Wir sind die Guten

URANGESCHOSSE Nicht die Munition ist das Verbrechen, sondern die Kriegführung

Zyniker und Moralisten haben Recht: Der mediale Wirbel um den Einsatz urangehärteter Munition auf dem Balkan ist die Fortsetzung der politischen Auseinandersetzung um den Kosovo-Krieg. Es geht um die Legitimität der NATO-Militärschläge gegen Jugoslawien - juristisch, politisch und moralisch.

Dass die Angriffe völkerrechtlich nicht gedeckt waren, bestreiten heute selbst viele Befürworter nicht mehr. Deshalb ihre sanfte Lesart von der "Ausnahme", die nur durch die Untaten des Milos?evic´-Regime politisch und moralisch gerechtfertigt gewesen sei. Es galt, Schlimmeres zu verhüten. Ramsey Clark, ehemaliger US-Justizminister und vehementer Kritiker des NATO-Krieges gegen Jugoslawien, spricht in diesem Zusammenhang von einem brennenden Haus, das nicht gelöscht, sondern bombardiert wird. Der Vergleich stellt militärische Gewalt nicht per se in Frage, sondern hebt auf die Art der Kriegführung ab. Das macht ihn so schlagend - und entlarvt die Kollateralschaden-Apologetik von Scharping Co.

Die NATO wusste, was sie tat, als sie ein relativ hoch entwickeltes Industrieland mit Bomben bedeckte. So warnte man beispielsweise die serbische Seite vor Luftangriffen auf Chemieanlagen und gab ihr auf diese Weise genügend Zeit, wenigstens die gefährlichsten Stoffe aus der Gefahrenzone zu bringen. Was dennoch in Rauch aufging, war giftig genug, um ganze Gebiete auf Jahre zu verseuchen. Chemische Kriegführung darf man das streng genommen nicht nennen. Dazu hätte die Allianz selbst Chemiewaffen einsetzen müssen. Die Wirkung blieb oft genug dieselbe. Ob dies, nach mehreren vergeblichen Anläufen, irgendwann doch noch für eine erfolgreiche Anklage wegen Kriegsverbrechen reichen wird, steht in den Sternen. Ganz sicher aber stellt es die Hybris der Luftangriffe auf zivile Ziele bloß.

Wenn Rudolf Scharping heute politische Rückendeckung darin sucht, schon im Juli 1999 vor möglichen Gefahren durch Uran-Geschosse gewarnt zu haben, liegt das auf derselben Ebene moralischer Bankrotterklärung. Natürlich kannte man bei der NATO die Gefahren dieser Art Munition. Mehr als 100.000 alliierte Soldaten leiden seit Jahren am so genannten "Golfkriegssyndrom". Die Fälle sind - anders als die der weitaus stärker betroffenen irakischen Zivilbevölkerung - gut dokumentiert. Der statistische Zusammenhang ist eindeutig, wenngleich bisher nicht justiziabel.

Richtlinien des britischen Verteidigungsministeriums, auf dessen Schießplätzen Uran-Munition seit zehn Jahren verwendet wird, erlauben das Betreten uranverseuchter Gebiete nur, um Verletze zu bergen. Auch deutsche KFOR-Soldaten hatten detaillierte Anweisungen zur Gefahrenvorsorge: kein Obst, kein Gemüse, kein Wasser! Und die heimische Zivilbevölkerung?

Nicht die Verwendung der Uran-Munition ist das Verbrechen, von dem spät erwachte Gutmensch-Politiker jetzt schwadronieren, sondern die Kriegführung der NATO auf dem Balkan. Wer aus großer Distanz bomben und feuern lässt, um die eigenen Verluste gegen Null zu fahren, nimmt "Kollateralschäden" ebenso billigend in Kauf wie die Spätfolgen urangehärteter Geschosse. Das war schon im Golfkrieg so - und wurde schnell vergessen. Warum sollte es zehn Jahre später anders sein?

Die Wahrheit ist: Es gibt keinen "sauberen Krieg". Wenn Waffen sprechen, hat Politik versagt hat. Im High-tech-Zeitalter wird dieses Versagen gern kaschiert - visuell mit Bildern von "chirurgischen Schlägen" und verbal durch zerknirschte Politikerstatements über bedauerliche Opfer. Das hebt die Moral in der Etappe: Wir sind die Guten, was sonst!

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