Theaterdonner

KOMMENTAR Schröders neue Töne

So deutlich wie Gerhard Schröder ist lange kein Bundeskanzler mehr geworden, wenn sich hoher Besuch aus dem Weißen Haus angesagt hatte. Europa mit seinen sozialstaatlichen Traditionen sei gegenüber dem amerikanischen Gesellschaftsmodell mittel- und langfristig das bessere, ließ der Kanzler wissen. Ist das noch derselbe Schröder, aus dem Hombach-Blair-Papier? Der Mann sprach eher, als wäre ihm der Geist Lafontaines im Kanzleramt erschienen.

Auf jeden Fall hat sich Schröder nach der Koch-Weser-Schlappe im Frühjahr als lernfähig erwiesen. Damals wollte er seinen Kandidaten für den Chefposten beim IWF gegen den erklärten Willen der Amerikaner durchsetzen. Das war neue deutsche Hemdsärmligkeit pur und ohne europäische Rückendeckung. Weder Paris noch London konnten Schröders Kandidaten viel abgewinnen, und niemand im Kanzleramt war in der Lage, die Signale zu hören. Also baten die europäischen "Freunde" Washington, den Part des mobbenden Verbündeten zu geben, bis Koch-Weser entnervt von selbst das Handtuch warf. Der ganze Vorgang sagte gar nichts über die Qualität des Kandidaten, aber alles über das diplomatische Geschick im Kanzleramt.

Beim Streit um die amerikanischen Raketenabwehrpläne liegen die Dinge genau umgekehrt. Diesmal sind es die Europäer, die wissen, dass man im Weißen Haus nicht wirklich hinter dem NMD-Projekt steht. Insgeheim hoffen nicht wenige innerhalb der Administration, der ganze Raketenabwehrspuk möge schlichtweg an technologischen Unzulänglichkeiten scheitern. Das wäre ein Argument, vor dem auch die amerikanische Rüstungslobby in die Knie gehen müsste. Leider scheint es zur Zeit das einzige zu sein. Denn ansonsten hält sich auf der anderen Seite des Atlantik die ebenso naive wie gefährliche Illusion von einer weltraumgestützten Unverwundbarkeit.

Technologie als Politikersatz. Wenn das Schule macht, entstehen selbst innerhalb des Bündnisses gefährliche Zonen unterschiedlicher Sicherheit. Von den programmierten Spannungen und neuen Rüstungswettläufen mit Russland oder China ganz zu schweigen. Deshalb war es richtig, dem US-Präsidenten zu sagen, wie deutlich sein Sternenkriegskonzept gegen europäische Interessen verstößt. Doch Schröders klare Worte können nicht verdecken, dass die europäische Ablehnungsfront schon bröckelt. Der "run" unter den Schirm hat längst begonnen. Noch firmiert er unter dem Logo transatlantischer "Schadensbegrenzung". Schon bald aber wird man uns erzählen, wie bedrohlich solche "Schurkenstaaten" wie Iran oder Nordkorea für die europäische Sicherheit sind. Und wie praktisch es sich doch unter einem amerikanischen Raketen-Abwehrschirm leben ließe. Dann werden sich auch Schröders kräftige Worte als das erweisen, was sie wahrscheinlich nur sind: medialer Theaterdonner.

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