Ratio des Irrsinns

KOMMENTAR Auf dem Papier werden wir irgendwann atomwaffenfrei

"Historisch" hat UN-Generalsekretär Kofi Annan die Erklärung der fünf offiziellen Nuklearmächte genannt, irgendwann einmal auf ihr Atompotenzial verzichten zu wollen. Gemessen an der Halsstarrigkeit mit Washington, Moskau, London, Paris und Beijing sich bisher weigerten, solch einen Verzicht auch nur für den Sankt Nimmerleinstag ins Auge zu fassen, mag das Adjektiv seine Berechtigung haben. Ansonsten aber wird mit diesem Abrüstungsversprechen eher viel Lärm um wenig gemacht. Und das nicht nur, weil ein Zeitplan fehlt. Dieses Manko ist doch nur das Indiz dafür, dass niemand in dem exklusiven Fünfer-Club wirklich bereit ist, auf Atomwaffen ganz zu verzichten.

Nicht Einsicht, sondern Not und Angst trieben die fünf legalen Nukees zu dem unverbindlichen Papier. Der Atomklub wird größer und immer mehr Staaten begehren Einlass. Weil: Sie haben von den großen Fünf gelernt, dass nur der wirklich ernst genommen wird im globalen Machtpoker, dessen Hand im Zweifelsfall auf einem roten Knopf ruht. Deshalb wird geforscht, gebaut und auch gegen die Proteste der Weltöffentlichkeit getestet. Was den Franzosen recht war, durfte den Indern und Pakistani wenig später nur billig sein. Wer könnte sich der machtpolitischen Ratio dieses Irrsinns verschließen?

Wem die Kraft zum nuklearen Muskelspiel fehlt, der greift zu den biologischen und chemischen Billigangeboten. Die Bestandteile dafür sind auf dem grauen Markt der dual use-Güter leicht erhältlich. Und weil sich daran nur etwas ändern ließe, wenn im Zweifel gegen den Profit und für unser aller Sicherheit entschieden würde, ändert sich an diesem perversen System eben nichts. Deshalb haben die Bedrohungsanalytiker der NATO oder des Washingtoner Nationalen Sicherheitsrates ja auch Recht, wenn sie sich und uns vor den Gefahren warnen, die solche Waffen in den Händen von unberechenbaren Herrschern oder finanzstarken Terroristen darstellen.

Allein, was sie daraus ableiten, spottet gesundem Menschenverstand. Da gibt sich die NATO eine neue - im Detail immer noch geheime! - Militärdoktrin, die nicht nur weiterhin den nuklearen Erstschlag beinhaltet, sondern sich auch vorbehält, die atomare Keule gegen eine Bedrohung mit biologischen oder chemischen Waffen zu schwingen. Das heißt, man will "Schurken" abschrecken, die nach einer dieser Doktrin zugrunde liegenden Bedrohungsanalyse für nicht berechenbar gehalten werden. Solche Logik kapiere, wer will. Ganz offensichtlich glaubt Washington selbst nicht mehr so richtig an die Weisheit nuklearer Abschreckung und rettet sich deshalb erneut in Unverwundbarkeitsphantasien à la SDI. Die abgespeckte Variante des Sternenkrieges nennt sich National Missile Defense (NMD). Es soll die Illusion nähern, Amerika sei vor den Schurken dieser Welt sicher und also frei in seinem Gebrauch großer Macht. Ein teurer Irrtum, im besten Fall - im schlimmsten, ein tödlicher.

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