RE: An die Westdeutschen | 08.11.2014 | 16:29

Wie so oft gilt, es gibt nicht nur eine Perspektive. Es stimmt in der Tat, dass mich als Westdeutschen aus NRW Details an Ostdeutschen ärgern – genauso übrigens wie an Bayern, Nordfriesen oder Hessen. Es stimmt auch, dass mich vieles an der Ausrichtung stört, die die BRD nach der Wende eingenommen hat. Aber es sind eben nicht die Punkte, die Sie, Frau Hensel, hier anführen.
Die BRD war Ende der 80er fraglos vor allem finanziell in einem deutlich besseren Status als die DDR. Aber das allein war kein Grund dafür, dass die DDR unter de Maizière sich unter Wert an die Treuhand verhökern ließ.
Stattdessen rannten eine erschreckende Mehrheit in der DDR einem großen dicken Mann aus Oggersheim hinterher, der im Westen politisch längst am Ende war, und verlängerten sein Wirken. Die Wende, die Kohl Anfang der 80er gemeinsam mit der FDP versprach, hat er politisch doch erst in den 90ern eingeleitet. Erst in den 90ern begann die Zerschlagung der Sozialsysteme, die Schröder dann vollendet hat.
Außerdem jammere ich als Westdeutscher nicht über DDR-Errungenschaften wie das „Turbo-Abi“. Im Gegenteil ärgere ich mich darüber, dass in einem besoffenen Der-Kapitalismus-hat-gewonnen-Patriotismus viele DDR-Errungenschaften eben nicht im Westen Einzug hielten. Und das westliche „Turbo-Abi“ hat nach allem, was mir berichtet wurde, nur bedingt etwas mit der 12-jährigen Schullaufbahn zu DDR-Zeiten zu tun, weil hier einfach 13 Jahre in 12 gestopft wurden (inzwischen merkt die KMK, dass man wohl auf das ein oder andere verzichten muss, wenn man ein Jahr eindampft).
Viel schwerer wiegt daher meine Enttäuschung, dass aus dem Osten keine Fürsprecher für die guten Dinge kamen, sondern dass das westliche System verstärkt, kurz verschlimmert wurde – und zwar auf Kosten aller Schwachen in Ost und West.
In dieser Hinsicht habe ich in der Tat ein Land verloren. Dabei war ich 89 noch sehr gespannt, ob jetzt nicht ein neues entstehen könnte. Eines, das einen dritten Weg wählt. Leider gab es dafür im Osten noch weniger Fürsprecher als im Westen. Die Chancen, die damals verspielt wurden, werden in den nächsten Jahrzehnten trotz Finanzkrisen nicht wiederkommen.

PS: Diese Erkenntnisse beruhen nebenbei nicht allein auf westdeutschen Inselüberlegungen, sondern auf jahrelange Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern und Freundschaften mit Menschen von dort bis nach Dresden. Engagierte Wismaraner erzählten mir beispielsweise, dass sie, als sie 89/90 in Sitzungen Bedenken gegen den schnellstmöglichen Anschluss äußerten, mit Aussagen niedergebrüllt wurden: „Du willst uns doch bloß die schöne D-Mark kaputtmachen!“ Ein Volk, das solche Prioritäten setzt, darf sich nicht wundern, wenn der Westen es überrollt und niederwalzt.

RE: Die Schavan-Flüsterer | 02.08.2014 | 10:46

Das kann nur erstaunlich finden, wer noch keine Uni (mit offenen Augen) von innen gesehen hat. Die permanenten Machtspielchen um Posten und Mittel, die länderübergreifenden Kämpfe verschiedener Schulen innerhalb einzelner Fachrichtungen, die sich vielfach über zig Jahrzehnte hinziehen, zuletzt die zielgerichtete Zerstörung des wissenschaftlichen Mittelbaus, der geistige Frische einfach verdunsten lässt – all das hat das System Uni dermaßen korrumpiert, dass glücklich sein darf, wer dieses System erfolgreich hinter sich gelassen hat.

RE: Rückblick durch Orpheus | 24.06.2013 | 12:50

Gemeiner als jeglicher Hirnquirl ist natürlich, wenn der aggressiv Angeschriebene so souverän auf Kritik reagiert wie Sie. Es beschämt mich nicht wenig und ich verbeuge mich voller Anerkennung dafür.

Darf ich dennoch auf den Punkt fragen: Findet der Film wirklich auf einer abgehobenen Metaebene statt, wie es mir durch Ihre Rezension erscheint?

RE: Rückblick durch Orpheus | 10.06.2013 | 22:28

Eigentlich hatte ich mich auf diesen Film gefreut. Aber wenn er auch so ein Hirnquirl ist wie diese lächerlich überbretzelte Rezension, sollte ich mir das noch mal überlegen. Immerhin könnte man die Rezension an die Geisterbahn weiterreichen – zum Leute-Erschrecken.

RE: Tödliches Nichtwissenwollen | 20.03.2013 | 21:08

Bei der Lektüre musste ich unwillkürlich an meine Familie denken, gerade hinsichtlich des Schweigens innerhalb der Familie.

Es war eine bekannte Geschichte in der Familie, dass meine Mutter neben ihrem jüngeren Bruder noch einen älteren gehabt hatte. Das wurde uns Kindern, also meiner Schwester, meinen Cousins und mir, bereits erzählt, als wir noch klein waren.

Allerdings ging die Geschichte anfangs immer so, dass dieser ältere Onkel direkt bei der Geburt gestorben sei, weil es eine missglückte Zangengeburt gewesen sein sollte. Erst als ich schon Teenager war, munkelte meine Mutter hinter vorgehaltener Hand, ob da nicht mal die Nazis ihre Finger mit im Spiel gehabt haben könnten. Als ich diese Theorie erstmals hörte, dachte ich mir nicht viel dabei. Sicher hatte ich bereits in der Schule schon von Euthanasie gehört, konnte es aber zeitlich nicht entsprechend einordnen.

Wieder ein paar Jahre später erfuhr ich sehr konkret, wann die Euthanasie überhaupt genau stattgefunden hatte. Angesichts dessen, was meine Mutter mir früher erzählt hatte, konnte es mit meinem ältesten Onkel nichts zu tun gehabt haben, weil er viel zu früh geboren worden wäre.

Mittlerweile sind meine Großmutter und mein Großvater tot. Beide erzählten nichts über diese Zeit. Meine Oma war mit ihren beiden Kindern zu ihrer Schwägerin auf einen Bauernhof nahe Ulm gezogen, um dem Bombenhagel im Ruhrgebiet auszuweichen. Mein Großvater war später von der Ostfront desertiert und hatte sich irgendwie allein ebenfalls zu diesem Bauernhof durchgeschlagen. Hier versteckte er sich die letzten Kriegsmonate unter dem Dach der Scheune. Meine Mutter weiß noch, wie eindringlich ihr gesagt worden war, niemandem davon zu verraten, dass ihr Vater wieder zurück war.

Letztes Jahr war es so weit. Inzwischen selbst älter und ehrlich gesagt auch ein wenig schusselig geworden begann meine Mutter ganz unvermittelt, mir bei einer Feier unter vier Augen von diesem älteren Onkel zu erzählen. Dass sie immer wieder an ihn denken muss. Wie er da als Kind in einem Stühlchen gesessen hatte, offenkundig geistig behindert. Wie er unwillkürlich um sich schlug, nicht sprechen konnte und sie schließlich angriff. Daraufhin kam er in ein Heim bei Mönchengladbach. In dem Heim hatten meine Oma und meine Mutter ihn noch besucht, daran konnte sie sich auch erinnern.

Als meine Oma dann mit den Kindern in den Süden zog, sprach ihr Arzt sie an. Er teilte ihr unter der Hand mit, dass ihr ältestes Kind schwer krank sei und bald sterben würde. Laut meiner Mutter hatte er sogar im Vorfeld schon gesagt, dass die Todesursache sicher Lungenentzündung werden würde.

In der Sicherheit auf dem Bauernhof nahe Ulm erhielt meine Oma dann kurz darauf einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihr ältester Sohn gestorben sei – an einer Lungenentzündung.

Es ist seltsam, wenn man dieses Schweigen selbst erlebt hat. Genauso seltsam ist es, dass meine Mutter plötzlich beginnt, davon zu erzählen. Sie unterscheidet sich hierin massiv von meinen Großeltern, die nichts über ihre Zeit im Krieg erzählt haben. Niemand hat jemals erfahren, warum mein Großvater desertiert ist und was er auf dem Weg allein durch halb Europa erlebt hat. Bekannt war nur in der ganzen Familie, dass er Waffen aufs Schärfste abgelehnt hat, ja er ist sogar mal ausgeflippt, als ich mir als Kind aus Papier eine Pistole geschnibbelt habe, mit der ich Cowboy spielen wollte.

RE: Merkel und der böse Wulff oder: Wehret den Anfängen | 07.01.2012 | 19:55

Eben. Aber genau das passiert nicht, weil wir in einem Parteienstaat gelandet sind, der mehr oder weniger von Funktionären geführt wird. Das einzige Pfund, mit dem das System noch wuchern kann, ist, dass es mehr als eine Partei gibt. Aber die gab es in der DDR auch.

Interessant wäre mal Folgendes: Ein Verfassungsentwurf im nachrevolutionären Frankreich beinhaltete eine Klausel, nach der sich Politiker am Ende ihrer Legislaturperiode vor einer Art Tribunal direkt für die Politik verantworten sollten, die sie betrieben haben.

Oder ein anderer Vorschlag, der die Parteienmacht brechen könnte: Auf Wahlscheinen auch „Keine“ wählen können, mit der Konsequenz, dass diese „Partei“ dann auch Sitze bekommt, sprich: Für die Keine-Stimmen müssten auch Plätze im Parlament leer bleiben. Ich glaube erstens, dass so wesentlich mehr Menschen wählen gehen würden, und zweitens, dass die Parlamente auch in Vollbesetzung deutlich leerer wären.

RE: Boykotteure für die Freiheit: die Anti-Saccharisten | 25.04.2011 | 23:31

Eine Frage vom Ahnungslosen: Sind Sie sicher, dass Zucker im 18. Jahrhundert als „weißes Gold“ tituliert wurde, wie der Text vermuten lässt? Rohrzucker ist doch schließlich braun oder wird er nur heutzutage braun belassen?
Auch die Begrifflichkeit der Tea Party überrascht mich im oben genannten Zusammenhang, weil ich ihn eher mit der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung Ende des 18. Jahrhunderts und der palinschen Pseudokopie der Postmoderne in Verbindung bringe.

RE: Direkte Demokratie! Jetzt erst recht | 26.12.2009 | 10:18

Richtig, hinter dem Religionsgeblubber, an dem sich die meisten hier reiben, verstecken sich die beiden kritischen Schlüsselsätze Herrn Koenigs hier:

a) Wenn viele Menschen mit möglichst unterschiedlichem Hintergrund unabhängig voneinander über etwas entscheiden … sind die Ergebnisse oft nachprüfbar besser als bei anderen Entscheidungsverfahren.
b) … sollte in einer Zeit, in der jeder Bürger über das Internet Zugang zu allen Informationen hat, einem grundsätzlichen Vertrauen in das geistige Potenzial jedes Menschen weichen.
Oft, mein lieber Herr Koenig, ist nicht immer. Im Gegenteil ist der Begriff sogar so dehnbar, dass er nicht einmal zwangsläufig die Mehrheit der geprüften Fälle beschreibt, geschweige denn die Mehrheit aller Entscheidungen.
Der zweite Teil geht dagegen von einer naiv-idealistisch Vorstellung aus, der vermutlich nur ein Digital Native anhängen kann: Erstens ist es falsch, zu behaupten, dass „jeder Bürger über das Internet Zugang zu allen Informationen hat“, und zweitens zeigt sich täglich, dass gesteigerte Zugangsmöglichkeiten nicht bewirken, dass die Menschen sie auch in Anspruch nehmen. Das Gegenteil scheint der Fall: Je mehr Informationen sie zur Verfügung haben, desto weniger nehmen sie sie zur Kenntnis. Sie lassen sich lieber berieseln.
Viel wichtiger wäre die Notwendigkeit, dass die Menschen denken lernen.

RE: Am Herd der Zivilisation | 25.10.2009 | 17:20

Man muss nicht einmal viel zu manch unsinnigen Details im Text sagen, bereits die Einleitung verrät die fachliche Ahnungslosigkeit: Die "Menschwerdung des Affen" ist und bleibt Unsinn, ursprünglich übrigens um Darwin zu verunglimpfen. Nach evolutionärer Theorie haben Menschen und Affen lediglich gemeinsame Vorfahren. Dieses kleine Einmaleins sollte im Hinterkopf behalten, wer sich beruflich mit der Evolution befasst.

RE: Anonymität ist Freiheit | 09.10.2009 | 16:22

Der Satz von der Stadtluft, die frei macht, meinte vor allem die Anonymität der Großstädte, die den einzelnen von den damals noch viel enger geschnürten sozialen Zwängen befreite.