Ges(ch)ichtsloser Kanzler

KOMMENTAR Schröders neue Peinlichkeit

In Washington, an einem der schönsten Orte der Stadt, steht das Lincoln Memorial. Geht man die große Freitreppe hinauf in die Halle mit der Statue des im amerikanischen Bürgerkrieg siegreichen Nordstaaten-Präsidenten, blickt einen Geschichte an: Ein übermächtiger Mann empfängt auf einer Art Thron sitzend die Besucher. An den Marmorwänden Zitate, die das liberale und humanistische Credo des Sklavenbefreiers belegen sollen. Wer jedoch links an Lincoln vorbei ins Innere des Memorials tritt und an einem bestimmten Punkt verharrt, erkennt im rückwärtigen Profil des hier Geehrten deutlich die Gesichtszüge seines erbittertsten Gegenspielers, des Südstaatengenerals Robert E. Lee.

Dieser "Zufall" ist zu plastisch, um wirklich zufällig zu sein: Er verrät ein ungewöhnliches Verständnis von Geschichte eines, von dem Gerhard Schröder lernen kann. Da haben die "Sieger der Geschichte" einem der ihren ein Denkmal gesetzt - und nicht vergessen, dem "Verlierer" ihren Respekt zu erweisen. Dahinter steht - ob nachträglich interpretiert oder nicht, ist eigentlich egal - die ebenso einfache wie wahre Einsicht: Wir wären nicht da, wo wir sind, ohne Euch.

Nun ist der amerikanische Bürgerkrieg, nicht zu vergleichen mit den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges. Und dennoch: So gern wie Kanzler Schröder seit kurzem damit hausieren geht, dass Deutschland mehr Weltoffenheit demonstrieren sollte, so laut möchte man ihm zurufen: Dann fang zu Hause damit an! Was war das für eine peinliche Veranstaltung, als die deutsche Protokollabteilung den russischen Präsidenten in Berlin allein nach Treptow gehen ließ - zu jenem sowjetischen Ehrenmal, das an 48.000 gefallene Rotarmisten erinnert, die bei der Schlacht um Berlin ihr Leben ließen. Sie kamen und starben nicht als Eroberer, sondern als Befreier, weil die Schröders jenes Jahrgangs es nicht vermocht hatten, sich selbst von einer faschistischen Diktatur zu erlösen.

Hier geht es nicht um politische Ästhetik. Und auch nicht darum, dass Putin sich geweigert haben soll, an der Kohlschen Neuen Wache, die alle "Opfer von Terror und Gewaltherrschaft" ehren will, einen Kranz niederzulegen. Selbst Kohl hätte diese "Kröte" geschluckt und wäre nach Treptow gegangen. Der Mann hat ein Gespür für Historisches. Schröder hingegen gehen solche Regungen ab. Die Neue Mitte kennt statt historischem Bewusstsein ganz offensichtlich nur noch hemdsärmliges Selbstbewusstsein.

Wie glaubt ausgerechnet so ein Kanzler davon reden zu können, dass Deutschland internationaler werden soll?! Als wenn es mit Green Cards für Computerspezialisten getan wäre. Nein, Schröder hat sich als das erwiesen, was er ist: ein moderner deutscher Kleingeist, ein Machertyp, der es aus armen Verhältnissen bis ganz nach oben gebracht hat ohne deshalb wirklich an Statur zu gewinnen. Kein Enkel Willy Brandts. Der müsste im Grabe rotieren!

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