Rot-Rot-Grün

KOMMENTAR Berlins neue Ampelfarben

Als "wurzelgrün" wird der Berliner Landesverband gern verspottet. Was wohl soviel heißen soll, dass sich hier Mitglieder finden, die noch wissen, was die Partei einst auszeichnete: alternativ zu sein, nach Alternativen zu suchen. In der - seit 1990 oppositionellen - Praxis war davon oft wenig zu spüren. Und nun der große Wurf? In jedem Fall ist es bemerkenswert, dass die Berliner Grünen sich anschicken, in der gleichnamigen Republik anzukommen. Noch 1999 hatte man im Wahlprogramm jegliche Zusammenarbeit mit der PDS ausgeschlossen. Jetzt votierte der Landesparteitag dafür, sowohl den Sozialdemokraten als auch den Demokratischen Sozialisten ein Koalitionsangebot zu unterbreiten. Anders sei der Mehltau, den die Große Koalition über die Hauptstadt gelegt habe, nicht wegzublasen. Nur so könne die korrumpierte CDU zur politischen Regeneration auf die Oppositionsbänke verwiesen werden.

Gewählt wird in Berlin jedoch erst 2004 - und vorgezogene Neuwahlen sind ohne CDU-Stimmen im Berliner Abgeordnetenhaus nicht zu haben. Also bleibt alles beim Alten? Nicht ganz: Das Angebot ist ebenso taktisch motiviert wie Teil einer politischen Lockerungsübung, um die Frontstadtmentalität im sozio-kulturell nach wie vor geteilten Berlin aufzubrechen. In ganz Deutschland wird die Ost-West-Kluft eher größer als kleiner. Dies kann, muss aber in Frankfurt/Oder und Frankfurt/Main nicht weiter berühren. Man bleibt unter sich, und alles andere regeln Länderfinanzausgleich, Solidarpakt und Aufbau Ost. Die großen Gefahren, vor denen Wolfgang Thierse warnen wollte, bleiben allenfalls im Osten sinnlich erfahrbar. Noch. In Berlin ist das anders. Hier haben sich die politischen Milieus in den vergangenen zehn Jahren so hartnäckig gehalten, ja noch weiter verfestigt, dass die Stadt nur regierbar schien, indem der Osten - und das hieß, politisch unkorrekt verkürzt: die PDS - außen vor gelassen wurde. Insofern spiegelt Berlin deutsch-deutsche Vereinigungsrealität durchaus exakt wider - während gleichzeitig, quasi als "Entschädigung" für die politische Marginalisierung, im Ostteil kräftig investiert wurde. Westberlin dagegen kam mit dem Mauerfall neben der politischen Identität auch das Geld abhanden. Den Milieus tat das gut, der Stadt nicht. Die Alimentierten im Osten durften und brauchten (!) nicht zu gestalten. Und den westlichen Machern - der SPD mehr als der CDU - ging die vernachlässigte Stammwählerschaft von der Fahne. Die Große Koalition - eigentlich ein Notbehelf - wurde zur Endlosschleife in dem zunehmend absurderen Stück "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern".

Nun haben - nach der SPD - auch die Grünen darüber den Vorhang gesenkt. Mit Bauchschmerzen zwar und vorerst nur symbolisch, aber in dem deutlichen Bewusstsein, dass Politik sonst ohne Alternative bleibt. Rot-Rot-Grün ist zu einer Option für Berlin geworden - und vielleicht auch für die Berliner Republik.

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