Vom Fiasko zum Frieden?

KOMMENTAR Israel räumt den Libanon

Ehud Barak will Wort halten: Bis zum Juli werden Israels Besatzungstruppen aus der sogenannten Sicherheitszone im Südlibanon verschwunden sein, komme, was da wolle. Eine gute Nachricht? Vielleicht. Zunächst einmal ist es das Eingeständnis eines politischen Fiaskos. Denn, dass die Soldaten so "plötzlich" abziehen, hat einen einzigen Grund: Der Blutzoll ist dem israelischen Volk schon lange viel zu hoch. Nur: Wenn die Truppen jetzt ganz ohne Gegenleistung verschwinden können, wozu dann erst die Okkupation? Wozu die vielen sinnlosen Opfer?

Ursprünglich war der besetzte Südlibanon als israelisches Faustpfand gegenüber Syrien, gedacht. Wir gehen, wenn ihr euch auf unsere Friedensbedingungen einlasst. So der Tenor vor achtzehn Jahren. Inzwischen haben sich die Dinge um fast 180 Grad gedreht. Der Südlibanon wurde zur Falle für Jerusalem und zur Trumpfkarte für Hafiz el-Assad in Damaskus. Wann immer der syrische Präsident dem "zionistischen Gebilde" klar machen wollte, dass ohne ihn ein Frieden in Nahost nicht zu haben ist, hat er die Spannungen in der Sicherheitszone eskalieren lassen. Den Preis für diesen Stellvertreterkrieg zahlten in erster Linie die Libanesen.

Wenn Barak jetzt den Rückzug befiehlt, nimmt er einen wichtigen Joker aus dem nahöstlichen Machtspiel. Was das für die Verhandlungen zwischen Syrien und Israel bedeutet, wird sich sehr bald zeigen. Im Grunde bleiben nur zwei Interpretationen: Entweder die Friedensbemühungen sind gescheitert und Jerusalem zieht einseitig seine angekündigten Konsequenzen. Oder aber ein Abkommen steht kurz bevor. In dem Fall wäre der Rückzug - wie geplant - Teil eines umfangreicheren Interessenausgleichs. Sollte letzteres zutreffen, könnte es bald Schlag auf Schlag gehen. Barak stände dann nämlich unter erheblichem Zeitdruck.

Vor einer Woche hat die Knesset mit Mehrheit ein Gesetz in erster Lesung behandelt, das die Hürden für einen Friedensschluss mit Syrien beträchtlich erhöht. Es sieht vor, dass in dem von Barak angekündigten Referendum die Mehrheit aller Wahlberechtigten nötig ist. Ein mehr als kühnes Unterfangen. Bis das Gesetz jedoch die letzte Lesung passiert, vergehen noch etwa acht Wochen. Sollte es innerhalb dieser Zeitspanne zu einem Friedensvertrag mit Syrien kommen, wäre der israelische Premier aus dem Schneider.

Tatsächlich scheinen, glaubt man der nahöstlichen Gerüchteküche, beide Seite in den letzten Wochen bei Geheimverhandlungen alle strittigen Fragen geklärt zu haben. Das Abkommen sei faktisch unterschriftsreif, heißt es. Nur die symbolische Geste fehlt noch, der Händedruck zwischen Assad und Barak, auf den alle warten. Alle, mit Ausnahme der Palästinenser. Die wissen, dass ihre Verhandlungen mit Israel ungleich schwieriger werden, wenn Jerusalem seinen Frieden mit Syrien gemacht hat.

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