Plastikschlüssel zum Paradies

KOMMENTAR 20 Jahre Golfkrieg

Kriege brechen nicht aus. Sie werden angezettelt und geführt. Am 22. September 1980 überschritten irakische Truppen die Grenze zu Iran. Damit begann am Persischen Golf ein Morden, das acht Jahre lang dauern sollte. Es war Saddam Hussein, der glaubte, die Gunst der Stunde nutzen und dem durch die islamische Revolution geschwächten Nachbarn einen Grenzverlauf aufzwingen zu können, der die Vormachtstellung Iraks in der Golfregion für immer festigen sollte. Der irakische Diktator hatte sich - genau wie zehn Jahre später bei dem von ihm befohlenen Überfall auf Kuwait - mit seinem Blitzkrieg gründlich verrechnet. Im Juni 1982 bot Bagdad Friedensverhandlungen an. Doch Ajatollah Khomeini, für den dieser Krieg von Beginn an ein "Segen Gottes" gewesen war, lehnte ab. Sechs Jahre lang!

Tatsächlich war der erste Golfkrieg für die radikal-islamischen Revolutionäre Irans ein "Geschenk des Himmels". In seinem Schatten konnte sich genau jenes rigide islamistische System etablieren, um dessen Öffnung und Reform in Iran heute gerungen wird. Der Weg dahin hat Tausenden Kindersoldaten das Leben gekostet. Mit einem Plastikschlüssel (made in Taiwan) um den Hals, der ihnen die Pforte zum Paradies öffnen sollte, wurden sie in "menschlichen Wellen" über Minenfelder ins gegnerische Feuer geschickt. Wer dieses Inferno überlebte, blieb fürs Leben gezeichnet. Eine verheizte Generation, die heute in Iran ihre bescheidenen staatlichen Vergünstigungen verteidigt. Auch gegen Teile der Reformer.

Tankerkrieg, Städtekrieg - all das sind fast vergessene Vokabeln aus einer Zeit, da der vom Ost-West-Konflikt im Bann gehaltene Norden mit Schaudern auf das Morden am Golf schaute - und kräftig daran verdiente. Vom Westen wurde der Aggressor Saddam Hussein sehr schnell als ein Bollwerk gegen die "islamische Gefahr" aufgerüstet. Und im Osten, wo man unter der grünen Fahne des Propheten zunächst auf ein rot-grünes Bündnis der ganz anderen Art gehofft hatte, machte sich bald blanker Pragmatismus breit. ADN glänzte mit ausgewogenen Vierzeilern, und die IFA-Werke in Ludwigsfelde mussten eine überfällige Umstellung der Produktion von Zweitakt- auf Viertakt-LKW lange hinauszögern, weil das den devisenträchtigen Export an beide Kriegsparteien gefährdet hätte.

An dieser Art doppelzüngiger Realpolitik hat sich in der "Neuen Weltordnung" wenig geändert. Einzig Saddam Hussein mutierte nach seinem Überfall auf Kuwait vom heimlichen Verbündeten zum Paria - und ist sich doch die ganze Zeit über treu geblieben. In Iran dagegen hoffen Reformer und Konservative gleichermaßen auf ein Abschiedsgeschenk Bill Clintons: das Ende der zwanzig Jahre alten Sanktionen gegen die Islamische Republik.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden