Teilen, ohne zu trennen

KOMMENTAR Wem gehört Jerusalem?

Und wieder ist eine Deadline verstrichen. Der palästinensische Nationalkongress folgte dem PLO-Chef und hat die angedrohte Proklamation des Staates Palästina um mindestens zwei Monate verschoben. Eine weise Entscheidung? Wenn mangelnde Zeit das Hauptproblem im Konflikt mit Israel wäre, läge die Antwort klar auf der Hand. Tatsächlich stehen beide Seiten unter erheblichem Druck. Zum einen, weil Bill Clintons Tage als Vermittler gezählt sind. Jeder Nachfolger im Weißen Haus wird sich hüten, gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft derart heiße Eisen anzupacken. Zum anderen, weil auch Ehud Barak nur bis zum Ende der parlamentarischen Sommerpause Zeit für ein Abkommen bleibt. Dann wird er sich entscheiden müssen: Entweder Neuwahlen mit dem Ziel, ein klares Mandat für flexible Friedensverhandlungen zu bekommen, oder eine große Koalition mit dem Likud, die sich dann aber vor allem innenpolitischen Problemen widmen würde.

All das weiß Yassir Arafat, von dem es im eigenen Lager inzwischen heißt, er würde sich in der Rolle eines designierten Staatsoberhaupts viel zu wohl fühlen, um wirklich zu Ergebnissen kommen zu wollen. Internationales Prestige und ein nahezu ungehinderter Zugang zum Weißen Haus - damit wäre es vorbei, wenn Arafat und Barak morgen zur Unterschriftsleistung schreiten würden. Dahinter steht unausgesprochen und zynisch: Die Palästinenser sind eigentlich nur als »Störenfriede« von Interesse und politischem Gewicht. Als ganz normales Entwicklungsland würde ein palästinensischer Staat sehr schnell in der medialen und politischen Versenkung verschwinden. Hinzu kommt die für viele Palästinenser bittere Erkenntnis, dass Arafat eben nicht der Mann ist, ein demokratisches und prosperierendes Staatswesen zu etablieren. Dafür sind die Defizite in den selbstverwalteten Zonen zwischen Gaza und Westbank schon heute viel zu offensichtlich.

Und so bleibt Palästina ein Pulverfass. Der Konflikt um Jerusalem zeigt zudem, wie weise - und nur scheinbar hoffnungslos illusorisch - die Grundidee des Osloer Abkommens war, dass beide Seiten sich von den Schatten der Vergangenheit lösen mögen und statt dessen ihr Heil in einer nur gemeinsam zu bewältigenden Zukunft suchen sollten. Davon ist schon lange keine Rede mehr. Statt dessen geht es nur noch um »saubere Scheidung«. Genau diesem Ansatz aber verweigert sich die Heilige Stadt. Dabei ist Jerusalem de facto längst geteilt. Diesen Zustand ohne Gesichtsverlust in ein Vertragswerk zu gießen, das auf beiden Seiten mehrheitsfähig ist, scheint jedoch nahezu unmöglich. Es geht gar nicht anders: Jerusalem muss die Nagelprobe aufs gemeinsame Exempel werden. Die Quadratur des Kreises heißt: Teilen, ohne zu trennen. Pläne dafür liegen längst vor. Anders ist auch ein palästinensischer Staat nicht überlebensfähig, bleibt Frieden im Nahen Osten eine Illusion. Die Alternative wäre Krieg - und die Uhr tickt.

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