Heimkehr der Juden vor allem christlich-fundamentalistische Erlösungsvorstellungen. Ihr pro-israelisches Engagement ist messianisch begründet und zielt in letzter Konsequenz auf die Bekehrung der Juden im Heiligen Land.

Für viele Amerikaner ist die Solidarität mit Israel jedoch ein moralischer Imperativ, der sich allerdings nicht nur aus dem Holocaust ableitet. Zusätzlich wirkte (und wirkt) hier das lange Zeit ungebrochene Image vom kleinen, schutzbedürftigen jüdischen Staat, der sich einer Phalanx mächtiger arabischer Nachbarn gegenübersieht, deren erklärtes Ziel es sei, "die Juden ins Meer zu treiben". Ein Bild, das jedoch spätestens mit den Fernsehaufnahmen von massakrierten Palästinensern in den Flüchtlingslagern von Sabra und Shatila (1982) und dem harten Vorgehen des israelischen Militärs während der ersten Intifada erhebliche Risse bekommen hat. Als "underdog" - in der amerikanischen Öffentlichkeit ein sicherer Sympathieträger - geht Israel seit den achtziger Jahren nicht mehr durch.

Je deutlicher sich dieser Imagewandel abzeichnete, desto engagierter wurden die Bestrebungen, dem ein positives Bild vom jüdischen Staat als einziger nahöstlicher Demokratie entgegen zu setzen. Und: desto professioneller die Lobbyarbeit zur politischen und finanziellen Unterstützung Israels im amerikanischen Kongress. Aber auch: desto deutlicher die Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen jüdischen Organisationen in den USA um Inhalte, Adressaten und Verbündete ihres politischen und finanziellen Engagements. Finkelsteins Angriffe stehen genau in diesem Kontext dieser Kontroverse Denn die Fokussierung auf Israel als "single issue" hat ihren Preis.

Historisch verstand sich die Jewish community immer auch als Anwalt von Minderheiten; geboren aus einer mehrheitlich liberalen Geisteshaltung und gespeist aus dem Emigrationsbewusstsein der verschiedenen jüdischen Einwandergenerationen, die sich ihren Platz in der Neuen Welt gegen teilweise heftige Ressentiments und Widerstände erkämpfen mussten. Jüdische Anwälte und Politaktivisten gehörten beispielsweise zu den ersten Weißen, die sich engagiert an die Seite der schwarzen Bürgerrechtsbewegung stellten. Allein, dieses Band ist zerrissen, stattdessen gibt es heftige Spannungen. Die haben ihre Ursachen nicht zuletzt darin, dass die sozialen Unterschiede zwischen beiden Gemeinschaften seit den siebziger Jahren stetig größer werden und dies auch zu wachsenden politischen Differenzen führt. Darüber hinaus spiegeln sich in diesen Spannungen innenpolitische Ausläufer der religiösen Komponente im Nahostkonflikt zwischen Juden und Muslimen; zumal, seitdem ein relevanter Teil der Black community ihre politische Emanzipation durch bewusste Hinwendung zu einem (oft sehr militanten) Islamverständnis zu unterstreichen sucht.

Linke und liberale Teile der Jewish community beklagen schon seit den achtziger Jahren einen sozial-konservativen "backlash", der sich auch in zweifelhaften pro-israelischen Bündnissen, beispielsweise mit dem christlich-fundamentalistischen Lager, dokumentiert. Die Mehrheit der Kritiker argumentiert nicht anti-zionistisch, wiewohl es auch das gibt. Zukunft und Sicherheit des jüdischen Staates stehen nicht zur Disposition. Wohl aber die einseitige und kritiklose Unterstützung konkreter israelischer Politik - in den besetzten Gebieten, aber auch im Kernland, vor allem, wenn es um das Verhältnis vom orthodoxen zum - in den USA mehrheitlich - liberalen und Reformjudentum geht. Entsprechende Einwände gegen die Politik des "Establishments" trifft auch die großen jüdischen Organisationen in den USA - nicht erst seit gestern und auch nicht immer berechtigt. Denn natürlich ist das über die eigene community hinausreichende philanthropische und soziale Engagement jüdischer Verbände in den USA nie zum Erliegen gekommen.

Finkelsteins Holocaust Industry ist eine radikale, selten mehrheitsfähige, weil weit über das Ziel hinaus schießende Stimme im Konzert dieser Kritiker. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Beifall aus der falschen Ecke ist dem Autor auch in den USA gewiss, muss ihn aber nicht anfechten. In Deutschland sieht dies anders aus. Dennoch bleibt die Vorstellung, man könne oder sollte das Erscheinen derartige Literatur unterbinden, ebenso unsinnig wie unrealistisch. Nein, Finkelsteins Buch gehört auf den hiesigen Markt - allerdings zusammen mit anderen, die besser sind, aber weniger Kasse versprechen. Zum Beispiel Howard M. Sachers 1992 erschienene History of Jews in Amerika. Sachers umfangreiche Geschichte jüdischer Emigration, Assimilation und Emanzipation entzaubert nicht nur den Mythos "jüdischer Macht" in den USA, sie erhellt auch den historisch-politischen Kontext, in dem sich radikale Kritiker wie Finkelstein mit ihren Thesen bewegen und dabei - ungeachtet gelegentlicher Diffamierungen als "selbsthassender Jude" (self-hating Jew) - relativ wenig Aufregung erzeugen.

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